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Reportage Der Vater

01.08.2008 ·  Ein junger Mann wird Samenspender. Er glaubt, er helfe der Forschung, aber die Klinik verkauft sein Sperma. Seit er das weiß, sucht er nach seinen Kindern. Es könnten vierhundert sein. Zwei hat er schon gefunden. Sie leben ganz in seiner Nähe.

Von Melanie Mühl
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Der Spender A013 der Befruchtungsklinik in Ann Arbor, Michigan, hatte Blutgruppe A positiv, blaue Augen und braune, gewellte Haare. Er war 1,78 Meter groß und wog 79 Kilogramm. Regelmäßig schaute er in der Klinik vorbei, oft mehrmals im Monat, jahrelang lieferte er Samen ab. Das erste Mal im September 1980, das letzte Mal im Januar 1994. Pro Spende und je nach Menge wurde der Samen in sechs bis acht Ampullen abgefüllt und auf Eis gelegt. Das Sperma werde für die Forschung verwendet, sagten die Ärzte Spender A013, man feile an neuen Befruchtungstechniken.

Kirk Maxey sitzt in der Lobby des Sheraton-Hotels am Frankfurter Flughafen und bearbeitet sein Notebook. Vor zwei Stunden ist seine Maschine aus Detroit gelandet, aber Kirk Maxey sieht nicht aus wie einer, der gerade einen Achtstundenflug hinter sich hat. Er ist zweiundfünfzig Jahre alt, ein sanfter Mann mit Schnurrbart und Augen so blau, wie es sie selten gibt. Er trägt ein Hemd, auf dessen Brusttasche das Wort „Cayman Chemical“ gestickt ist, der Name seiner Firma, ein Biochemie-Unternehmen mit Sitz in Ann Arbor. Kirk Maxey ist geschäftlich in Europa unterwegs, am Nachmittag wird er nach Berlin fliegen, dann nach Stockholm und weiter nach Tallinn, wo er einige Tage bleibt. In Tallinn unterhält Cayman Chemical eine Zweigstelle, Kirk Maxey will nach dem Rechten sehen. „Das Geschäft läuft wegen der amerikanischen Finanzkrise nicht so gut im Moment“, sagt er.

Er tat es für die Forschung

Als Kirk Maxey zum ersten Mal seinen Samen spendete, war er Anfang zwanzig und studierte Medizin. Es war die Idee seiner damaligen Frau, die als Krankenschwester in einer Befruchtungsklinik arbeitete und ihm eines Tages erzählte, ihnen gingen die Spender aus. Kirk und sie waren selbst erst vor wenigen Monaten Eltern geworden, es hatte sofort geklappt. Sie hatten einen Jungen bekommen und nannten ihn John. Zwei Jahre später bekamen sie noch einen und nannten ihn Marc. Kirk Maxeys erste Familie.

Für eine Spende zahlte die Klinik zwanzig Dollar, aber um Geld ging es Kirk Maxey nicht, er tat es für die Forschung. Er dachte tatsächlich, sein Samen sei außergewöhnlich gut, deshalb beschäftige ihn die Klinik. Fragen stellte er keine. Er war ein junger Mann, der Respekt vor weiß bekittelten Ärzten hatte. Nach ein paar Jahren meldete sich eine medizinische Assistentin der Klinik bei seiner Ehefrau. Sie hatte sich in Kirk Maxey verliebt, er hatte das nicht erwidert. Da stahl sie ein Reagenzglas mit seinem Samen. Aber das sagte sie nicht am Telefon. Sie sagte, Maxey und sie schliefen miteinander, und sie sei schwanger. Dabei hatte er sie nie berührt. Der Assistentin wurde gekündigt. Ob sie sein Kind bekam, weiß Maxey nicht. Samen hat er seitdem nie wieder gespendet.

Seine zweite Familie

Nach dem Anruf kam Kirk Maxey zum ersten Mal der Gedanke, dass er Vater eines Kindes sein könnte, von dem er nichts wusste, aber er gab diesen Gedanken bald auf, weil ihm die Geschichte mit der Assistentin so unwirklich erschien.

