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Rettungsroutine Mit dieser Praxis sind wir wohlvertraut

Ein Wort des Jahres wurde gewählt, das wie kein anderes die deutsche Europapolitik beschreibt. Und in seiner Unbekanntheit zugleich die Unkenntnis der Deutschen darüber dokumentiert, was in Europa gerade passiert.

Die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ hat den Begriff „Rettungsroutine“ zum Wort des Jahres gewählt. Sie beweist damit ein selten gewordenes Gefühl für den Nutzen der Sprache zur Abbildung politischer Wirklichkeit. Zwar ist Rettungsroutine den meisten Menschen bis dahin nicht zur Ohren gekommen. Aber das spricht keineswegs gegen seine Wahl. Das drückt nur aus, wie sehr sich die europäische Politik von den realen politischen Debatten entfernt hat.

Der Begriff, der wie kein anderer die Eurokrise auf den Punkt bringt, ist kaum jemandem bekannt. In der Begründung weist die Jury auf die Ambivalenz dieser Wortschöpfung hin. Rettung stelle im eigentlichen Sinn eine akute, initiative, aber abgeschlossene Handlung dar, während Routine eine wiederkehrende, wenn nicht gar auf Dauer angelegte und auf Erfahrungen basierende Entwicklung beschreibe. Die Eurokrise, so ist dem zu entnehmen, wird routiniert gerettet. Die wiederkehrenden Brüsseler EU-Gipfel sind nichts anderes als die plastische Bebilderung dieser Ambivalenz. Das deutsche Publikum reagiert mit zunehmenden Desinteresse auf diese Routine, während es gleichzeitig daran zweifelt, ob die Rettung des Euro überhaupt schon gelungen sei. Bisweilen wird auch immer noch daran gezweifelt, ob sie überhaupt wünschenswert ist.

Gefällige Praxis

Rettungsroutine beschreibt so ziemlich exakt die Europapolitik der Bundeskanzlerin, die die Deutschen aus innenpolitischem Kalkül in dieser Ambivalenz belässt. Nur ist ihre Begründung eine andere. Es sei kein Alexander in Sicht, der den gordischen Knoten der Eurokrise durchschlagen könnte. Wirklich nicht? Die Londoner „Financial Times“ hat den EZB Präsidenten Mario Draghi zum Mann des Jahres gewählt. Mit guten Gründen: Draghi hat mit seinem Beschluss, die Rückzahlung europäischen Staatsschulden de facto zu garantieren, der Eurokrise einen wesentlichen Teil ihrer Dramatik genommen. Die Finanzmärkte stehen nicht mehr vor jedem Brüsseler Gipfel vor dem Kollaps. Erst so wurden diese Gipfel zu der Routine, die sich in der Rettung eingeschlichen hat.

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Ist nun Draghi der Alexander, der in Europa den gordischen Knoten durchschlagen hat? Kaum. Den Menschen in Südeuropa geht es deswegen noch nicht besser. Nur den Eurorettern auf Brüsseler Konferenzen. Die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ wies auch darauf hin, dass „nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz bzw. Popularität bei der Wahl im Vordergrund“ stehe. Damit haben sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Begriff, der wie kein anderer die deutsche Europapolitik beschreibt, ist fast völlig unbekannt. Er dokumentiert damit zugleich die Unkenntnis der Deutschen über das, was in Europa gerade passiert. Das hat etwas mit der fehlenden Begründung ihrer Politik durch die Bundeskanzlerin zu tun. Es gereicht ihr nicht zum Nachteil. Ihre Umfrageergebnisse sind bestens. So kannte zwar bis zu diesem Freitag kaum ein Deutscher den Begriff „Rettungsroutine“. Aber den Bürgern gefällt offenkundig die Praxis, die er verkörpert. Immerhin: Das Wort dazu kennen sie jetzt auch.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 14.12.2012, 17:55 Uhr

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