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Veröffentlicht: 29.06.2012, 22:31 Uhr

Religiöser Ritus Ein einschneidender Beschluss

Nicht nur das Kölner Landgericht, auch manche Israelis lehnen die jahrtausendealte Tradition der Beschneidung jüdischer Jungen ab. Noch sind sie eine Randgruppe, die gegen ein gesellschaftliches Tabu ankämpft. Aber sie wächst.

von Gil Yaron, Tel Aviv
© dpa

Zuerst war Eran Sadeh völlig klar, dass er dasselbe tun würde wie alle seine Bekannten. Er wollte seinen Sohn beschneiden lassen, erzählt der Rechtsanwalt aus Nordisrael. Zwei Tage vor der geplanten Beschneidung jedoch hatte er eine Offenbarung: „Ich suchte im Internet Informationen über den Arzt, der die Prozedur durchführen sollte. Plötzlich erfuhr ich Dinge, von denen ich vorher keine Ahnung gehabt hatte. Ich war schockiert, las die ganze Nacht.“ Am Morgen stand fest, dass er seinen Sohn nicht beschneiden lässt.

Das war vor sieben Jahren. Eran Sadehs Entschluss erforderte starke Nerven. Denn in Israel gehörte er damals zur absoluten Ausnahme. „Früher gab es im ganzen Land vielleicht dreißig Familien, die sich dazu durchrangen, keine Beschneidung auszuführen“, schätzt Jonathan Enosch, der Gründer des Vereins „Ben Schalem“ - intakter Sohn -, der seit fünfzehn Jahren gegen die Beschneidung kämpft: „Immer mehr Juden entscheiden sich in Israel gegen diese Tradition“, sagt er. Inzwischen sind es rund zwei Prozent der jüdischen Eltern, die sich weigern, ihre Söhne beschneiden zu lassen. Das sind mehrere tausend Familien, schätzen israelische Medien. Sadeh, der eine Website über die „potentiell negativen Konsequenzen einer Beschneidung“ eingerichtet hat, berichtet von monatlich fünfzehnhundert Besuchen.

In Tel Aviv beschnitten

Das ist freilich noch immer eine kleine Minderheit. Für die meisten Israelis ist die Beschneidung etwas Selbstverständliches. Als Ben Schalem 1998 klagte, um Beschneidung aufgrund bestehenden Rechts als kriminelles Vergehen zu ahnden, reagierten die Richter ungläubig: „Meint der Kläger es tatsächlich ernst, dass ausgerechnet in Israel, dem einzigen jüdischen und demokratischen Staat, die Beschneidung verboten werden soll, die seit Generationen eine der wichtigsten Glaubensgebote im Judentum ist?“ Sie wiesen die Klage ab.

„Meinen Sohn zu beschneiden war für mich kein Dilemma“, erzählt Tom Franz. Dabei kennt der Kölner Rechtsanwalt tatsächlich beide Seiten. Bis zu seiner Einwanderung nach Israel und seinem Übertritt vor wenigen Jahren war er unbeschnittener deutscher Christ. Doch vor wenigen Monaten, sein erstgeborener Sohn war acht Tage alt, war Franz „immens stolz“, als im Beisein von Freunden und Familie das Kind in einer Synagoge in Tel Aviv beschnitten wurde.

Sie werden für Verweigerung verurteilt

„Das Beschneiden gehört zum Judentum wie das Glockenläuten zum Christentum“, findet auch der Rabbiner Yehoram Mazor, der zugleich Präsident des Rabbinischen Gerichtshofs für Reformjuden in Israel ist. Die Richter bezeichneten das Ritual in ihrer Antwort auf den Antrag von „Ben Schalem“ als den „ersten und grundlegendsten Ausdruck für den Beitritt eines Individuums zum Judentum“. Von Kindesbeinen an lernt man alles hierzulande über die zentrale Bedeutung des „Brith“, wie Beschneidung auf Hebräisch heißt. „Brith“ bedeutet Bündnis und symbolisiert die besondere Beziehung zwischen Juden und ihrem Gott: „Ihr sollt die Vorhaut eures Fleisches beschneiden. Ein Zeichen des Bundes zwischen mir und euch“, heißt es im Ersten Buch Moses. In Schulen wird den Kinder vom Seleukidenkönig Antiochos Epiphanes und Roms Kaiser Hadrian erzählt - Inkarnationen des Bösen. In der Antike verboten sie die Beschneidung, um das Judentum auszulöschen, und lösten Volksaufstände aus.

Porträt Gil Yaron © Busse, Christoph Vergrößern Wird in drei Monaten Vater und steht selbst vor dem Dilemma der Beschneidung seines Kindes: Gil Yaron

Wer sich nicht beschneiden lässt, „dessen Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, weil es meinen Bund unterlassen hat“, warnt die Bibel. Die Drohung wirkt tatsächlich bis heute: „Hauptsächlich soziale Ängste bewegen viele Eltern dazu, ihre Söhne beschneiden zu lassen“, sagt Sadeh und stützt sich dabei auf Gespräche mit verunsicherten Eltern sowie auf informelle Erhebungen. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2006 ließe ein Drittel jüdischer Eltern lieber vom „Brith“ ab, rang sich aber trotzdem dazu durch, gut die Hälfte wegen des „gesellschaftlichen Drucks“, etwa zehn Prozent „weil es den Großeltern wichtig war“. „Freunde sind das größte Problem“, weiß Sadeh. „Sie verurteilten uns für unsere Weigerung.“

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