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Die Lust am Alarm : Tor in Fukushima!

  • -Aktualisiert am

Breaking News: Das Fernsehen liefert Livebilder von allen Katastrophen. Bis irgendwo etwas anderes passiert Bild: AFP PHOTO / HO / NHK

Dioxin, Atom, Libyen, Guttenberg und Westerwelle: Passiert gerade wirklich so viel? Oder sieht das nur so aus? Warum wir uns das Weltgeschehen als riesige Konferenzschaltung in Echtzeit erzählen lassen.

          Stellen wir uns für einen Augenblick vor, wir seien Oberstleutnant Wolfgang Röhlig. Wir arbeiten im Ministerium für Staatssicherheit in der Berliner Normannenstraße, wo wir eine Sondereinheit leiten, deren Aufgabe es ist, die Massenmedien der Bundesrepublik Deutschland auszuwerten. Dazu steht uns ein streng abgeschirmter Raum zur Verfügung, in dem vier Mitarbeiter rund um die Uhr vor dem Fernseher sitzen, Radio hören und Zeitung lesen. Von jedem Bericht und jedem Kommentar, den sie für wichtig halten, fertigen sie Abschriften an, die wir gemäß Arbeitsordnung an die Dienststellen des Ministeriums weiterleiten und an den Minister selbst. Am Ende jedes Monat verlangt unser Chef eine Monatsübersicht von uns, in der wir die einzelnen Meldungen in einen größeren Zusammenhang ordnen, ihm also erklären, welchen Sinn wir hinter ihnen erkennen. Das ist dann immer unser großer Auftritt.

          Mal angenommen, wir wären Wolfgang Röhlig, was hätten wir dann zu den vergangenen vier Wochen gesagt?

          Sie haben damit begonnen, dass sich Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Umweltminister Norbert Röttgen mit Vertretern der Mineralölbranche zum sogenannten Benzingipfel treffen, nachdem es tagelang so ausgesehen hatte, als würden Autos, die den neuen und vom Boulevard als „Ökoplörre“ verunglimpften Biosprit tanken, auf der Stelle stehenbleiben. Röttgen, der das Benzin in Deutschland einführen soll und sieben Tage nach dem Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg als neuer Hoffnungsträger der Union gilt, ist blamiert. Brüderle, der lange als gemütlicher Sprücheklopfer porträtiert wurde, präsentiert sich nun als Anwalt der Vernunft, der die Mineralölwirtschaft vor den Zumutungen eines außer Rand und Band geratenen Umweltschutzes in Schutz nehmen will. Es entsteht gerade eine Debatte darüber, ob Biosprit, Energiesparlampen und Solarenergie der Umwelt überhaupt helfen, als sich vor der Küste Japans ein schweres Erdbeben ereignet und der darauffolgende Tsunami im Atomkraftwerk von Fukushima mehrere Explosionen auslöst.

          Immer auf der Suche nach der nächsten Schlagzeile: Journalisten befragen einen Landwirt zum Thema Dioxin

          Wer den Nachrichtensturm sät

          Vier Tage später nimmt die Bundesregierung im neuntausend Kilometer entfernten Deutschland sieben Atomkraftwerke vom Netz, deren Laufzeit sie vor kurzem noch verlängert hatte. Umweltminister Röttgen, der sich einen schnelleren Ausstieg gewünscht hatte, sich damit aber nicht durchsetzen konnte, wirkt nun wieder obenauf. Wirtschaftsminister Brüderle hingegen versucht auf einer geschlossenen Veranstaltung aufgeregte Wirtschaftsführer zu beruhigen, indem er auf die anstehenden Wahlen verweist, vor denen die Politik eben nicht immer rational entscheide. Als diese Äußerung öffentlich wird, gilt Brüderle wieder als der Sprücheklopfer, als der er zwischenzeitlich nicht mehr gegolten hatte, zugleich und für dieselben Leute ist er aber auch der glaubwürdige Kronzeuge dafür, dass die Regierung die Meiler nur wegen der Wahlen abschaltet. Die deutschen Atomkraftwerke, die bis dahin als die sichersten der Welt gegolten hatten, sind offenbar doch nicht so sicher, als dass man sie weiterlaufen lassen kann, was die Frage aufwirft, wie man sie hat weiterlaufen lassen können, wo sie doch nicht sicher sind.

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