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„Forum DDR-Grenze“ : Genosse Weichmolch und wie er die Welt sieht

  • -Aktualisiert am

Der ehemalige NVA-Offizier Hans-Jürgen Meller (DDR-Forum-Username: Weichmolch) Bild: Jens Gyarmaty

Über Mauer und Stacheldraht reden, ohne sich gleich rechtfertigen zu müssen? Im Internet gibt es das „Forum DDR Grenze“, Sammelbecken und Selbsthilfegruppe für Leute aus Ost und West. Jeder kann hier sagen, was er denkt.

          Neulich wurde wieder heftig gestritten, als einer, der sich „Major Tom“ nennt, im „Forum DDR Grenze“ schrieb, dass man in den Geschichtsbüchern ja nachlesen könne, was für ein Verbrecherverein das Ministerium für Staatssicherheit gewesen sei. Am Ende gab es zu der Frage, ob man in dem Forum das Wort „Verbrecherverein“ überhaupt verwenden dürfe, fast 250 Beiträge; man musste sich durch dreizehn Seiten klicken, um alle zu lesen.

          So etwas ist nicht unüblich in diesem Forum, in dem – und darin liegt das Besondere – Zeitzeugen und Nachgeborene zu Wort kommen können, ohne sich gleich für jede Äußerung rechtfertigen zu müssen. Seit drei Jahren schreiben Nutzer hier über ihre Erlebnisse mit und an der Grenze. Polizisten vom Bundesgrenzschutz begegnen DDR-Grenztruppen, Flüchtlinge Mitarbeitern der Staatssicherheit, West trifft auf Ost, Weltbild auf Weltbild. „Solange es nicht unter die Gürtellinie geht, herrscht Redefreiheit“, sagt Angelo D’Alterio, Username „Angelo“, der das Forum gegründet hat.

          Etwa sechs Stunden täglich verbringt der einundvierzigjährige Rettungssanitäter dort, er pflegt es wie andere ihren Schrebergarten. D’Alterio hat das erfolgreichste Internetforum zum Thema deutsch-deutsche Teilung aufgebaut. Die Seite archiviert fast 150.000 Beiträge, mehr als 1250 Nutzer sind registriert, Hunderte davon schauen täglich vorbei. Es gibt sogar ein Forums-T-Shirt, vorne mit dem Schriftzug „Halt, hier DDR-Grenze“, hinten mit der Internetadresse www.forum-ddr-grenze.de.

          Der ehemalige Grenzaufklärer Herr Menke vor einem Verwaltungsgebäude des Bundes
          Der ehemalige Grenzaufklärer Herr Menke vor einem Verwaltungsgebäude des Bundes : Bild: Jens Gyarmaty

          Für uns waren das damals Verbrecher

          Fünf weitere Moderatoren kümmern sich darum, dass die Diskussionen moderat bleiben. Einer von ihnen ist der frühere NVA-Oberleutnant Hans-Jürgen Meller, Username „Weichmolch“. Als die Mauer gebaut wurde, war Meller eine Woche alt, die Grenzanlagen hat er erst nach dem Mauerfall gesehen. Meller hat im Bataillon Chemische Abwehr gearbeitet, später im Ministerium für Bauwesen. Treffen möchte er sich in Berlin-Mitte vor dem ARD-Hauptstadtstudio, weil dort gerade eine Ausstellung läuft, die ihm wichtig ist. „Konfliktstoff Deutschland“ von Jan Bejšovec zeigt Bilder aus Textilien, zum Beispiel einen Soldaten im Stechschritt, gefertigt aus originalem Strichtarn. „Ein Strich – kein Strich“, sagt Meller, und man hört ihm an, dass er in Leipzig aufgewachsen ist. Man sieht sofort: In den Bildern erkennt er sich wieder. Seine Zeit als DDR-Soldat, sagt er, „kann man nicht wegdiskutieren“. Und Meller diskutiert nichts weg. Er arbeitet inzwischen als Bauingenieur, doch er ist Mitglied im Traditionsverein NVA e.V.; sein Benutzerbild im Forum zeigt ihn in Uniform.

          Vor einem Bild, das „Ehre“ heißt und militärische Abzeichen der DDR kombiniert, bleibt Meller stehen. Es ist ihm nahegegangen, dass die Dienstgrade der NVA nach der Wende nicht mehr galten. Oberleutnant darf sich Meller nicht mehr nennen, „aber wir machen es trotzdem. Bei den NVA-Treffen oder auch im Forum. Da stecken doch militärische Leistungen dahinter.“ Vor kurzem hat er mit Veteranen den fünfundfünfzigsten Gründungstag der NVA gefeiert. Warum man das überhaupt feiere? „Die Menschen, die bei der NVA waren, die sind noch da.“

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