30.12.2002 · Sie predigen öffentlich Antiamerikanismus und können doch nicht verhindern, dass das Volk ebenso demonstrativ Coca-Cola trinkt. Die Zeit des Mullah-Regimes im Iran scheint abgelaufen. Doch ist nicht klar, durch welche Mischung aus Repression und Populismus es sich künftig noch an der Macht erhält.
Von CHRISTIANE HOFFMANNTEHERAN, Ende Dezember
"Wenn die Iraner die Regierung satt haben und nicht länger ertragen können", so hat Ryszard Kapuscinski in seinem Buch "Schah-in-schah" die Vorgeschichte der iranischen Revolution beschrieben, "dann erstarrt das ganze Volk und verschwindet schließlich, als hätte es der Erdboden verschluckt." Ein Freund sagte es vor drei Jahren so: "Das iranische Volk weiß, daß das System am Ende ist. Aber wir Perser sind ein höfliches Volk. Wir sind zu höflich, es unseren Herrschern zu sagen."
Mittlerweile sagen es die Herrscher selbst. Die Terminologie der Endzeitstimmung hat in die iranische Politik Einzug gehalten. Ajatollahs warnen vor der bevorstehenden Explosion der Gesellschaft und sehen das System in ernster Gefahr. Der konservative Ideologe Schariatmadari spricht von "wichtigen Ereignissen", die unmittelbar bevorstünden und mit "vielen Spannungen" einhergingen. Der führende Reformpolitiker Mohammad Resa Chatami sieht "einschneidende Veränderungen". Und immer häufiger wird in der politischen Debatte der Vergleich mit der Schah-Zeit bemüht. Damals herrschten Autokratie und Diktatur, heute wird vor einer "Diktatur mit religiöser Färbung" (Mohammad Resa Chatami) gewarnt.
"Es war nicht das Ziel der Islamischen Revolution", sagt Ajatollah Amini, "ein System durch ein anderes zu ersetzen und das Verhalten des Staates beim alten zu belassen." Und Ajatollah Taheri vergleicht die islamistischen Schlägertrupps der Konservativen, die vom religiösen Führer als "Kräfte des Volkes" gepriesen werden, mit dem "hirnlosen Schaban", dem berüchtigten Anführer der Schlägertrupps des Schahs. Das islamische System, so wird mittlerweile offen gewarnt, könnte das gleiche Schicksal erleiden wie das Schah-Regime. "Der Hauptgrund für den Sturz des Schah-Regimes war sein Widerstand gegen die Forderungen der Studenten nach Freiheit und Gerechtigkeit", erklärt Mohammad Resa Chatami.
In den abendlichen Diskussionen mit politischen Intellektuellen gibt es seit Monaten nur ein Thema: die Zukunft des Landes. Die wenigsten glauben an eine neue Revolution, an tiefgreifenden Wandel glauben alle. Sicher ist auch, daß der Klerus in Zukunft eine geringere Rolle in der Politik spielen wird. Iran, das erste Land, in dem der politische Islam an die Macht kam, wird einen Weg aus dem Islamismus gehen. Aber was sind die Szenarien des Wandels? Moskau 1991, der Durchbruch nach dem gescheiterten Putsch? Ein rumänisches Drehbuch? Die samtene Revolution von Prag? Oder kommt - wie einst ihn Polen - jetzt erst die Zeit für ein Jahrzehnt Kriegsrecht?
Es herrsche eine Atmosphäre des "fin de reigne", sagt einer jener europäisierten Intellektuellen der älteren Generation. Er gehört zu denen, die ihre Krawatte nie abgenommen und das islamische System immer abgelehnt haben. Er hätte das vielleicht auch schon vor zehn Jahren gesagt. Jüngere widersprechen ihm. Vor allem diejenigen Intellektuellen, die mit ihren Familien in Iran leben und hier für sich eine - vielleicht sogar politische - Zukunft sehen, zeichnen Szenarien der Stabilität, auch wenn sie das religiöse System ablehnen. Ein zu großer Teil der Eliten und der Mittelschicht profitiere von Stabilität, sagen sie. Sie glauben an Vernunft und Einsicht und eine schleichende Säkularisierung, den allmählichen Rückzug des Klerus aus der Politik. Und außerdem habe das Regime noch viele Milliarden Petrodollars in Reserve. Ein Jahr vor dem Sturz des Schahs habe man genauso zusammengesessen, erwidert der ältere Herr, und niemand habe an den Umsturz geglaubt.
