http://www.faz.net/-gqz-7v5bn

Reproduktionsmedizin : Gefrorene Zeit

Die Enteignung der Gegenwart: Eizellen werden in flüssigem Stickstoff eingefroren. Bild: Fricke, Helmut

Der kaltgestellte Kinderwunsch: Das Einfrieren von Eizellen ermöglicht wesentlich spätere Schwangerschaften. Facebook und Apple finanzieren das „Social Freezing“ für weibliche Angestellte - aus kapitalistischem Eigeninteresse.

          Geht gerade jetzt die Glühbirne im Kopf von Daniel Düsentrieb an? Ist das die große Erfindung, mit der die Biographie endlich planbar wird? Es geht um Kryokonservierung, besser bekannt als Social Freezing, also das Einfrieren von zuvor entnommenen Eizellen zwecks späterer künstlicher Befruchtung und erhoffter Schwangerschaft, irgendwann mal.

          So lässt sich in jungen Jahren, wenn die Fertilität noch hoch ist, Daseinsvorsorge im Kühlschrank treffen. Alles scheint so simpel: Man entkoppelt sich per Hormonspritze von biographischen Unwägbarkeiten wie der Frage, ob gerade jetzt der richtige Mann da ist, ob gerade jetzt die berufliche Situation ein Kind zulässt undsoweiter. Gerade jetzt – das ist irgendwann später. Wie heißt es in der Werbebroschüre der Reproduktionsmedizin?

          Die biologische Uhr hört auf zu ticken, weil man sich rechtzeitig ein paar Eizellen zur Seite gelegt hat und nun mit dem Kinderkriegen auf passende Zeiten warten kann. Man friert die Zeit ganz einfach ein und taut sie erst wieder auf, wenn sie reif ist. Klingt das alles nicht viel zu schön, um wahr zu sein? Aber es klingt doch gar nicht schön! In dem Planungsszenario steckt eine Unschärfe, die es zunichte macht.

          Die Enteignung der Gegenwart

          Kein Reproduktionsmediziner kann garantieren, dass später wirklich ein Kind entsteht. Allein schon in dieser fehlenden Erfolgsgarantie liegt die Crux des strapaziösen Verfahrens. Ist sie, die Erfolgsgarantie, nicht gegeben, dann fehlt bei vorausgesetztem prinzipiellem Kinderwunsch der hinreichende Grund, das Leben zu vertagen (schließlich gibt es beim Social Freezing ja gerade keinen medizinischen Hinderungsgrund, Kinder zu bekommen).

          Es könnte sich herausstellen, dass man das Leben verpasst hätte, während man es vertagte. In dem Bemühen, die Unwägbarkeiten kaltzustellen, hätte man sich um das doch heiß ersehnte Kind gebracht, um dessentwillen man ohne die Illusion des Kühlschranks womöglich liebend gerne bereit gewesen wäre, besagte Unwägbarkeiten in Kauf zu nehmen. Die Zumutung dieser biographischen Manipulation besteht im Zweifel darin, den gegenwärtigen Kinderwunsch ins Leere laufen lassen zu sollen im Vertrauen auf ein Verfahren, dessen Ausgang ungewiss ist.

          Das nennt man zu Recht die Enteignung der Gegenwart durch die Zukunft! Wer wie die Unternehmen Facebook und Apple hier gar mit finanziellen Anreizen nachhelfen will, um das weibliche Humankapital auszuschöpfen (bis zu 20.000 Dollar gibt es pro Angestellter für das kostspielige Verfahren), handelt obszön.

          Quelle: F.A.Z.

          Topmeldungen

          Unruhe bei Sozialdemokraten : Was will die SPD?

          Bloß keine Neuwahlen! Und bloß keine Große Koalition! Die SPD trägt ihren inneren Konflikt zur eigenen Zukunft mittlerweile offen aus.Parteichef Schulz steht bereits unter Beschuss. Wie viel Unterstützung hat er noch?
          Bei dem Unfall in der Münchner Innenstadt wurden zwei Personen schwerverletzt, ein Fahrer erlitt leichte Verletzungen.

          Bei Unfall in München : Über 200 Gaffer behindern Rettungskräfte

          Zahlreiche Schaulustige haben bei einem Unfall in der Münchner Innenstadt die Rettungskräfte zum Teil massiv behindert. Erst nach zahlreichen Platzverweisen kommen Polizei und Feuerwehr zu den Verletzten durch. Das könnte Konsequenzen haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.