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Die Stadt der Stunde : Hannover sein

  • -Aktualisiert am

Eigentlich wissen wir nichts von Hannover, es gibt aber auch schöne Ecken in der Stadt Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

Die niedersächsische Landeshauptstadt hat Deutschland in den letzten Jahren überrollt: Gerhard Schröder, Margot Käßmann, Ursula von der Leyen, Philipp Rösler, Robert Enke, Oliver Pocher, Per Mertesacker und Lena Meyer-Landrut. Und nun Christian Wulff. Was kommt aus dieser Stadt noch alles auf uns zu?

          Nachdem Christian Wulff nun zum Bundespräsidenten gewählt worden ist, kann es noch einmal ganz hart werden für Hannover. All die Eigenschaften, die ihm als Menschen zugeschrieben werden, werden mit der Stadt verschmelzen, aus der er kommt. Alles, was falsch daran zu sein scheint, dass einer wie er das Land repräsentiert, wird falsch sein an Hannover. Dabei kommt Christian Wulff gar nicht aus Hannover. Er kommt aus Osnabrück, er lebt nicht einmal in der Stadt, nur in der Nähe und auch das erst seit ein paar Jahren. Es sah nur so aus, als könne jemand wie er nur aus Hannover kommen. Aber das findet man am Ende dieser Reise dann auch wieder typisch; dass die Stadt abgelehnt wird für etwas, wofür sie gar nichts kann.

          Es gibt wohl keine Stadt in Deutschland, die ein derart schlimmes Image im Umlauf ist wie über Hannover. Sie gilt als provinziell, spießig, langweilig und hässlich, und das sind noch die netteren Beschreibungen, als nett gilt sie übrigens auch, aber im Sinne von harmlos, und all das schon seit langem. Für Stefan George war sie „die fahlste aller Städte“, für Gottfried Benn „infernalisch dumm“, für Georg Christoph Lichtenberg „kein so übler Ort bei schlechtem Wetter“. Theodor Lessing hielt sie für ein „Paradies jeder Mittelmäßigkeit“, dabei kam er von hier. Zuletzt hat Harald Schmidt dann noch gesagt: „Hannover liegt nicht am Arsch der Welt, man kann ihn von dort aus aber sehr gut sehen.“

          „Für mich ist es die schönste Stadt der Welt“, sagt Stefan Gohlisch, der als Kulturredakteur für eine der beiden Zeitungen Hannovers arbeitet und einen durch die Innenstadt führt.

          Blick auf das Cafe Strandleben mit dem Heizkraftwerk von Enercitiy im Hintergrund
          Blick auf das Cafe Strandleben mit dem Heizkraftwerk von Enercitiy im Hintergrund : Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

          So blieb er da

          Eine Stunde lang erzählt er fast ohne Unterbrechung, was es in Hannover alles gibt, wovon der Rest des Landes aber nichts weiß. Da sind die Herrenhäuser Gärten, die bedeutendsten Barockgärten Deutschlands. Da ist der Stadtwald, die Eilenriede, der größte in Europa. Da sind das Messegelände und das Schützenfest, jeweils die größten in der Welt. Da sind Firmen, die ihren Sitz in der Stadt haben, Bahlsen, die Kekse, Tui, die Reisen, Continental, die Reifen, Bree, die Taschen, AWD, die Finanzdienstleistungen, und da ist die Expo, die Hannover ein anderes Selbstbewusstsein gegeben hat, die ganze Stadt, ein Sommermärchen, damals vor zehn Jahren. Das zählen alle Hannoveraner auf, die man noch trifft. Es gibt aber auch ein paar Dinge, die erzählt nur Stefan Gohlisch.

          Er erinnert sich an Musikfestivals in den Achtzigern, als einige gute Bands aus der Stadt kamen, an ein paar Clubs, in denen international bekannte Leute auftraten. Er nennt die sogenannten Messemütter, die während der Messen Zimmer an Gäste aus aller Welt vermieteten und ihre Kindern so nebenher Toleranz lehrten. Er zeigt in der Einkaufsstraße den Laden einer Süßwarenkette, der ein wenig feiner aussieht als anderswo, ein neues Konzept dieser Kette, ausprobiert in Hannover, weil irgendjemand herausgefunden hatte, dass, was hier funktioniert, in ganz Deutschland funktioniert. „Ich kann wirklich nur Gutes sagen“, sagt Stefan Gohlisch.

          Er ist Anfang vierzig und in der Stadt geboren. Er hat früher einmal überlegt, ob er weggehen sollte, nach Berlin vielleicht, aber dann passte es nie, und letztlich ist man in Berlin ja auch immer in den gleichen Kiezen. Irgendwann sah er ein, dass er durch und durch Hannoveraner ist. So blieb er da.

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