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Reproduktionsmedizin : Mutterglück um jeden Preis

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Eizellen dürfen in Deutschland nicht gespendet werden Bild: dpa

Lässt sich die biologische Uhr überlisten? In Amerika werden jährlich zehntausend Kinder aus gespendeten Eizellen geboren - eine Praxis, die bei uns verboten ist. Über „Choice Moms“, Samenbanken und Eizellenspenden.

          Die älteren „Schüler des Monats“ nehmen gerade ihre Urkunden in Empfang, als Mikki Morrissette mit ihrem vier Jahre alten Sohn Dylan zu den versammelten Eltern stößt. Ihre Tochter, die acht Jahre alte Sophie, gehört ebenfalls zu den „honor students“ der staatlichen „Whittier International Elementary School“ in Minneapolis. Es gibt Urkunden für Toleranz, Mut, Aufgeschlossenheit und Klugheit. Mikki Morrissettes Tochter wird für kreatives Denken ausgezeichnet. Stolz klatschen die Mütter, Väter und Großeltern den geehrten Grundschulkindern Beifall. Sophies Vater sitzt nicht im Publikum. Aber wer sollte das auch sein? Einen Vater im traditionellen Sinne hat die Achtjährige nicht. „Manchmal sagt sie, dass sie eigentlich drei Väter hat“, schmunzelt ihre Mutter.

          Da wäre zunächst Mikki Morrissettes erster Ehemann aus ihren New Yorker Jahren als junge Journalistin. Doch die Ehe mit dem Sportreporter wurde geschieden, bevor an Sophie überhaupt zu denken war. Dann wäre da der zweite Ehemann: Dave, ein Witwer, mit dem Mikki Morrissette seit drei Jahren verheiratet ist. Als ihr Sohn Dylan zur Welt kam, war Dave mit Sophie an der Hand im Entbindungssaal. Aber mittlerweile sieht er die Kinder kaum noch. Denn Dave hat eine geistig schwer behinderte Tochter, die zu Aggressionen neigt. Wegen der Wutausbrüche des Teenagers leben die Familien getrennt. „Derzeit ist es mehr wie bei einem Date. Wir treffen uns einmal die Woche ohne die Kinder im Restaurant“, schildert Mikki Morrissette.

          Ein herzensguter Mensch

          Ob die Ehe mit Dave halten wird, da ist sie sich nicht sicher. Bleibt als Vaterfigur für Sophie also noch der Freund, der Mikki Morrissette Ende der neunziger Jahre eine Samenspende anbot. Damals hatte die Amerikanerin, die mittlerweile viel Geld beim Medienkonzern „Time“ verdiente, gerade eine schmerzhafte Trennung von dem Mann ihrer Träume hinter sich. Danach wollte sie ein Kind - auch ohne Partner. „Eigentlich hatte ich an andere Männer als Samenspender gedacht“, erzählt Mikki Morrissette im Gespräch bei sich zu Hause, wo ein gemütliches Durcheinander von Kindersachen und Kunstgegenständen herrscht. Sophies „Donor Dad“ sei ein herzensguter Mensch, sagt Mikki Morrissette, und er liebe Kinder. Vier Jahre nach der Geburt von Sophie half ihr derselbe Mann, mit Dylan schwanger zu werden.

          Obwohl Mikki Morrissette wenig später heiratete, weil sie nach wie vor an „ernsthafte Beziehungen“ glaubt, definiert sie sich weiterhin als „Choice Mom“. Mit Büchern und Artikeln über diese feministische Familienvariante bestreitet sie mittlerweile ihren Lebensunterhalt. Andere amerikanische Karrierefrauen, die sich ihren Kinderwunsch erfüllt haben, ohne länger auf „Mr. Right“ zu warten, nennen sich „Single Mothers by Choice“. Selbstbewusst und erfolgreich präsentieren sie sich. Als Galionsfiguren werden Schauspielerinnen wie Jodie Forster, Meg Ryan und Calista Flockhart vorgeführt.

          Die traditionelle Familie zerfällt

          Dass Mikki Morrissette noch vor wenigen Jahren zur New Yorker Medienszene gehörte und ein sechsstelliges Jahresgehalt verdiente, sieht man ihr allerdings nicht mehr an. Die „Choice Mom“ wirkt bodenständig-robust in ihrer olivgrünen Fleecejacke und den olivgrünen Jeans, unter denen dicke Wollsocken hervorschauen. Ihr weiches Gesicht ist ungeschminkt, und die kurzen hellbraunen Locken werden von silbernen Haarsträhnen durchzogen. Als Aktivistin der „Mothers by Choice“-Bewegung oder gar als Gegenpol zu dem konservativen Kolumnisten und Moderator Glenn Sacks, der Frauen wie Mikki Morrissette vorwirft, Väter für irrelevant zu erklären, sieht die besonnen-bedächtig wirkende Amerikanerin sich selbst nicht. Eher als Ratgeberin und aufmerksam-kritische Beobachterin einer Gesellschaft, in der die traditionelle Familie immer stärker zerfällt und Begriffe wie Vater, Mutter, Kind nicht mehr ausreichen, um die neu entstehenden Formen sozialen Zusammenlebens zu beschreiben.

          Wie viele Amerikanerinnen ohne Partner dank Samenspende oder Adoption Kinder haben, weiß man nicht. Aber Statistiken lassen vermuten, dass es Hunderttausende sind. So haben allein 2002 mehr als einhunderttausend nicht verheiratete Amerikanerinnen im Alter zwischen dreißig und vierzig Jahren Kinder zur Welt gebracht. Entscheidend mit vorangetrieben worden ist der Trend zur „Choice Mom“ durch den Boom der Reproduktionsmedizin, die in Amerika bislang kaum durch nationale Gesetze reguliert ist. Amerikanische Samenbanken schätzen, dass ein Drittel ihrer Kundinnen Single-Frauen sind. „California Cryobank“, eine der weltweit größten Samenbanken, macht sogar die Hälfte ihres Umsatzes mit dem Kinderwunsch nicht verheirateter oder geschiedener Frauen.

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