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Veröffentlicht: 15.10.2014, 16:54 Uhr

Reproduktionsmedizin Gefrorene Zeit

Der kaltgestellte Kinderwunsch: Das Einfrieren von Eizellen ermöglicht wesentlich spätere Schwangerschaften. Facebook und Apple finanzieren das „Social Freezing“ für weibliche Angestellte - aus kapitalistischem Eigeninteresse.

von
© Fricke, Helmut Die Enteignung der Gegenwart: Eizellen werden in flüssigem Stickstoff eingefroren.

Geht gerade jetzt die Glühbirne im Kopf von Daniel Düsentrieb an? Ist das die große Erfindung, mit der die Biographie endlich planbar wird? Es geht um Kryokonservierung, besser bekannt als Social Freezing, also das Einfrieren von zuvor entnommenen Eizellen zwecks späterer künstlicher Befruchtung und erhoffter Schwangerschaft, irgendwann mal.

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So lässt sich in jungen Jahren, wenn die Fertilität noch hoch ist, Daseinsvorsorge im Kühlschrank treffen. Alles scheint so simpel: Man entkoppelt sich per Hormonspritze von biographischen Unwägbarkeiten wie der Frage, ob gerade jetzt der richtige Mann da ist, ob gerade jetzt die berufliche Situation ein Kind zulässt undsoweiter. Gerade jetzt – das ist irgendwann später. Wie heißt es in der Werbebroschüre der Reproduktionsmedizin?

Die biologische Uhr hört auf zu ticken, weil man sich rechtzeitig ein paar Eizellen zur Seite gelegt hat und nun mit dem Kinderkriegen auf passende Zeiten warten kann. Man friert die Zeit ganz einfach ein und taut sie erst wieder auf, wenn sie reif ist. Klingt das alles nicht viel zu schön, um wahr zu sein? Aber es klingt doch gar nicht schön! In dem Planungsszenario steckt eine Unschärfe, die es zunichte macht.

Die Enteignung der Gegenwart

Kein Reproduktionsmediziner kann garantieren, dass später wirklich ein Kind entsteht. Allein schon in dieser fehlenden Erfolgsgarantie liegt die Crux des strapaziösen Verfahrens. Ist sie, die Erfolgsgarantie, nicht gegeben, dann fehlt bei vorausgesetztem prinzipiellem Kinderwunsch der hinreichende Grund, das Leben zu vertagen (schließlich gibt es beim Social Freezing ja gerade keinen medizinischen Hinderungsgrund, Kinder zu bekommen).

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Es könnte sich herausstellen, dass man das Leben verpasst hätte, während man es vertagte. In dem Bemühen, die Unwägbarkeiten kaltzustellen, hätte man sich um das doch heiß ersehnte Kind gebracht, um dessentwillen man ohne die Illusion des Kühlschranks womöglich liebend gerne bereit gewesen wäre, besagte Unwägbarkeiten in Kauf zu nehmen. Die Zumutung dieser biographischen Manipulation besteht im Zweifel darin, den gegenwärtigen Kinderwunsch ins Leere laufen lassen zu sollen im Vertrauen auf ein Verfahren, dessen Ausgang ungewiss ist.

Das nennt man zu Recht die Enteignung der Gegenwart durch die Zukunft! Wer wie die Unternehmen Facebook und Apple hier gar mit finanziellen Anreizen nachhelfen will, um das weibliche Humankapital auszuschöpfen (bis zu 20.000 Dollar gibt es pro Angestellter für das kostspielige Verfahren), handelt obszön.

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