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Besuch bei Karl-Heinz Funke : Unter Eiern

Lebt mit Hühnern: Karl-Heinz Funke in einem seiner Ställe Bild: Daniel Pilar

Wer sehen will, wie sehr sich unser Bewusstsein für gesunde Ernährung geschärft hat, muss den ehemaligen Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke auf seinem Hof besuchen. Dort ist alles noch wie früher.

          In diesen Tagen und Wochen, da das halbe Land sich die Miene gibt, vegetarisch zu werden, hat der Besuch bei einem der letzten fleischfressenden Menschen geradezu etwas Abenteuerliches. Denn das ist der ehemalige Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke: ein Bekenner und Schlemmer, der in Talkshows gerade wieder ordentlich dagegenhält, wenn Vegetarier Verzicht fordern. Mir kommt, wie ich die Teerstraße südlich von Wilhelmshaven immer weiter geradeaus fahre, Joseph Conrads Kongo-Geschichte „Herz der Finsternis“ in den Sinn: Funke wäre natürlich der Elfenbeinhändler Kurtz; ich, wenn's recht ist, der Süßwasserkapitän und Erzähler Marlow, der auf dem dunklen Fluss klopfenden Herzens zu dem Sagenhaften vordringt.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Was bei Conrad das Elfenbein war, ist, so kann man wohl sagen, heute das Fleisch - etwas, dessen Gebrauch oder Verzehr das Rückständige in uns auf befremdliche, empörende Weise zum Vorschein bringt, ein grauenhafter Atavismus, der uns wieder zu Wilden macht. Kurtz wird verrückt über seinem Elfenbein und bringt im Moment seines Todes das Kunststück fertig, flüsternd zu schreien: „Das Grauen! Das Grauen!“ Aber hier, am Jadebusen, stirbt gottlob niemand und wird auch niemand verrückt. Warm anziehen muss man sich bei der Reise ins Herz des Fleischessers trotzdem. Nach wie endlos scheinenden Kilometern durchs Flachland, das nach einer durchregneten Nacht im Glanz der Morgensonne nun beinahe farbenprächtig wirkt, erreiche ich im Dorf Dangast, Kreis Friesland, das Versteck oder vielmehr den Hof: Hier, hinter hohen Bäumen, die sommers wohl vollkommenen Schutz bieten, hat sich der Landwirt und ehemalige Politiker Karl-Heinz Funke verschanzt. Es ist beneidenswert schön hier. Der Vorhof ist durch ein Eisengitter vom Wohnbereich getrennt, in den der rechtwinklige Klinkerbau übergeht. Funke steht pfeiferauchend in rotem Pullover und brauner Cordhose draußen; als ich das Auto parke, geht er, mürrisch grüßend, gleich wieder ins Haus.

          Ich laufe, eingeschüchtert auch von herüberwehendem Hundegekläff, ihm nach. Durch die gläserne Eingangstür sieht man ihn schmauchend dastehend, vertieft in Papierkram. Die Langsamkeit, mit der er auf das Läuten reagiert, lässt mir Zeit für weitere Joseph-Conrad-Phantasien: „Er sah wie ein gieriger Dämon aus, als wolle er alle Luft, alle Erde und alle Menschen vor sich verschlingen. Eine tiefe Stimme drang schwach bis zu mir. Er muss gebrüllt haben.“

          Es ist, als qualmte einem Helmut Schmidt etwas vor
          Es ist, als qualmte einem Helmut Schmidt etwas vor : Bild: Daniel Pilar

          „Lass man klingeln“

          Karl-Heinz Funke sieht aber nicht wie ein Dämon aus, er brüllt auch nicht, jedenfalls noch nicht. Sonor bittet er in die gute Stube. Noch im Stehen nenne ich den Anlass des Besuchs, Dioxin, Vegetarismus, er wisse schon. Funke winkt, Qualmwolken ausstoßend, ab. Wir setzen uns. Das Telefon nebenan klingt ungefähr alle zehn Minuten: „Lass man klingeln.“ Wie er das denn sehe, dass jetzt ja quasi flächendeckend Fleischlosigkeit gepredigt werde, setze ich nach. „Mindestens“, sagt Funke und macht eine lange Pause. „Seit. Gut. Zweitausend. Jahren. Haben. Wir. Solche. Bewegungen. Aufgrund. Unterschiedlichster. Anlässe.“ Es ist, als qualmte einem Helmut Schmidt etwas vor.

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