04.10.2006 · Chinas Bauern leben in unerträglicher Armut und in empörender Ohnmacht gegenüber den Handlangern des Staates. Chen Guidis und Wu Chuntaos große Reportage über ein Millionenheer von Armen. Wird es sich in Bewegung setzen?
Von Mark SiemonsBauer Fu ist kein Einzelfall. Die Geschichte des mutigen Mannes am Dreischluchtendamm, der gelähmt ist, seitdem er nach einer Polizeibefragung eine Böschung hinunterstürzte, hat Deutschland so bewegt wie schon lange keine Nachricht aus China mehr - vor dem Sturz hatte er nicht bloß bei der Beschwerdebehörde in Peking gegen verweigerte Kompensationszahlungen protestiert, sondern auch mit einem ARD-Team gesprochen. Ein Untersuchungsbericht der Regierung behauptet jetzt, er sei aus eigener Unachtsamkeit gefallen, doch er sagt, gedungene Häscher hätten ihn geschlagen und über die Böschung gestoßen. Der Fall verwirrt ebenso, wie er empört: Nachdem in den letzten Jahren so viel über den Aufstieg Chinas berichtet wurde, fragt man sich jetzt in der deutschen Öffentlichkeit, was man überhaupt weiß von diesem Land, in dem solche Dinge möglich sind.
Nach der Lektüre der großen Reportage „Zur Lage der chinesischen Bauern“ weiß man mehr. Daß dieses Buch, das bei seinem Erscheinen in China 2004 ein Ereignis war und sich innerhalb der zwei Monate bis zu seinem Verbot dreihunderttausend Mal verkaufte, nun vollständig und originalgetreu ins Deutsche übertragen wurde, ist eine verlegerische Tat, deren Bedeutung hoch zu veranschlagen ist. Es berichtet über eine Vielzahl von Fällen, die den des Bauern Fu an Grausamkeit und Willkür noch übertreffen. Vor allem aber gibt es eine Binnensicht auf die bäuerliche Gesellschaft Chinas und deren irritierenden Widersprüchlichkeiten, wie sie so genau und differenziert keine noch so gut gemeinte Recherche von außen leisten könnte.
Wer widersprach, wurde hingerichtet
Zwei Jahre lang sind die Autoren, das Ehepaar Chen Guidi und Wu Chuntao, in ihrer westlich von Schanghai gelegenen Heimatprovinz Anhui umhergereist und haben Dörfer besucht, in denen es zu „Zwischenfällen“ gekommen war. Aus den Gesprächen mit Bewohnern und Funktionären haben sie den Hergang der Ereignisse minutiös rekonstruiert. Zum Beispiel jene, die sich am 21. Februar 1993 auf der Polizeistation von Jiwangchang im Kreis Lixin zutrugen. An jenem Tag wurde der Bauer Ding Zuoming von Sicherheitskräften zu Tode geprügelt. Man hatte ihn fälschlich beschuldigt, den stellvertretenden Ortsvorsteher geschlagen zu haben. Doch in Wirklichkeit wollten sich die Dorfkader an ihm rächen, weil er sich bei der Kreisverwaltung über illegal erhobene Steuern beschwert hatte und nun eine Überprüfung der Buchführung anstand.
Bauer Ding war kein „Regimekritiker“, im Gegenteil; sein Verbrechen bestand darin, daß er den neuen Richtlinien des Zentralkomitees Geltung verschaffen wollte, die eine Reduzierung der Abgaben vorschrieben - aber das scheint in vielen Gegenden Chinas heute nicht weniger gefährlich zu sein als zu der Zeit, als die Kommunisten im Untergrund kämpften. Die Dorfkader hatten einiges zu verbergen; von den 400 Yuan (etwa vierzig Euro) durchschnittlichem Jahresverdienst erpreßten sie nicht weniger als 103 Yuan, um sie in die eigene Tasche zu stecken. Nach dem Mord an Ding hielten die Bauern nicht länger still: Dreitausend kamen von ihnen aus den umliegenden Dörfern mit Karren und Traktoren zusammen, um bei der Kreisverwaltung zu protestieren. Die reagierte wie gewohnt: Sie machte nach oben eine beschwichtigende Meldung und verhängte ansonsten eine Nachrichtensperre; erst später kam die Wahrheit ans Licht. „Man zeigte auf einen Hirsch und behauptete, es sei ein Pferd“: Mit diesem Wort kennzeichnen die Autoren die Absurdität der Situation. Es stammt aus der Zeit, als der tyrannische Kaiser, der China einte, gerade gestorben war. Damals behauptete der Eunuch Zhao Gao seine Macht, indem er dem Sohn des Kaisers und dessen Beamten einen Hirsch vorführte, den er als Pferd ausgab: Wer widersprach, wurde hingerichtet.