In den letzten Monaten hat ein neues Motiv in die Gespräche Einzug gehalten: Gewalt. Mancher fürchtet, daß die Konservativen der Glasnost Präsident Chatamis ein Ende bereiten und sich mit einer Mischung aus Repression und Populismus an der Macht halten könnten. "Rafsandschani - Pinochet. Iran ist nicht Chile" - rufen heute die Studenten.
Das Volk hat die Angst verloren. Vor drei Jahren noch begann man ein politisches Gespräch zurückhaltend, den Gesprächspartner abschätzend, vorsichtig beurteilend, Kritik am herrschenden System blieb maßvoll. Heute endet jedes Gespräch, jede noch so zufällige Begegnung mit dem ungefragten Bekenntnis: Sie müssen weg. Die Ärztin im Krankenhaus wendet unvermittelt den Blick vom Ultraschallgerät ab und fragt: "Und wann geht es hier los? In Afghanistan haben sie die Taliban verjagt, wann passiert das hier?" Der Obstbauer in den Bergen: Sie müssen weg. Dabei sei sein Großvater selbst ein Mullah gewesen, habe sogar gegen Reza Schah gekämpft. Ein Spruch macht die Runde: "Im nächsten Jahr: Schnee ohne Mullahs". Ein Kind soll das zuerst gesagt haben.
Die Iraner reden und kritisieren und tun fast alles, was das religiöse System mißbilligt. Sie tragen kurze Mäntel, bunte Kopftücher und Krawatten, sie halten Händchen, sie tanzen, trinken Wein und schauen Satellitenfernsehen. Aber die wenigsten von ihnen demonstrieren, sie gründen keine politischen Parteien und krönen keinen Führer für ihren Widerstand. Ist es Höflichkeit oder jene den Persern eigene Toleranz, diese in jahrhundertelanger Fremdherrschaft gewonnene Fähigkeit, die Herrscher zu verachten und zu ignorieren? Oder fehlt einem neuen Umbruch einfach die zündende Ideologie? Ist auch die iranische Jugend im postideologischen Zeitalter nur noch zu Fußballkrawallen fähig?
Auf der politischen Bühne wird seit langem dasselbe Stück gegeben. Es wird debattiert, angeklagt, gerechtfertigt, verhaftet, freigesprochen und wieder debattiert, intellektuell hochstehend, die Disputanten sind gebildet, eloquent, ein Wort gibt das andere. Um Religion und Herrschaft geht es, Reform, Tradition, das Erbe der Revolution und die Legitimität von Macht. Sie wettern gegen Amerika, die globale Arroganz und gegen die eigene Korruption, rufen zur Eintracht auf und ermahnen sich gegenseitig, die Wünsche des Publikums nicht aus den Augen zu verlieren. Unten im Saal haben die Zuschauer anfangs wohlwollend applaudiert. Doch was heute da oben läuft, hat mit ihnen immer weniger zu tun. Die Schlagworte sind schal geworden. Und während auf der Bühne der Antiamerikanismus gepredigt wird, trinken sie unten demonstrativ Coca-Cola.
Vereinzelte Buh-Rufe sind zu hören. Die da oben werden unruhig. "Seht, man buht uns aus", sagen sie und geben einander gegenseitig die Schuld dafür. Aber immer mehr Zuschauer wenden sich desinteressiert ab, schleichen sich leise, mit der vielstrapazierten persischen Höflichkeit, Entschuldigungen murmelnd, aus dem Saal. Theatersessel klappen, Garderobentüren fallen ins Schloß. Der Saal leert sich. Die Debatte auf der Bühne gewinnt an Heftigkeit. Immer ausgefeilter die Argumente, immer lauter die Widerrede. Es ist, als redeten sie um ihr Leben. Aber es hört niemand mehr zu.