11.05.2007 · Rekorde waren einkalkuliert bei den Auktionen mit Impressionismus und Moderne von Christie's und Sotheby's in New York. Zwar blieben Sensationen aus, doch mit insgesamt mehr als einer halben Milliarde Umsatz gehörten die Auktionen zu den erfolgreichsten in der Geschichte der Auktionshäuser.
Von Lisa Zeitz, New YorkSo hoch wie in dieser Woche war die internationale Beteiligung an den New Yorker Frühjahrsauktionen für Impressionismus und Moderne noch nie. Motiviert durch den starken Euro ersteigerten Europäer rund die Hälfte der Werke, während nur knapp dreißig Prozent der Lose an Amerikaner verkauft wurden. Der Rest verteilt sich auf Asien und „andere“.
Zusammen setzten allen die beiden Prestige-Auktionen bei Sotheby's und Christie's mehr als 500 Millionen Dollar um. Besonders glänzend verlief das Geschäft für Sotheby's: Mit fast 280 Millionen Dollar lag der Umsatz des Abends nur rund eine Million unterhalb dem besten Ergebnis seit Gründung des Unternehmens im 18. Jahrhundert überhaupt. Dieses beste Ergebnis wurde übrigens im Mai 1990 gefeiert, als allein Renoirs „Au moulin de la Galette“ rund 60 Millionen Dollar in der Kasse klingeln ließ. In dieser Woche hingegen war kein einziges Los auf mehr als zwanzig Millionen Dollar taxiert - umso beachtlicher ist das Resultat. Nur sechs von den 61 Losen blieben unverkauft.
Cézanne brilliert
Zum teuersten Werk des Abends bei Sotheby's avancierte Cezannes brillantes Aquarell „Nature mort au melon vert“ von 1902/1906 (F.A.Z. vom 28. April), das sein Einlieferer, der Londoner Kunsthändler Giuseppe Eskenazi im Jahr 1989 auf der Auktion des „British Rail Pension Fund“ in London für 2,53 Millionen Pfund (inklusive Aufgeld) ersteigert hatte, umgerechnet rund 4,3 Millionen Dollar. Dieser Rekordpreis für eine Arbeit auf Papier von Cezanne blieb seither ungeschlagen. Nun lag die Schätzung bei stolzen vierzehn bis achtzehn Millionen Dollar. Zwei wild entschlossene Bieter an Telefonen trieben den Preis noch über diese Schätzung hinaus - und sie ließen sich auch von dem New Yorker Galeristen Larry Gagosian nicht irritieren, der kurzzeitig ins Gefecht einstieg. Schließlich erfolgte, unter Applaus, der Zuschlag bei 22,75 Millionen Dollar an eines der Telefone, zugunsten eines unbekannten Bieters mit erlesenem Geschmack und der Bieternummer 055.
Drei weitere Cezanne-Aquarelle mit lichtdurchfluteten provencalischen Motiven wurden aus der Sammlung Eskenazi versteigert. Zwei davon sicherte sich die international agierende Kunsthändlerin Daniella Luxembourg, jeweils in der Nähe der unteren Taxen, für zwei Millionen und für 1,1 Millionen Dollar. Kurz darauf kam wieder der Bieter mit der Nummer 055 zum Zug: Er kaufte Gauguins kleinen grünen Südseetraum „Cavalier devant la case“ aus einer deutschen Privatsammlung für 4,3 Millionen Dollar (Taxe 3/4 Millionen) und Giacomo Ballas futuristische Abstraktion „Velocita d'automobile + luci“ auf Goldpapier, zur unteren Schätzung von 3,5 Millionen Dollar. Ballas Werk wurde von den Erben des bedeutenden amerikanischen Sammlers Morton G. Neumann eingeliefert.
Wildes Gefecht um Feiningers „Jesuiten“
Zum wirklichen Knaller des Abends aber wurde Lyonel Feiningers Ölbild „Jesuiten III“ von 1915 aus der Sammlung des in Florida residierenden Milliardärs George Lindemann. Auf der grüngrundigen Leinwand umkreisen vier Priester in roten und violetten Roben eine aufreizende Dame in Gelb wie Katzen den heißen Brei. Das farbintensive Bild zeigt Feiningers Werk zwischen seinen frühen Comics und seinen späten, ätherischen Landschaften. Es motivierte Gebote von der New Yorker Kunsthändlerin Nancy Whyte und von mindestens vier weiteren Interessenten, so dass die Taxe in Höhe von sieben bis neun Millionen Dollar schnell überholt war. Danach schaukelte sich der Preis zwischen zwei Telefonagenten in Schritten von 250.000 Dollar stetig nach oben.
