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Religion im säkularen Gemeinwesen : Gefährlicher mentaler Stoff

Wie ein guter Chirurg, der nicht mehr weh tun möchte als nötig: Jürgen Habermas Bild: Helmut Fricke

Der Philosoph Jürgen Habermas disputiert in München mit dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf über das göttliche Faible für Staatsbürgerkunde.

          Es sind immer wieder Exotika wie Vorhaut, Kopftuch und Kruzifix, mit denen die Religion ins öffentliche Bewusstsein ragt. Ein rationalistischer Putzteufel scheint die Sicht auf den Glauben im säkularen Gemeinwesen vorzugeben: Was kann der weltanschaulich neutrale Staat noch dulden, wo muss er einschreiten? In dieser rein negativen Bestimmung, in dieser Aufreger-Perspektive ist Religion der „gefährlichste mentale Stoff“, den man sich denken kann, wie der Theologe Friedrich Wilhelm Graf bei einem Abend in der Siemens-Stiftung erklärte. Graf trat in München einerseits als Dynamithändler auf, andererseits als verantwortlicher Sprengmeister, der das religiöse Gelände absperrt, ringsum Warntäfelchen errichtet und im Übrigen darauf achtet, dass nach dem Glaubensakt die Trümmer der Vernunft fachgerecht entsorgt werden.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass ein Theologe sich zuvörderst die Rolle zudenkt, vor den „Frommen“ zu warnen (bei Graf wahlweise auch: die „ganz Frommen“), vor der „religiösen Tendenz zum Unbedingten“, der „Neigung zum Phantastischen“ - all dies zeigt seinen guten Willen, der Aufklärung treu bleiben, vor ihrem strahlenden Licht nicht die Augen verschließen zu wollen, ja es zeigt - wenn man so will - auch ein göttliches Faible für Staatsbürgerkunde. Gleichwohl ist die Frage, was man als Theologe damit für das Verständnis des Phänomens Religion geleistet hat. Nicht viel, steht zu befürchten. Graf nennt sich deshalb auch lieber einen „Religionsintellektuellen“, wobei dieser Begriff Probleme für die Religion wie für die Intellektualität aufwirft, Probleme, auf die dann wenig später mit einer erstaunlichen Kaltblütigkeit Jürgen Habermas zu sprechen kommen sollte.

          Habermas redet kaltblütig

          Offenkundig hegt jede Religion, unter welchem universalistischen Geltungsanspruch auch immer, bloß „partikulare Vorstellungen des guten Lebens“, wie Graf moniert. Aber kann es wirklich darum gehen, diese Partikularitäten so lange abzugleichen, bis sie den Ansprüchen einer profanen Vernunft genügen? Hat nicht auch die profane, prozedural ausgetüftelte Vernunft in diesem Sinne nur Partikularitäten zu bieten? Natürlich muss die religiöse Praxis mit der säkularen Verfassung vereinbar sein, zumal nicht jede religiöse Praxis sich zu Recht auf ein heiliges Buch beruft. Doch die Beschneidungsdebatte zeigt einmal mehr, dass vor Gericht eine solche Vereinbarkeitsprüfung nur im Modus einer weit ausholenden Güterabwägung gelingen kann und nicht nach Art einer kurz angebundenen, engen Subsumtionslogik, welche markig zwar, aber im Kern doch sehr unjuristisch argumentiert.

          Habermas, wie gesagt, redet in München kaltblütig. Und doch voller Behutsamkeit. Wie ein guter Chirurg, der nicht mehr weh tun möchte als nötig. Nein, sagte er zunächst noch ohne Chirurgenkittel an Heinrich Meier, den Stiftungs-Philosophen, gewandt - nein, es sei nicht so, wie Meier denke, dass er, Habermas, sich mit der Religion aus purem soziologischem Interesse befasse. Er prüfe sie vielmehr als Ressource für die Philosophie, für eine Philosophie, die nicht naturalistisch-szientistisch verengt sich selbst widerlege, sondern ihre semantischen Potentiale ausschöpfen möchte. Habermas signalisierte in diesem Zusammenhang mehr Sympathie für Dieter Henrich und Robert Spaemann als für den heideggerisierenden Giorgio Agamben, den er rundweg als Seher mit philosophischer Zipfelmütze betitelt. Tatsächlich scheint Habermas, zunächst paradox, aus Leidenschaft fürs Argument sich bei der Religion aufzuhalten.

          Hätte er beispielsweise ein schöpfungstheologisches Argument wie die Gottesebenbildlichkeit des Menschen zur Verfügung, dann könne er bestimmte Intuitionen, die er habe, leichter verteidigen. Aber solche Argumente stünden ihm nun einmal nicht zu Gebote. In Bemerkungen wie dieser kommt freilich ein genuin theologisches Verständnis zum Ausdruck, ein Grad der Durchdringung religiöser Gehalte, die mit einer bloß funktionalen Sehweise von Religion, welche Habermas nicht nur von Meier vorgehalten wird, nichts zu tun hat. Es war diese meisterhaft durchgehaltene Performanz, in der Rolle des religiös Unmusikalischen die Sache der Theologie stark zu machen, die dem Abend in der Siemens-Stiftung seinen Zauber verlieh.

          Wie steht es mit der rituellen Praxis?

          Und den Schnitt vorbereitete, den Habermas schließlich an Graf vornahm, blitzschnell im Gewand einer Frage: „eine Frage an die Theologen, eine Frage an Sie“. Wenn es doch so sei, dass die Wahrheitsansprüche der Religion nicht nur für eine Doktrin gelten, sondern religiöse Erkenntnis sich als religiöse Sozialisation vollziehe, als Nachfolge auf einem Heilsweg - warum, so fragte Habermas, entkoppelten sich dann die Theologen zunehmend von der rituellen Praxis der Gemeinde? Genügt am Ende, so musste man diese Frage verstehen, das Berufsbild des Religionsintellektuellen weder dem gelebten Glauben noch seiner intellektuellen Durchdringung? Und Habermas setzte freundlich nach: Ob die Theologen mit einem solchen disziplinären Selbstmissverständnis womöglich nur ihren Platz unter dem Dach der Universität behaupten wollten? Spitzbübisch lächelnd bemerkte der Sprengmeister Graf die Lunte.

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