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Veröffentlicht: 29.06.2012, 22:31 Uhr

Religiöser Ritus Ein einschneidender Beschluss


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Beschneidung propagieren

Das Urteil des Kölner Landgerichts löste im offiziellen Israel Empörung aus: „Es ist, als würden wir jeden Priester verhaften, der eine Glocke läutet, weil er damit die öffentliche Ruhe stört“, begründet dies Rabbiner Mazor. Auch Tom Franz hält das Urteil für eine „verfehlte Einmischung in die Religionsfreiheit“. Befürworter der Beschneidung zitieren gesundheitliche, psychologische und religiöse Beweggründe, die von den Gegnern des Eingriffes freilich bestritten werden. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge sollen beschnittene Männer seltener an Infektionen des Geschlechtsapparats erkranken. Doch da dies selten sei und die Krankheiten zudem behandelbar seien, will die Organisation eine routinemäßige Beschneidung nicht empfehlen. Kondome etwa seien der weitaus effektivere Schutz als der unumkehrbare chirurgische Eingriff. Die Angst, Kinder mit Vorhaut würden ausgegrenzt, können Eltern unbeschnittener Israelis nicht bestätigen: „Mein Sohn hatte nie deswegen Probleme“, sagt Enosch. Es sei ein „Teufelskreis: Eltern beschneiden ihre Kinder, damit sie nicht anders sind, was dazu führt, dass es alle weiter tun.“ T., ein Offizier in der Armee, der anonym bleiben will, bestätigt im Gespräch, dass er viele Soldaten kennengelernt hat, die nicht beschnitten waren - „das kümmerte niemanden“. Seinen Sohn will er nun auch nicht beschneiden lassen: „Wozu?“, fragt der Offizier.

Rabbiner propagieren Beschneidung fast ausnahmslos, dennoch ist die jüdische Religion nicht so drakonisch wie das Erste Buch Moses: Zwar heißt es im Talmud, ein Mensch sei nicht perfekt, bis er nicht beschnitten werde. Rabbi Ben Jaakov Ben Asher, ein Gelehrter aus dem dreizehnten Jahrhundert, warnte indes: „Wer sich nicht beschneidet, kommt nicht ins Paradies, auch wenn er die Tora studiert und gute Taten vollbringt.“ Dennoch gesteht Mazor ein: „Wer als Jude geboren wird, aber nicht beschnitten wurde, ist trotzdem ein vollwertiges Gemeindemitglied. Die Religion macht da keinen Unterschied.“ Nur beim Übertritt ist der „Brith“ obligatorisch.

Für den israelischen Autor Meir Schalev bleibt der Ritus ein Rätsel: „Warum bestehen freie, säkulare Juden darauf, ausgerechnet dieses brutale, grausame und primitive Gebot einzuhalten?“ Auch Sadeh findet es absurd: „Meine Freunde essen Schweinefleisch und halten den Schabbat nicht ein. Aber sie sind überzeugt, dass sie ein Stück vom Penis ihres Sohnes abschneiden müssen, damit ihr Sohn Jude ist.“ Dabei habe sich das Judentum in vielen Fragen angepasst: Vor zweitausend Jahren wurde der Opferdienst eingestellt, im Mittelalter die Polygamie verboten. Sadeh schlägt daher vor, auch die Beschneidung in einen symbolischen Akt zu verwandeln. Die heutige Beschneidung unterscheidet sich ohnehin vom „Brith“, wie ihn Abraham an sich selbst vornahm. Der Stammesvater trennte einen kleinen Teil seiner Vorhaut ab. Nachdem zur Zeit des Zweiten Tempels Juden daraufhin begannen, die verbleibende Vorhaut wieder zu verlängern, wiesen die Rabbiner an, alles zu entfernen: „Das ist ein masochistischer und barbarischer Brauch, der nichts mit dem ursprünglichen Brauch zu tun hat“, findet Enosch.

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Reuven Rivlin bezog als einer der wenigen israelischen Politiker Stellung: Die Religionsfreiheit einzuschränken, findet der israelische Parlamentspräsident, stehe „im Widerspruch zu jeder demokratischen Verfassung“, und er forderte den Bundestag auf, die Beschneidung in Deutschland gesetzlich zuzulassen. Kommentatoren verglichen den Berichtsbeschluss mit den hasserfüllten Edikten Antiochos’ und Hadrians. Aktivisten wie Eran Sadeh und Jonathan Enosch begrüßten den Richterspruch: „Endlich wird das Recht auf körperliche Unversehrtheit über Religionsfreiheit gestellt“, sagt Sadeh. „In Israel kann man dieses Tabu kaum brechen“, meint Enosch. Das Urteil in Köln „gibt mir Mut, aufs Neue zu versuchen, mit einer Klage auch hier im Land Ähnliches zu erreichen“.

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