21.06.2009 · Beeindruckend - sie werden von den Prügelkommandos der Bassidschi und von Hubschraubern bedroht und rufen dennoch mutig in den Himmel: „Wo ist mein Stimmzettel?“: Die Demonstranten in Teheran. Liebeserklärung an eine unverhoffte Revolte.
Von Nils MinkmarIch konnte mal den Satz „Da kommt ein Auto!“ auf Farsi rufen. In der neunten Klasse hatte die Schulverwaltung drei Jungen, deren Familien aus Iran in die deutsche Provinz geflohen waren, in unsere Klasse herabrieseln lassen. Wir haben uns rasch angefreundet. Skateboards waren in Mode; die Jungs hatten bald raus, dass, während wir in Einfahrten kreisten, die Straße nicht umsonst Fahrbahn heißt; Hinweise auf die Straßenverkehrsordnung oder die Überlegenheit eines Pkws im direkten Kontakt mit einem Skater in Shorts und T-Shirt fanden sie ulkig.
Bald lernte ich daher noch die logischen Erweiterungen: Zwei Autos kommen. Drei Autos kommen. Und nachdem wir, im Gras liegend, diskutiert haben, ob einer vom Zehn-Meter-Brett so weit hinausspringen kann, dass er fatalerweise außerhalb des Sprungbeckens landet, sind sie wirklich das Sprungbrett entlanggeflitzt, um im freien Fall armerudernd das Limit von Tempo und Erdanziehungskraft zu testen und glücklicherweise zu erfahren, dass deutsche Schwimmbadarchitekten mit allem, selbst wahnsinnigen Turmspringern aus Teheran, rechnen.
Risiken, die einen schwindlig werden lassen
Vor den Youtube-Videos würde ich es gerne wieder ausrufen: Leute, Vorsicht, da rollt etwas direkt auf euch zu, ganz der zögerliche Gymnasiast. Sie wissen es natürlich besser. Der große Robert Fisk beschreibt es in einer seiner Reportagen für den „Independent“, das insolvente Blatt, in dem gerade atemberaubender Journalismus stattfindet: Wie die Studenten der Teheraner Universität von den Prügelkommandos der Bassidschi bedroht werden und außerdem noch Hubschrauber aufgestiegen sind, die nun über ihnen kreisen. Statt Deckung zu suchen, rufen die Studenten ihre Frage in den Himmel: „Wo ist mein Stimmzettel?“
Fisk berichtet auch von Polizisten, die die Demonstranten vor den zivil gekleideten Revolutionswächtern schützen. Alle gehen Risiken ein, die einen schwindlig werden lassen. Das ist ein Regime, das seit Jahrzehnten aus Lust und Laune foltern und vergewaltigen lässt, wie mag es erst reagieren, wenn es einen Grund hat, sauer zu sein?
Kult des vorauseilenden Gehorsams
Die Revolte der Iraner ist das wichtigste Ereignis unserer Zeit, es ist auch beschämend. Aus der „Achse des Bösen“ lernen wir gerade, was Bürgerrechte wert sind. Wir dürfen längst wählen, aber gehen nicht hin. Wir haben freie Medien, müllen die tausend Kanäle aber mit Berichten über Boris Bohlen und Britney Palin zu. Und was die Zivilcourage angeht, könnte man glatt meinen, dass die Prügelbrigaden in unseren Unternehmen und Behörden, an unseren Universitäten und Rundfunkanstalten zu wüten drohen, den fröhlichen Demonstranten von Teheran aber bloß die Abmahnung.
Kein rein deutsches Problem: Welches scharfe Bild von Servilität und Feigheit senden die Berlusconi und Sarkozy treu ergebenen Fernsehsender Italiens und Frankreichs! Dieser Kult des vorauseilenden Gehormsams, der im Westen blüht, ist nicht harmlos: Beim Kollaps der Finanzbranche hat nicht nur die immer angeführte Gier, sondern auch die Feigheit vieler Insider, die eine rechtzeitige Warnung der Öffentlichkeit versäumt haben, das Geld unserer Kinder und Enkel verjuxt. Peter Struck fällt einem ein und sein Satz von der Freiheit unseres Landes, die auch am Hindukusch zu verteidigen sei. Lustig: Unsere Werte werden gerade in Teheran verteidigt, und zwar unverlangt, unerwartet und hemmungslos. Und besser als von uns.
Den Satz mit den Autos habe ich inzwischen vergessen, ich möchte einen neuen lernen: Danke, Leute.
Zustimmung und Widerspruch
Marco Vogt (VogtNuernberg)
- 21.06.2009, 17:30 Uhr
Danke für diesen Artikel !
Matthias Gleichmann (Slowhand1968)
- 21.06.2009, 17:38 Uhr
Landfriedensbruch durch Antidemokraten!
Nathan Seeliger (beth.shalom)
- 21.06.2009, 18:53 Uhr
Revolte in Iran
Damon Zanjani (bezantoosh)
- 21.06.2009, 18:55 Uhr
@Herr Seeliger: kleiner Scherz am Rande ist ja ganz nett - oder meinen Sie das
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 21.06.2009, 19:20 Uhr