Im Epilog von "Weltwissen Wissenswelt" fasst Tom Sperlich den fast schon alltäglichen Stand der Dinge zusammen: Neue Karosserien werden im virtuellen Windkanal geprüft, 3D-Simulationen erlauben ungeniert den Blick in kleinste Molekülfamilien, Wohnungsanzeigen laden zum Rundgang durch leere Räume ein, Büromöbel sind sensibel geworden und Froschschenkel werden ohne zuckenden Ekel am Schirm auf ihre Reflexfähigkeit untersucht. Der Münchner Wissenschaftsjournalist hat denkende Kühlschränke und tanzende Ballettmeister aufgerufen. Er verrät die aufregendsten links, die intelligente Handlungsabläufe darstellen oder improvisierte Bewegungsmuster analysieren.
Derrick de Kerckhove greift das andere Ende visualisierten Wissens auf. Der an der Academy of Network Arts and Technology in Madeira lehrende Wissenschaftler erinnert daran, dass die Sprachvisualisierung mit der Einführung des Alphabets im klassischen Altertum begonnen hat. Buchdruck und Telegrafie haben für größere und schnellere Verbreitung von Informationen gesorgt. Erst der Computer aber kann Wissen auch simultan und interaktiv transportieren. Er führt Köpfe und Gehirne rund um den Globus zusammen.
Im Netz wird das Gedächtnis sichtbar
Dass "Gespräche" auch auf althergebrachte Weise mediengestützt und simultan geführt werden können, macht Hans Ulrich Obrist deutlich, der sich mit dem amerikanischen Szenekünstler Joseph Grigely unterhalten hat. Grigely ist seit seinem zehnten Lebensjahr an taub. Lippenlesen liegt ihm nicht. Daher bittet er alle Menschen aufzuschreiben, was sie von ihm wollen. An einem Abend lagen einmal so viele Zettel auf dem Tisch, dass Grigely beschloss, sie zu sammeln und auszustellen. Wissen und Kommunikation waren durcheinander geraten. Gesprächsfäden entzogen sich semantischer Kontrolle. Und doch hatte intelligente Kommunikation stattgefunden. Es öffnet sich ein Raum zwischen Kunst und Wissenschaft, den es neu auszuloten gilt.
Elisabeth Schweeger begreift die Sichtbarkeit von Gedanken im Netz als Chance gegenseitigen Kennenlernens. Das Internet diene als Identitätsvermittler: "Wenn Europa zusammenwachsen soll, müssen Länder über nationale und kulturelle Grenzen hinaus kommunizieren... Das ist kulturelle Arbeit, und eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Aufgaben, die es momentan gibt, da Wissen die Voraussetzung für den Erhalt des wirtschaftlichen und sozialen Wohlstands ist", schreibt die designierte Intendantin des Frankfurter Schauspiels. Ihr Statement vom Frühjahr 1999 klingt politisch kalkuliert und weniger avantgardistisch inspiriert.
Im Netz liegt die Herausforderung
Im sentimentalen Plauderton resümiert dagegen Thomas Hettche 18 Jahre digitale Selbsterfahrung als Schriftsteller. Eine nicht ganz zufällig herbeigeführte Begegnung mit seinem ersten, eigenen PC rührt auf einem verstaubten Dachboden Herz und Seele an. Wie einem alternden Ehemann wird ihm im Dachbodengerümpel plötzlich klar wie lange die buchstabengerechte, durchdigitalisierte Partnerschaft schon dauert.
Aufregender erscheint das erst kürzlich geführte Gespräch mit dem New Yorker Web-Designer Josh Kimberg. Selbstbewusst bezeichnet der Schöpfer des berühmten "Woodcutters"-Cartoons interaktive Künstler als Alchimisten des 20. Jahrhunderts. Sein Anspruch ist es, sich mit animierten Comics qualitativ vom durchschnittlichen Web-Angebot abzuheben. Kimberg sieht das Internet heute erst in einer Art Testphase. Die wirklichen Herausforderungen - sie lägen noch vor uns.