Nicht bloß Armut, sondern Ohnmacht
Die Pointe des Buchs ist, daß sich die ländlichen Verhältnisse im postmodernen Kommunismus Chinas auf ganz ähnliche Weise beschreiben lassen wie in Tausenden Jahren Vormoderne auch schon - die zahlreichen Verweise auf Anekdoten, Figuren und Weise aus längst vergangenen Dynastien fügen sich so bruchlos in den Text ein, als hätte es nie eine Verwestlichung, eine Revolution und eine Globalisierung gegeben. Die Autoren schlagen tiefe Schneisen in die Kulturgeschichte. Und zugleich schreiben sie so, wie den Bauern der Schnabel gewachsen ist, und der Übersetzer Hans Peter Hoffmann hat diesen Erzählton mit allen seinen Eigenheiten glücklicherweise beibehalten. So kann der Leser die chinesische Gesellschaft gewissermaßen von unten kennenlernen, als würde er sie von einem ihrer ärmsten Glieder selbst erklärt bekommen. Das große Thema damals wie heute heißt nicht bloß Armut, sondern Ohnmacht: das Ausgeliefertsein gegenüber lokalen Machthabern, die die Unwissenheit und faktische Rechtlosigkeit der Bauern ausnutzen, um sich an ihnen rücksichtslos zu bereichern.
Die Autoren berichten davon, wie Bauern eingeschüchtert, mißhandelt und ermordet werden, nur weil sie bei höheren Behörden gegen die Betrügereien und Übergriffe lokaler Dienststellen protestiert haben. Meist sind völlig willkürlich erhobene Steuern der Auslöser, die die ohnehin notleidenden Bauern an den Rand ihrer Existenzfähigkeit bringen. Die Autoren zählen nicht weniger als 269 verschiedene Abgaben, die zusätzlich zu den üblichen Agrarsteuern eingefordert werden können: vom Fonds zur Errichtung von Propagandadienststellen für Geburtenplanung über den Verdienstausfallausgleich für Kompanieführer der Volksmiliz bis zu Kosten für die Impfung des Viehbestands. Die Zentralregierung hat zwar in immer neuen Verfügungen die Obergrenze der Steuerbelastung der Bauern festgelegt, doch die örtlichen Kader behelfen sich oft mit doppelter Buchführung, um mit den Bauern umzuspringen, wie sie wollen, häufig gedeckt von ihren unmittelbaren Vorgesetzten.
Größte Parallelgesellschaft der Welt
Es entsteht das Bild eines sich des Staats- und Parteiapparats bedienenden albtraumhaften Gespinstes von Abhängigkeiten und Mauscheleien, das ein einzelner kaum je durchstoßen kann; „kafkaesk“ wäre eine viel zu harmlose Bezeichnung dafür. Der verstörende Befund ist, daß der chinesische Staat zu stark, gleichzeitig aber auch zu schwach ist, um das Übel zu beseitigen: zu stark, weil er keine Öffentlichkeit zuläßt und allein den Informations- und Machtkanälen der Partei traut; zu schwach, weil es ihm offensichtlich nicht gelingt, über die Einhaltung seiner eigenen Gesetze zu wachen. Der Sisyphos-Kampf gegen Korruption erfaßt unter solchen Bedingungen nur die Spitze des Eisbergs. Man staunt ein ums andere Mal, wie schwierig, fast unmöglich es für einen einfachen Bauern ist, Mißstände auf legale Weise bekannt zu machen, und wenn eine übergeordnete Dienststelle einmal die Realität hinter den sorgsam errichteten Potemkinschen Dörfern in ihrem Verantwortungsbereich kennenlernen will, scheint dies kaum weniger aussichtslos zu sein. Im Zweifel gilt der Primat der „Stabilität“, und ein Mißstand wird vertuscht, um nicht die Legitimität des Ganzen ins Gerede zu bringen.
