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Rettet den Tausendfüßler

Selbstgerecht: Düsseldorf will eine Brücke abreißen

"Ministeranrufung" - das hört sich dramatisch an. Und das ist es hier auch. Denn wenn nichts mehr geht, muss die oberste Behörde eingreifen und die letztinstanzliche Entscheidung treffen. So sieht das Gesetz es vor. Udo Mainzer, der Landeskonservator Rheinland, hat von diesem seltenen, nur im Notfall beanspruchten Mittel Gebrauch gemacht, um die Stadt Düsseldorf daran zu hindern, die denkmalrechtliche Erlaubnis zum Abbruch der Hochstraße am Jan-Wellem-Platz zu erteilen. Die Kommune möchte die 1962 errichtete (und 1993 unter Schutz gestellte) Brücke schleifen, um den Bereich zwischen Königsallee und Hofgarten zum "Kö-Bogen" umzugestalten und den Verkehr neu zu ordnen; das Denkmalpflegeamt macht öffentliches Interesse am Erhalt des "bautechnischen Meisterwerks" geltend, das sich "als ästhetisch und handwerklich gelungenes Beispiel von Brückenbauten dieser Gattung weltweit abhebt".

Die Positionen lassen sich nicht vermitteln, "ein ernsthaftes Bemühen um eine Annäherung der unterschiedlichen Auffassungen", wie das Denkmalschutzgesetz es fordert, hat es bisher nicht gegeben. Nun muss Harry K. Voigtsberger, der Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, der zugleich Bau- und Verkehrsminister ist, Schiedsrichter sein. Wie diese beiden Zuständigkeiten sich hier verzahnen, macht den Fall brisant. Denn der "Tausendfüßler", wie die 670 Meter lange Brücke wegen der vielen Stützen genannt wird, ist ein ausgesprochen elegantes Tragwerk, das mit dem Dreischeibenhaus und dem Schauspielhaus ein stadtbildprägendes Ensemble der Wirtschaftswunderjahre darstellt. Richard Meier hat in dem 2001 eröffneten Kaufhaus, auf das die Brücke zuläuft, ihren Schwung aufgenommen und die Höhenstaffelung der Fassade daran ausgerichtet. Als Element der "autogerechten Stadt" steht der "Tausendfüßler" für eine Vision von gestern. Düsseldorf will sie nicht korrigieren, sondern optimieren, indem es den Verkehr in ein Tunnelsystem verbannt. Unausgereift und unverhältnismäßig sind die Pläne, die auf den laufenden U-Bahn-Bau noch eins draufsetzen. Der Aufwand ist gewaltig, bekommt aber Folgeprobleme nicht in den Griff: So ist die Umweltfreundlichkeit - Abgaskamine! - fragwürdig, und die Straßenbahn muss aus technischen Gründen auch künftig oben fahren. Der "Tausendfüßler" oder die Büchse der Pandora.

Das größenwahnsinnige Projekt sieht riesige Rampen im Zentrum vor, die den Hofgarten unüberwindbar zerschneiden. Historische Zusammenhänge werden ignoriert, ebenso alternative Lösungsansätze: Nicht einmal eine einseitige Tunnelröhre, nur in der Gegenrichtung zum "Tausendfüßler", der dann stehenbleiben könnte, wurde ernsthaft erwogen, wie überhaupt die selbstgerechte Bauverwaltung das Vorhaben nie offen diskutiert hat.

Seit Jahren spaltet das dreistellige Millionenprojekt, das Unterhaltskosten von jährlich siebzehn Millionen Euro in die Zukunft verschiebt, kommunale Politik und Stadtgesellschaft. Dem Minister fällt deshalb eine große Verantwortung zu: In Düsseldorf muss er nicht nur über ein Denkmal entscheiden, sondern über die Zukunft der Stadt. ANDREAS ROSSMANN

Quelle: F.A.Z.

 
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Von Ursula Scheer

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