Irgendwann scheiterte seine erste Ehe, und er lernte Tanja kennen, eine Frau mit einem fein geschnittenen Gesicht, die wie eine englische Adlige aussieht. Sie schenkte ihm zwei Kinder, Sasha und Nathalie. Zehn und fünf Jahre sind sie heute alt. Kirk Maxey klappt sein Notebook auf und klickt auf Fotos mit bildhübschen Kindern. Es ist Weihnachten, auf dem ersten Foto grinst Nathalie, ein zartes blondes Mädchen, in die Kamera. Auf dem zweiten legt Sasha seinen Kopf schräg und sieht derart frech aus, dass man annehmen muss, er verlange seinen Eltern alles ab. Kirk Maxey sagt: „Sash ist ein hervorragender Kletterer und Fußballspieler, Nathalie ist sehr niedlich. Beide sind gesund.“ Das ist seine zweite Familie.

Alle Spenden wurden verkauft

Er kann nicht sagen, warum, aber vor vier Jahren nistete sich Unruhe in ihm ein wie ein ungebetener Gast. Er wollte herausfinden, was mit seinen Samenspenden geschehen war, und beauftragte einen Anwalt. In den Unterlagen, die aus der Klinik kamen, stand, dass sie alle seine Spenden verkauft hatte, von Anfang an. Nur an wen, stand da nicht, und die Klinik weigerte sich, die Namen der Frauen herauszugeben. Kirk Maxey rechnete. Er kam auf zweitausend Spenden. Selbst, wenn nicht jede Frau erfolgreich befruchtet worden war, sondern nur jede fünfte, wären das vierhundert Kinder. Er musste annehmen, dass die Mütter keinen Kontakt zu ihm haben wollten. Aber das musste nicht für die Kinder gelten. Im Internet fand er eine Seite, auf der sich Spender und Kinder finden konnten, http://www.donorsiblingregistry.com/. Dorthin stellte er sein Profil.

„Vierhundert“, sagt Kirk Maxey, „bei der Zahl wurde mir schwindlig.“

Der Himmel über Tours strahlt so blau, als sei er poliert. Ashley Swetland trägt eine Sonnenbrille und die brünetten Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Sie ist zwanzig Jahre, klein, und hat braune Augen, die ganz schmal werden, wenn sie lacht. Sie studiert im dritten Jahr Französisch und Englisch an der Universität von Jackson, Michigan, und möchte Lehrerin werden. Drei Monate dauert das Auslandssemester, es ist Ashleys erster Europabesuch. Sie hat Paris gesehen und die Schlösser der Loire. Jetzt fehle noch Disneyland, sagt sie. Ashley hat kein Heimweh, sie würde gerne länger bleiben.

Ein gewöhnlicher Abend

Es war vor drei Jahren, ein gewöhnlicher Abend, Familie Swetland aus Ann Arbor saß beim Essen. Tina, die Mutter, der Stiefvater Ted, Ashley und ihre Schwester Kate, vierzehn Jahre alt. Ashley erinnert sich noch, dass es Spaghetti gab und ihre Mutter sich über ihren Exmann Douglas ärgerte, Ashleys und Kates Vater. Doch diesmal tobte die Mutter und der Stiefvater brüllte: „Sag es ihnen endlich!“ An diesem Abend erfuhren Ashley und Kate, dass ihr Vater ein Samenspender ist.

„Ich habe mich wie im freien Fall gefühlt“, sagt Ashley Swetland.

Der Magen rebellierte, die Knie wurden weich. Sie fand es unheimlich, wie sie gezeugt worden war. Es hatte etwas von Science-Fiction, und es fühlte sich kalt an. Sie musste weinen und lachen, genau wie ihre Schwester Kate, aber Ashley war nicht wütend auf ihre Mutter, sie hörte zu, was sie ihr zu sagen hatte. Sie hörte, dass ihre Mutter sie liebe und ihnen immer die Wahrheit sagen wollte, sie habe nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Sie hörte, dass Douglas und sie sich wie verrückt Kinder gewünscht hätten, aber Douglas zeugungsunfähig gewesen sei. Darum hätten sie damals Samen aus einer Befruchtungsklinik in Ann Arbor gekauft, das erste Mal vor siebzehn Jahren für 1500 Dollar, das zweite Mal vor vierzehn Jahren für 2000 Dollar.

Die Mutter wusste nichts

Vor diesem Abend war die Welt von Ashley Swetland in Ordnung gewesen, sie hatte eine Mutter, sie hatte einen Vater, und sie hatte einen Stiefvater. „Ich habe mich wie ein ganzer Mensch gefühlt“, sagt sie. Nun fühlte sie sich wie ein halber, dabei hatte sie noch einen leiblichen Vater dazubekommen. Sie fragte sich, was er für ein Mann ist, wie er aussieht, was er ihr vererbt hat. Doch ihre Mutter konnte keine dieser Fragen beantworten. Sie wusste nichts über den Spender.