So sind die Bauern heute wieder die große Unbekannte der chinesischen Entwicklung. Alle Prognosen über den Aufstieg Chinas stehen unter dem Vorbehalt, daß die Verhältnisse auf dem Land nicht explodieren - oft genug waren es die Bauern, die eine Dynastie zum Sturz brachten, wenn diese das Mandat des Himmels und also ihre Legitimität verlor; auch Maos Truppen kamen nicht zuletzt durch sie an die Macht. Und nun gab es im vergangenen Jahr laut offiziellen Angaben 87.000 Unruhen vor allem auf dem Land, die Zahl steigt kontinuierlich. Werden die lokalen Proteste irgendwann zu einer großen Rebellion zusammenfließen? Der Sprengstoff ist da: Gemäß den Vereinten Nationen weist die chinesische Gesellschaft die größten Einkommensdisparitäten der ganzen Welt auf. Die absolute Zahl der Armen ist zwar in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen, doch gemäß den Kriterien der Weltbank seien es immer noch 150 Millionen, wie die Sinologin Ylva Monschein in ihrem instruktiven Nachwort schreibt; sie nennt die chinesische Landbevölkerung die „größte Parallelgesellschaft der Welt“. Vierzig Prozent der Todesfälle dort sollen darauf zurückzuführen sein, daß die Bauern sich keinen Arzt leisten konnten.
Bauern zu Bürgern
Die Brisanz ihrer genauen, mit Namen und Daten belegten Recherchen bekamen auch die Autoren des Lageberichts selbst zu spüren. In Berlin erhielten sie den Ulysses-Preis der Zeitschrift „Lettre“ für literarische Reportagen, und Bundeskanzlerin Merkel besuchte sie auf ihrer Staatsreise nach Peking. Doch diese Reputation verhinderte nicht, daß einer der Funktionäre, deren schändliches Verhalten sie in dem Buch dokumentieren, erfolgreich eine Verleumdungskampagne gegen sie anstrengte, und sie mußten eine hohe Geldstrafe zahlen.
Dabei sind die beiden Autoren kaum als „Dissidenten“ zu bezeichnen in dem Sinne, daß sie die Kommunistische Partei in Frage stellten. Wie ihre Protagonisten argumentieren sie - und dies offensichtlich nicht bloß aus taktischen Gründen - ganz innerhalb eines Kontexts, der „die Befreiung“ von 1949 als die entscheidende historische Zäsur ansieht und alle Tatsachen an den damals gegebenen Verheißungen mißt. Systemkritisch sind sie dabei aber sehr wohl: Sie schlagen eine Abschaffung der Agrarsteuer vor, eine radikale Verschlankung der Verwaltung, ein neues System der Wohnsitzregistrierung, das die scharfe Trennung von Stadt und Land relativiert, und, last not least, eine Demokratisierung, die die Bauern schließlich zu Bürgern macht. Die erste Forderung ist zum Jahreswechsel eingelöst worden: Die Agrarsteuer wurde offiziell abgeschafft, nicht ohne den pathetischen Verweis, daß damit eine 2600 Jahre alte Tradition, die das Land als Haupteinnahmequelle des Staates betrachtete, zu Ende gehe.
Ein großes Programm zur Subventionierung landwirtschaftlicher Produkte und zur Verbesserung der Infrastruktur ist angelaufen. Man braucht an der guten Absicht, die Lage auf dem Land zu verbessern, nicht zu zweifeln. Aber wer das Buch gelesen hat, wird den Kommentar eines korrupten Dorfkaders nicht vergessen, der dort festgehalten ist. „Glaubst du wirklich, was sie im Fernsehen, im Radio, in den Zeitungen sagen“, fragt er einen protestierenden Bauern fast verwundert, „daß China ein Rechtsstaat werden soll? In China herrscht nicht das Gesetz, hier herrschen immer noch Menschen. Das heißt: Ich - herrsche - über - dich . . .!“ Diese Art Herrschaft ist zäh, zu zäh, als daß gute Absichten allein genügen könnten.