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Der Papst in Thüringen : Kreuz des Ostens

In der Marienkapelle Etzelsbach hielt Benedikt XVI. eine Marianische Vesper. Die Kapelle befindet sich versteckt zwischen Bäumen in der rechten oberen Ecke des Bildes. Die Linien davor sind die Straßen, die für die zahlreichen Pilger angelegt wurden. Bild: dpa

Aus dem gottlosen Berlin ist der Papst ins thüringische Eichsfeld gereist. Dort üben sich die Katholiken seit Jahrhunderten in Beharrung. Erst haben sie die Reformation überstanden, dann die DDR. Besuch bei freundlichen Widerständlern.

          Der Friseursalon Ringling in Reinholterode hat beflaggt. Eine gelb-weiße katholische Kirchenfahne knattert im Herbstwind über dem Eingang. Auch die Hauptstraße ist mit Wimpelleinen überspannt, das Dorf wirkt wie poliert. Im Nachbarort hat man sich weniger Mühe gegeben. Dabei gehört die Wallfahrtskirche Etzelsbach, die der Papst am Freitag besucht hat, zur Steinbacher Gemeinde St. Bonifatius. Etwas mehr Begrüßungstaumel wäre erwartbar gewesen: Nach menschlichem Ermessen wird es der einzige Papstbesuch der Weltgeschichte in Steinbach sein und bleiben. Was der freiwilligen Feuerwehr in Bodenrode immerhin ein Pilgerfest wert ist. Gegrillt wird immer.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Benedikt XVI. wird dieses Treiben beim Anflug über die Autobahn A 38 entgangen sein. Ebenso der pinkfarbene IFA-Lastwagen aus DDR-Zeiten, der mitten in Steinbach steht. Der Papst hat braune, abgeerntete Felder gesehen, die sich in eine Bodenfalte ergießen. Darin ein Kirchlein in einem Hain. Wer nicht wie er aus der Luft kommt, sieht nur eine unscheinbare Kirchturmspitze. Links über dem Hauptportal eine Gedenktafel für seinen Vorgänger Johannes Paul II. Vom Altar aus bekränzen Richtung Nordwesten vier Windräder den Horizont, ein weiteres ist in Bau. Der Wind rauscht über die Kuppen.

          Eine katholische Enklave mitten im Kernland der Reformation. Das Eichsfeld ist ein Herzländchen, im Dreiländereck von Thüringen, Niedersachsen und Hessen gelegen. Kennzeichen EIC, Kreisstadt ist das schmucke Heilbad Heiligenstadt, zugehörig zum Bistum Erfurt, auf dessen Fläche heute nur noch 6,9 Prozent der Bevölkerung katholisch sind. Gut zwanzig Prozent von ihnen gehen regelmäßig zum Gottesdienst. Das war auch zu Zeiten der DDR so. Das Eichsfeld war ein katholischer Stachel im Fleische der SED, beäugt, überwacht, schikaniert, aber niemals wirklich gezogen.

          In der Propstei von St. Marien in Heiligenstadt lebt eine der zentralen Figuren des damaligen Widerstands. Heinz-Josef Durstewitz, bischöflicher Kommissar, stammt aus dem Nachbardorf Uder. Der Sechsundsechzigjährige ist ein bulliger Typ mit rasiertem Schädel, randloser Brille und schwarzem T-Shirt unter dem Tweed-Sakko. Ein Macher, der zu DDR-Zeiten fünfmal im Jahr ein „Theologisches Bulletin“ im Keller druckte, jeweils dreihundertfünfzig Schreibmaschinenseiten dick. Seinen Rat suchen bis heute viele, auch Politiker. Mit dem ehemaligen Landesvater Dieter Althaus ist er befreundet. Auf seinen Rat, nach dem Ski-Unfall, der ein Menschenleben kostete, wenigstens zeitweise aus der Politik auszusteigen, hat der CDU-Politiker nicht gehört.

          Der „Eichsfeld-Plan“

          Früher gehörte Heiligenstadt zu Fulda, aber vom Westen aus war die Betreuung über den Eisernen Vorhang hinweg schlecht zu organisieren. Durstewitz wurde 1970 zum Priester geweiht, als Studentenpfarrer in Jena machte er von 1975 an Bekanntschaft mit dem Ministerium für Staatssicherheit. Ein System der diffusen Angst: „Jeder hielt jeden in Angst, jeder wusste, man kann ihn jederzeit verheizen. Das galt auch für Leute in Führungspositionen.“

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