Sofort begann Ashley nach dem Mann zu suchen. Bei Google tippte sie die Wörter „Samenspende“ und „Ann Arbor“ ein und klickte sich durchs Internet, drei Wochen lang. Dann stieß sie auf die Seite www.donorsiblingregistry.com. Nur zehn Samenspender hatten sich unter der Klinik registriert. Ashley las die Steckbriefe, auch den von A013: Blutgruppe, Augenfarbe, Haarfarbe, Größe, Gewicht, Muttersprache Englisch, ein bisschen Französisch, Deutsch, Dänisch und Italienisch. Doktor der Medizin, Chemiker, Unternehmer. Interessen: Chemie, Biologie, Evolution, Architektur, Design, Musik. „Ich wusste, dass er es ist“, sagt Ashley. Sie habe es gefühlt. Ihre Mutter lächelte nachsichtig, sie hielt das für unmöglich, aber sie ließ sich trotzdem die Unterlagen von ihrem Arzt schicken. Unter der Nummer des Samenspenders stand A013.

E-Mail an A013

Ashley Swetland schrieb A013 eine E-Mail, sie schrieb nur einen Satz: „Ich glaube, du bist mein biologischer Vater.“

„Es fühlte sich warm und gut an“, sagt Kirk Maxey. Er sendete Ashley ein Smiley zurück. So fing es an.

Sie mailten hin und her, Ashley schickte Babyfotos von sich und Kate, Kirk schickte Babyfotos von seinen Kindern und ein Foto, auf dem er einen Cowboyhut trägt. Ashley sagt, sie habe gedacht, Kirk sei so eine Art Countrytyp, mit Pferden und einer Ranch. Sie fand ihn sympathisch. Kirk sagt, er habe nach ein paar E-Mails bemerkt, dass Ashley ein verantwortungsbewusster Mensch sei, anders als die Jugendlichen, die er kannte. Sie suchten beide nach Gemeinsamkeiten, es musste welche geben, schließlich stimmte die Hälfte ihres Erbguts überein, und sie wurden auch fündig. Beide schreiben, sie Erzählungen, er Essays. Beide sprechen ein wenig Französisch, sind zurückhaltende Menschen und rennen ungern. Beide mögen Mint Chocolate-Chip Icecream und Dr. Pepper, ein Erfrischungsgetränk. „In Amerika mögen nur wenige Menschen Dr. Pepper“, sagt Ashley.

Scheue Umarmungen

Kirk Maxey und Ashley Swetland leben nur zwanzig Autominuten voneinander entfernt. Als sie sich nach ein paar Monaten trafen, wählten sie eine Mall ganz in der Nähe und dort ein Eiscafé. Kirk war schon da, er sah eine Frau und zwei Töchter kommen. „Es fühlte sich an wie bei einem ersten Date. Ich hatte Angst, dass die Mutter mich sieht und denkt: ,Oh Gott, und dafür habe ich mehrere tausend Dollar ausgegeben'“, sagt Kirk.

„Ich war aufgeregt, man weiß ja nie, was man bekommt“, sagt Ashley.

Die vier umarmten einander scheu. Kirk Maxey hatte kleine Geschenke mitgebracht, T-Shirts seiner Firma. Sie plauderten über Belanglosigkeiten, fragten nach Haustieren, ob der andere Sport treibe, solche Dinge. Niemand wollte einen Fehler begehen. Zwanzig Jahre hatten sie nichts voneinander gewusst, nun wollte jeder einen guten Eindruck hinterlassen.

Ashley habe ihn angestarrt, als wäre er ein Außerirdischer, sagt Kirk. Sie habe sich in seinem Gesicht gesucht, sagt Ashley.

„Ich entdecke mich in ihr“

Sie hat seine Augen, Lippen, Nase und Kinn regelrecht gescannt. Ihre Züge um den Mund, fand sie, hatte sie von ihm, genauso wie das ausgeprägte Kinn. Als sie ein Kind war, hatten die Verwandten ihrer Schwester oft zärtlich über den Kopf gestrichen und gesagt: „Du siehst aus wie deine Mutter.“ Wenn Ashley fragte: „Und ich, wie sehe ich aus?“, antworteten sie: „Ein bisschen wie dein Onkel.“

„Wenn ich Ashley ansehe, entdecke ich mich in ihr“, sagt Kirk. Es sei die Art, wie Ashley ihre Augen bewege, wenn sie spreche. Nur eine Nuance. Aber noch nie hat eine Nuance ein solches Gewicht bekommen im Leben von Kirk Maxey.

