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Religion und Gewalt : Mord als Gottesdienst

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Zusammenstoß der Religionen: Christliche Kreuzfahrer kämpfen gegen muslimische Krieger. Bild: picture alliance / Bildagentur-o

Fromme Menschen sehen sich manchmal dazu legitimiert, aus religiöser Überzeugung zu den Waffen zu greifen. Gewaltbereitschaft entspringt dann dem Zentrum des Glaubens. Ist vielleicht Religion als solche nicht gut?

          In theologischen und juristischen Lexika des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts finden sich zahlreiche Artikel zu Begriffen wie „Religionsverbrechen“ und „Religionsvergehen“. Hier wurden Verstöße gegen das geltende Strafrecht und die Zivilrechtsordnung behandelt, die sich gegen Institutionen und Vertreter der öffentlich anerkannten Religion richteten: beleidigende Kritik von Religionsgesellschaften, Schmähung religiöser Symbole, Zerstörung von Kultstätten und heiligen Denkmälern, verbale Aggression wie physische Gewalt gegen Kleriker und nicht zuletzt Gotteslästerung oder Blasphemie. Religion erschien primär als rechtlich zu schützendes passives Objekt von Angriffen anderer, etwa der Gottlosen und „Feinde Gottes“.

          Dem lag eine wohlwollende funktionale Sicht zugrunde: Religion diene dem Gemeinwesen, indem sie die Loyalität und Treue der Untertanen gegenüber der Obrigkeit stärke. Mit ihren gottgegebenen moralischen Normen fördere sie die Integration einer Stadt oder eines Landes und wirke so als „vinculum societatis“; dies ist bereits ein Leitbegriff des frühneuzeitlichen europäischen Religionsdiskurses.

          Auch erzeugten religiöse Riten unter den Bürgern und Bürgerinnen ein Gefühl von Gemeinschaft und wechselseitiger Verpflichtung: Über äußere Vergesellschaftung hinaus könne gemeinsamer Gottesdienst eine innere, emotionsdicht internalisierte Vergemeinschaftung der Frommen erzeugen, sie gleichsam zu Schwestern und Brüdern machen. Deshalb stifte gemeinschaftlicher Glaube an Gott Gutes und Heilsames: Anstand, Bürgertugend, Ordnungssinn, Orientierung am Gemeinwohl, Verantwortungsbewusstsein, Nächstenliebe und Solidarität. Christliche Theologen und Rechtsgelehrte verlangten harte Strafen für „Religionsverbrecher“, weil sie Angriffe auf die öffentliche Religion als Unterminierung der sozialmoralischen Grundlagen des Gemeinwesens deuteten.

          Die Orientierungskraft religiöser Weltbilder

          Die Vorstellung, Gottesglaube fördere Loyalität gegenüber dem Gemeinwesen und dessen innere Integration, wurde zunächst in religiös homogenen Territorien entwickelt. Sie stand in Spannung zu den vielfältigen Konflikten in religiös pluralistischen Städten und Territorien, in denen die Vertreter der verschiedenen Glaubensgemeinschaften oft heftig und aggressiv über den wahren Gott und seine Verehrung stritten.

          Die Obrigkeiten hatten ein starkes Interesse daran, um eines möglichst friedlichen Zusammenlebens der Bürger willen Glaubensstreit zu neutralisieren. So wurde christlichen Klerikern verboten, von der Kanzel herab Christen anderer Konfessionen zu schmähen und Andersgläubige zu beleidigen; nur gegen die Juden gerichtete kirchliche Kampagnen wurden staatlich nicht sanktioniert.

          Trotz aller intellektuell faszinierenden Traditionen von aufgeklärter Religionskritik und Freiheitskampf gegen dogmatisch bornierte Kirchenchristentümer blieben gelehrte europäische Religionsdiskurse bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein auf den Grundton von Hochschätzung und Lob des Glaubens gestimmt. Dies zeigen nicht zuletzt die vielen sozialwissenschaftlichen Theorien des Nutzens der Religion, die im permanenten Changieren zwischen Religionskritik und Religionsbegründung die Orientierungskraft religiöser Weltbilder und die stabilisierenden Effekte religiöser Riten priesen.

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