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Veröffentlicht: 01.02.2001, 00:00 Uhr

Rezension Günther Anders' Medienkritik und die Zerstreuung

In seinem philosophischen Hauptwerk “Die Antiquiertheit des Menschen“ nimmt sich Günther Anders auch unser Verhältnis zum Fernsehen vor.

© Beck

Die moderne Medienkritik hat zahlreiche Vorläufer. Platons Phaidros-Dialog ist wohl einer der ersten; die Lesesuchtdebatte im ausgehenden 18. Jahrhundert diskutierte erstmals das Phänomen des Massenmediums; die Kinodebatte Anfang des 20. Jahrhunderts das erste elektronische Massenmedium. Immer ging es um die bedenklichen Tendenzen, die dem neuen Medium innewohnen: Gedächtnisschwund im Falle der Schrift, realitätsferne Träumereien im Falle der Räuber- und Liebesromane; Flucht in Illusionswelten auch angesichts laufender Bilder.

Knapp zehn Jahre später erschien der erste Band der Andersschen Gesellschaftsanalyse, der in seinem Herzstück - “Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen“ - die psychischen und sozialen Strukturen der Fernsehgesellschaft analysiert. Wieder geht es um Amüsement, um Illusionen und Realitätsverlust. Allerdings erreiche das Fernsehen in beiderlei Hinsicht eine neue Dimension. Als Bildermedium mit dem Anspruch des Dokumentarischen lüge es weit effektiver als dies Worte können und übernehme das Monopol der Weltbelieferung: “Alles Wirkliche wird phantomhaft, alles Fiktive wirklich“. Als Bildermedium, das von der kognitiven Anstrengung des Lesens entbinde, bediene es zugleich viel effektiver den menschlichen Drang nach Zerstreuung. Obgleich es in Deutschland zum Erscheinen des Buches noch nicht einmal 300 000 Fernsehteilnehmer gab, ist Anders überzeugt, dass die Konfiszierung der Geräte für viele bereits schlimmer wäre als gefangengesetzt zu sein in einer Zelle mit TV.

Hinter dieser Sicht auf den Zusammenhang von Freiheit und Zerstreuung steht das alte philosophische Problem des horror vacui. Bei Blaise Pascal buchstabiert es es sich so: "daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können". Der Mensch brauche Zerstreuung, er wolle abgelenkt sein von dem Gedanken an sich, seine Gegenwart und seine Endlichkeit: "Das ist alles“, so schreibt der religiöse Philosoph des 17. Jahrhunderts den marxistischen des 20. virtuell ins Stammbuch, “was die Menschen haben erfinden können, um sich glücklich zu machen, und diejenigen, die sich angesichts dessen als Philosophen aufspielen und glauben, die Welt sei sehr wenig vernünftig, wenn man den ganzen Tag damit verbringt, einem Hasen nachzujagen, den man als gekauften nicht haben wollte, kennen unsere Natur nicht gut. Dieser Hase würde uns nicht vor dem Gedanken an den Tod bewahren, die Jagd jedoch bewahrt uns davor.“

Zerstreuungssucht als anthropologische Konstante. Anders ist kein Advokat solch unpolitischer Medienkritik, er macht die entfremdete Arbeit für den horror vacui verantwortlich. Schließlich nennt aber auch er diesen ein menschliches Urphänomen und knüpft implizit an Pascal an, wenn er sagt, die Jäger jagten nicht nach der Beute, sondern nach der Chance, jagen zu dürfen: "Nicht nur mit dem Bedürfnis nach Sattsein werden wir geboren, sondern mit dem 'zweiten Bedürfnis' nach der Durchführung der Sättigung." Was tun, wenn immer effektivere Nahrungsbeschaffung die Durchführung der Sättigung verkürzt und das Problem der freien Zeit zuspitzt?!

Das Fernsehen, so könnte man böswillig gegen Anders argumentieren, scheint die rechte Erfindung zur rechten Zeit zu sein. Nun müssen die Menschen nicht mehr raus in die Welt, nun kommt diese zu ihnen. Anders spricht von Massen-Eremiten, die zu Millionen vereinzelt vor ihren Geräten sitzen. Pascal empfahl noch die Rückkehr zu Gott, Adorno die Veränderung der Gesellschaft. Was bleibt den heutigen? Das Internet als bipolares Medium, das die kollektive Vereinzelung in den Kollektivismus der Einzelnen umwandelt? Es gibt Stimmen, der Interaktionismus des Netzes überfordere die Menschen, welche das Netz im Grunde nur als das etwas andere Einkaufscenter und TV haben wollen. Diese Antiquiertheit der User ginge dann wohl nicht zuletzt aufs Konto des Fernsehen.

Glosse

Sag doch was

Von Jürgen Kaube

Mit der Äußerung, Angela Merkel entpolitisiere das Land, ist Martin Schulz über das Ziel hinausgeschossen. Dabei kann die SPD nicht einmal aus dem angeblichen Schweigen der Kanzlerin Angriffsmotive ziehen. Mehr 61 89

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