Nach einer guten Stunde verabschiedeten sie sich voneinander, alle waren beglückt, jeder aus einem anderen Grund. Tina, weil sie Gewissheit hatte, dass A013 eine hervorragende Spendernummer gewesen war. Kate, weil sie nun ihren biologischen Vater kannte, auch wenn sie nicht vorhatte, ihm einen großen Platz in ihrem Leben einzuräumen. Kirk, weil da plötzlich Kinder waren, die seine Gene in sich trugen. Ashley, weil sie eine verwandte Seele gefunden hatte.

Ein neuer Onkel

Ashley sagt, sie habe sofort ein Band zwischen ihnen gespürt. Als habe man ihr zum High-School-Abschluss ein neues Familienmitglied geschenkt. Keinen Vater, den hatte sie ja schon, eher einen Onkel. Einen Menschen, den sie anrufen kann, wenn sie traurig ist, von dem sie weiß, er wird zur Stelle sein. Jemand, der zu ihrer Hochzeit kommt, irgendwann, und später ihre Kinder im Arm wiegt. Jemand, der von nun an bei ihr bleiben würde.

Ashley möchte unbedingt Kirks Eltern besuchen, ihre Großeltern, die in Utah leben. Aber sie ist nicht ungeduldig, warum auch, es gibt keinen Grund zur Eile. Sie und Kirk mailen regelmäßig und essen alle paar Monate ein Eis zusammen. Das ist eine Menge. Zu vielen Familienmitgliedern hält Ashley Swetland deutlich weniger Kontakt. An den Gefühlen für ihren Stiefvater Ted, der sie und Kate großgezogen hat, hat sich nichts geändert, sie sind stark wie eh und je. Auch an ihren Gefühlen für Douglas, den ersten Mann ihrer Mutter, hat sich nichts geändert. Die beiden verband nie etwas Inniges.

Keine Lücke mehr

Einen Moment lang hat Ashley überlegt, Douglas aus ihrem Leben zu verbannen. Dann wurde ihr bewusst, dass sie das Kind war, dass ihre Mutter mit Douglas nicht haben konnte. Er war nicht ihr Vater, aber er hätte es sein wollen. Er war es, der die Hand ihrer Mutter hielt, als sie geboren wurde, er hielt sie auch, als ihre Schwester auf die Welt kam. Er war es, der Ashley das Laufen beibrachte. Sie teilten nicht die Erbanlagen miteinander, aber Erinnerungen. Das kann sie nicht ignorieren, also besucht sie ihn weiterhin.

Ashley sagt, seit sie Kirk getroffen habe, sei ihre Welt wieder in Ordnung. Sie hat Douglas, sie hat Ted und nun auch Kirk. In ihrem Familienalbum klafft keine Lücke mehr. „Ich fühle mich wieder wie ein ganzer Mensch“, sagt sie.

Kirk Maxey ist in Mammoth Hot Springs aufgewachsen, dem nördlichsten Ort des Yellowstone-Nationalparks, umittelbar an der Grenze zu Montana. Seine Eltern arbeiteten als Wildhüter und achteten darauf, dass es den Tieren gutging. Eines Tages fragte er sie, warum sie sich um die Elche kümmerten, und sie antworteten, dass jeder, von Kalifornien bis nach New Jersey, wegen der Elche in den Nationalpark komme. Da, sagt Kirk, habe er begriffen, was Verantwortung bedeute.

Keinerlei Verpflichtungen

Wäre Kirk Maxey der Vater, der Ashley Swetland großgezogen hat, hätte er seine Europareise vielleicht so planen müssen, dass er sie in Tours besuchen kann. Aber Kirk Maxey hat keinerlei Verpflichtungen. Es ist nicht wie bei seinem Sohn Sasha, der Liebe fordert, den er ständig zum Kletter- und Fußballtraining fährt und den er tröstet, wenn es nötig ist. „Ich bin nicht Ashleys Vater, ich bin wie ein Onkel“, sagt er. Ashley und Kate seien keine Bürde für ihn. Sie erwarten nicht, dass er an ihrem Bett wacht, wenn sie krank sind, dass er sie vor den falschen Männern bewahrt oder Weihnachten mit ihnen feiert. Er muss ihnen auch kein Geld überweisen, damit sie studieren können. Was er ihnen gibt, gibt er freiwillig.

