25.09.2006 · Religion spielt in Amerika eine noch größere Rolle als angenommen. Eine neue Studie zählt im Lande ganze fünf Prozent Atheisten. Der stärksten Gemeinschaft gehört auch George W. Bush an - den evangelikalen Protestanten.
Von Katja Gelinsky, WashingtonVielen Europäern ist die religiöse Durchdringung der Vereinigten Staaten ohnehin suspekt. Alarmierend dürfte deshalb für sie klingen, wenn Präsident Bush von einer „dritten Erweckungsbewegung“ in Zeiten des Krieges gegen den Terrorismus spricht. Er bemerke, daß man allenthalben offener den eigenen Glauben zum Thema mache, sagte der Präsident kürzlich in einem Pressegespräch. Viele Amerikaner nähmen den Kampf gegen den Terrorismus, wie er selbst, als „Konfrontation zwischen Gut und Böse“ wahr.
Es scheine, als erlebten die Vereinigten Staaten ein drittes „Awakening“, sagte Bush in Anspielung auf die konfessionsübergreifenden Erweckungsbewegungen im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Skeptiker mögen dies als Wunschdenken eines Präsidenten bewerten, der sich vom Allmächtigen berufen fühlt, die amerikanische Freiheitsidee in der Welt zu verbreiten. Aber auch amerikanische Wissenschaftler haben jüngst darauf hingewiesen, daß die Religiosität der Amerikaner unterschätzt werde. In der umfangreichsten Erhebung zur Bedeutung von Religion in den Vereinigten Staaten seit den sechziger Jahren weisen Forscher der texanischen Baylor University darauf hin, daß die Zahl der Amerikaner, die keiner religiösen Gruppierung angehören, um rund zehn Millionen überschätzt worden sei. Ihr Anteil liege nicht bei 14 Prozent, wie in früheren Studien angegeben, sondern betrage nur etwas mehr als zehn Prozent, heißt es in dem „Baylor University Religion Survey“. Als Atheisten bezeichneten sich sogar nur 5,2 Prozent der Bevölkerung.
Bush in der Mehrheit
Den Hauptgrund für den verbreiteten Irrtum, an die zunehmende Säkularisation der amerikanischen Gesellschaft zu glauben, sehen die Religionswissenschaftler in dem voreiligen Schluß, daß fehlende Zugehörigkeit zu einer der traditionellen Glaubensgemeinschaften Abkehr von Religion bedeute. Zwar hätten die alten Konfessionsgemeinschaften an Bedeutung verloren, aber dafür hätten Strömungen wie die Evangelikalen und die überkonfessionellen Megakirchen großen Zulauf bekommen. Nach der Baylor-Studie bilden die evangelikalen Protestanten, zu denen auch Präsident Bush gehört, mittlerweile die größte religiöse Gruppe in den Vereinigten Staaten.
Untersuchungen der Wissenschaftler zum Gottesbild der Amerikaner bestätigen zudem, was viele von Bushs religiösen Bemerkungen nahelegen: Evangelikale tendieren zum Glauben an einen „autoritären Gott“, der die Bösen bestraft, so die Forscher. Während Katholiken, weiße Protestanten und Juden Gott eher als überirdische Macht betrachten, die sich nicht in Angelegenheiten der Menschen einmischt, ist das Gottesbild der Evangelikalen geprägt von der Überzeugung, daß der Allmächtige neben ihrem persönlichen Leben auch internationale Angelegenheiten entscheidend beeinflußt. Da verwundert es kaum, daß zwei Drittel der Befragten, die sich zum Glauben an diesen eingreifenden Gott bekennen, der Überzeugung sind, die amerikanische Regierung solle ihre Befugnisse im Kampf gegen den Terrorismus ausweiten.
Gottgesandter Führer?
Dirk Walbrühl (Kelen)
- 26.09.2006, 11:31 Uhr