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Rezension der Rezession Wirtschaftskrise und Antisemitismus

10.05.2009 ·  Welche Wirkung hat der Fall des jüdischen Milliardenbetrügers Madoff auf die jüdische Identität? Befördert er in Krisenzeiten den Antisemitismus? Darüber diskutierten in New York jüdische Protagonisten des amerikanischen Geistes-und Wirtschaftslebens.

Von Michael A. Gotthelf
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Auf den Cocktailpartys der auslaufenden Wintersaison in St. Moritz gab es nur ein Thema: Die Wirtschaftskrise beunruhigte die ansonsten durch wenig aus der Ruhe zu bringenden Stammkunden. Die abnehmende Zahl russischer Gäste und deren verändertes Konsumverhalten - Prosecco statt Champagner - wurden mit Schadenfreude zur Kenntnis genommen; ebenso die früh einsetzenden Ausverkaufsaktionen der schicken Modeläden.

Hauptsächlich bedauerte man sich aber selber. Ein Herr aus Deutschland beklagte, dass er von seinem dreistelligen Millionenvermögen rund siebzig Prozent verloren habe und sich nun als fast ganz normaler Millionär im unteren zweistelligen Bereich wiederfinde. Eine blonde Dame fiel in wenig damenhafter Manier über ihren Vermögensverwalter her, als ihr dieser ihre Vermögensaufstellung präsentierte. Es begann eine Debatte über die Schuldigen der Misere, und nachdem die üblichen Investmentbanker, Vermögensberater und Notenbanker genannt und abgeurteilt waren, führte einer der Anwesenden einen neuen Hauptverdächtigen in die Debatte ein: den Juden. Ob man auch schon gehört habe, dass der Mossad hinter den Machenschaften der Wall-Street-Mafia stehe? Die Gäste schwiegen, der Mann legte nach: Angefangen von Lehman Brothers bis hin zum ehemaligen Notenbankpräsidenten Greenspan: die wichtigsten Akteure seien Juden. Er meine ja nur, das sei doch auffallend . . .

Pogrom als Schuldentilgung

Szenenwechsel: In New York kamen vor kurzem jüdische Protagonisten des amerikanischen Geistes-und Wirtschaftslebens zusammen, um sich mit der Frage zu beschäftigen, welche Wirkung der Fall des jüdischen Milliardenbetrügers Madoff auf die jüdische Identität habe; und ob es möglich wäre, dass die Krise den Antisemitismus befördern könne.

Es blieb dem Geschäftsmann Mort Zuckerman überlassen, auf das Offensichtliche hinzuweisen. Er wende sich gegen die Charakterisierung des Falls Madoff als „jüdisches Problem“. Madoff habe nur den sogenannten Ponzi-Trick angewandt, also die Erfindung eines Italieners kopiert. Und als das amerikanische Energieunternehmen Enron vor einigen Jahren eine Milliarden-Pleite hinlegte, hieß es nirgendwo, dass dies ein Machwerk weißer Protestanten gewesen sei. In der Tat: Nie wird im Wirtschaftsleben die Religionszugehörigkeit auch nur erwähnt - außer, wenn es um Juden geht. Doron Rabinovici beschreibt in seinem Essay „Credo und Credit“, wie die Juden schon in der Spätantike durch ein umfassendes Berufsverbot von den Christen ins Geldverleihgeschäft abgedrängt wurden, wie diese aber gleichzeitig über die „Judensteuer“ hieran kräftig mitverdienten. Die in den folgenden Jahrhunderten immer wieder aufflammenden Pogrome hatten auch den Nebeneffekt, dass dabei billig die Schulden getilgt wurden.

Jüdische Verantwortung

Und das ist unsere Gegenwart: Ein Sprecher der Hamas bezeichnete schon vor Monaten die „jüdische Lobby“ (!) als hauptverantwortlich für die Wirtschaftskrise. In Russland gibt es eine große Koalition von Kommunisten und Nationalisten, die einen weiten Bogen vom Einfluss der Rothschilds im Europa des 19. Jahrhunderts bis hin zum Bankrott der Lehman Brothers, Madoffs und anderer Wall-Street-Figuren mit jüdischem Hintergrund spannen.

Dass die meisten unter Madoffs Opfern selbst Juden waren; dass, nach einem Bericht der „New York Times“, israelische Institutionen viele hundert Millionen Dollar bei Madoff verloren haben, stört die Verbreiter dieser Saga wenig. Nach einer Umfrage in sieben europäischen Ländern - darunter auch Deutschland - glaubt ein knappes Drittel der Bevölkerung an eine jüdische Verantwortung für die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise. Vierzig Prozent denken, dass Juden übermäßigen Einfluss in der Wirtschaft haben.

Das Mysterium des Unter-Wasser-Atmens

Der Literaturwissenschaftler George Steiner prophezeit in einem Interview, dass „man bald wieder auf uns Juden losgehen wird. Es gibt wieder mehr antisemitische Übergriffe in den Städten, fast jeden Tag frage ich mich, wann wir wieder packen müssen. Es könnte sein, dass das lange Überleben der Juden den Menschen unerträglich ist. Freud, Marx, Einstein haben die Welt verändert. Das ist für andere Menschen schwer zu ertragen. Wenn das die geheimnisvolle Wurzel des Antisemitismus ist, sehe ich nicht viel Hoffnung.“

Steiner schließt mit einem jüdischen Witz : „Der Herrgott sagte: Ihr Menschen geht mir auf die Nerven - in zehn Tagen kommt die Sintflut, aber diesmal ohne Noah. Der Papst versammelt alle Katholiken, um gemeinsam zu beten. Die Protestanten wollen alle Bankkonten und Verträge in Ordnung bringen. Der Rabbiner sagt: ,Zehn Tage? Das genügt, um zu lernen, wie man unter Wasser atmet.' Und dieses Mysterium des Unter-Wasser-Atmens, das wird nicht verziehen.“

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