Kirk Maxey hat seiner Frau von Ashley und Kate erzählt, er wollte nicht, dass ein Geheimnis zwischen ihnen stünde. Aber seine Frau fühlte sich von diesen Kindern bedroht, in ihren Augen raubten sie seine Zeit und Liebe. Sie verstand nicht, was er suchte: Er hatte doch eine Familie. Am Tag, als er sich mit den Swetlands verabredete, sagte sie, sie wolle auch in die Mall, um einzukaufen. Als er trotzdem ging, schrie und weinte sie. Sie bat ihn, dieses Kapitel seines Lebens zu schließen. Aber das konnte er nicht. Inzwischen haben sie sich getrennt und reden von Scheidung.

Was kann das noch ändern?

Kirk Maxey sagt, er wisse nicht, ob er die Klinik, die seinen Samen ohne sein Wissen verkauft hat, verklagen solle. „Was kann das jetzt noch ändern?“, fragt er.

Auf sein Profil im Internet haben sich bei Kirk Maxey vor kurzem noch zwei junge Menschen gemeldet. Ein Mädchen aus New York und ein Junge aus Detroit, sie glaubten, sie hätten in ihm ihren Vater gefunden, aber nach einem DNA-Test mussten sie einsehen, dass er es nicht war.

Kirk Maxey sucht nicht nur im Internet nach seinen Kindern. Er hat ein schmales Buch geschrieben, kurze Erzählungen aus seiner Kindheit und einige Essays. Es hat eine geringe Auflage, ein paar hundert Stück nur, aber es liegt in den Buchhandlungen in Ann Arbor und Umgebung, darauf kam es ihm an. Er hofft, dass er so weitere Kinder findet, wenigstens ein paar. Er will, dass sie das Buch lesen und eine Ahnung davon bekommen, wer ihr Vater ist. Das klingt, als vertraue er dem Zufall, aber die Befruchtungsklinik von Ann Arbor ist die einzige im weiten Umkreis. Es ist nicht ausgeschlossen, dass viele der Frauen in der Nähe leben.

Er sucht Kinder

Als vor Jahren zwei Söhne von Kirk Maxey bei einem Autounfall verunglückten, brachte man sie ins Krankenhaus nach Jackson. Sie wurden gerade geröntgt, als er eintraf. Die Krankenschwester, die sich damals um sie kümmerte, hieß Tina Swetland. Es war die Mutter von Ashley. Das haben sie beim ersten Treffen im Eiscafé herausgefunden. Danach muss Kirk Maxey der Gedanke gekommen sein, dass er seinen Kindern oder ihren Müttern fast überall begegnen konnte, und diesen Gedanken gab er nicht wieder auf.

Wenn es stimmt, was Kirk Maxey ausgerechnet hat, ist er der Vater von vierhundert Kindern. Er könnte vor ihnen stehen und würde es nicht mal bemerken. Vierhundert Menschen, von denen er nichts weiß. Vierhundert Gesichter, die er nicht erkennt. Diese Kinder lassen ihm keine Ruhe. Es ist nicht so, dass er nach Genies sucht oder Spitzensportlern, er sucht einfach nur Kinder. Er grübelt, er sorgt sich, er will wissen, wie es ihnen geht, ob sie brav sind, ihre Hausaufgaben machen, ob sie Liebeskummer haben, Drogen nehmen, ob sie krank sind. Bei wem sie auch aufgewachsen sind, er ist ihr Vater, und die Vorstellung, es könnte einem von ihnen schlechtgehen, es könnte traurig sein und er wüsste es nicht, schmerzt ihn.

„Es sind lauter gesichtslose Kinder“, sagt er, „sie können überall sein.“

In der Lobby des Frankfurter Flughafenhotels ist es merkwürdig ruhig an diesem Tag, als spielte das Leben hinter Glas. Eine Gruppe Stewardessen checkt ein. Eine Familie, der Sohn an der Hand des Vaters, die Mutter dahinter. Eine junge Frau mit Rucksack und ein Mann mit einem Notebook und Augen so blau, wie man sie selten sieht. Menschen, die einander sehen und im nächsten Moment vergessen haben könnten, weil sie wissen, dass sie nichts miteinander zu tun haben. Nur einer von ihnen weiß das nicht.

Kirk Maxeys Flug nach Berlin geht in einer Stunde. Er hat schon einen Sitzplatz, am Fenster, aber er will rechtzeitig am Gate sein. Er steht auf und läuft langsam in Richtung Abflugsteig.

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Jahrgang 1976, Redakteurin im Feuilleton.

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