Der Auktionator Tobias Meyer begleitete das Gefecht mit tänzerischer Eleganz, indem er wieder und wieder den rechten und dann den linken Arm in Richtung des jeweiligen Gebots ausstreckte. Ein Raunen ging durch den Saal, als der Hammer bei 20,75 Millionen Dollar aufs Pult knallte, und Meyer verkündete „It's a new world“. Den Zuschlag erhielt eine Agentin am Telefon. Gleichzeitig konnte ein - angeblich russischer - Sammler mit Champagnerglas in einer der Skyboxen beobachtet werden, wie er aufgeregt den Hörer seines Telefons auflegte und sich sichtlich freute. Ob er der Käufer war? Das könnte gut sein. Denn russisches und asiatisches Engagement waren besonders lebhaft, wie nach der Auktion David Norman erklärte, der internationale Chef der Abteilung Impressionismus und Moderne bei Sotheby's.
Stabil, doch nicht überschäumend: Picasso und Matisse
Feininger hat seinen erst im vergangenen Jahr aufgestellten Rekord mit den „Jesuiten III“ mehr als verdreifachen können. Rekorde gab es außerdem für Theo van Doesburgs auf die Ecke gestelltes Quadrat „Contra-Komposition VII“ aus der Sammlung der Familie Neumann, das einem anonymen Bieter bei 3,7 Millionen Dollar (Taxe 1,8/2,5 Millionen) zugeschlagen wurde, und für Marino Marinis wunderbare polychrome und monumentale Holzskulptur „L'idea del cavaliere“, die Larry Gagosian für 6,25 Millionene Dollar (6/8 Millionen) einkaufte.
Stabile, wenngleich nicht überschäumende Preise erzielten Picasso und Matisse: Picassos zarter Kopf eines Harlekins erreichte 13,5 Millionen Dollar (14/18 Millionen), während das, ebenfalls mit einer Garantie versehene, Spitzenlos, die in Grau und Gelb gehaltene Odaliske von Matisse, mit Achundkrach 13,1 Millionen Dollar (15/20 Millionen) erreichte. Zu den wenigen Verlierern des Abends zählte Modigliani: Weder das elegante Porträt seiner Geliebten Jeanne Hebuterne (Taxe 8/10 Millionen) noch das „Junge Mädchen in Blau“ (Taxe 12/15 Millionen) fanden einen Abnehmer.
Gris mit neuem Rekord
Auch bei Christie's gab es keine Jahrhundert-Sensationen: Weder eine 95-Millionen-Dollar-Dora-Maar noch eine 88-Millionen-Dollar-Adele-Bloch-Bauer diesmal. Zwar war keines der 77 Lose auf mehr als achtzehn Millionen Dollar taxiert, aber es kamen dennoch während der mehr als zweistündigen Auktion rund 236 Millionen Dollar zusammen; nur neun Lose blieben unverkauft. Den Rang des teuersten Loses teilen sich gleich drei Werke für jeweils 16,5 Millionen: Zu ihnen gehört „Le pot de geranium“ von Juan Gris aus dem Jahr 1915; vor fünf Jahren hatte das Bild bei Sotheby's den damaligen Rekordpreis von rund 8,5 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) gekostet. Mit seinem neuen Rekord erfüllte Gris jetzt genau die Erwartungen von Christie's im Rahmen von vierzehn bis achtzehn Millionen Dollar.
Ebenfalls 16,5 Millionen (14/18 Millionen) bewilligte ein anonymer Bieter am Telefon für Picassos dick aufgeplusterte „Tete et main de femme“ von 1921 (F.A.Z. vom 28. April). Den gleichen Preis schließlich kostete der in dieser Woche überhaupt sehr populäre Alberto Giacometti. „L'homme qui chavire“ von 1947 ist ein noch vor 1950 in Bronze gegossenes, dürres Männlein kurz vor dem Umkippen. 1992 hat die fast sechzig Zentimeter hohe Plastik an selbem Ort noch rund 1,5 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) gekostet. Jetzt bot Larry Gagosian, der selbst im Auftrag der Giacometti-Stiftung mit postumen Bronzegüssen handelt, eifrig gegen einen Telefonbieter, der 16,5 Millionen Dollar (6,5/8,5 Millionen) bieten musste, um das Werk endlich sein eigen nennen zu können, auch dies ein neuer Rekord.
Neue russische Käufer
Einen weiteren Höchstpreis gab es für Signacs „Arrière du tub“, eine pointillistische Flusslandschaft vom Boot aus gesehen. Im Hintergrund rauscht eine Dampflok über eine Eisenbahnbrücke, womit die Landschaft zu einer Meditation über das Leben im Industriezeitalter und über die Ankunft der Moderne wird. Geschätzt auf sechs bis acht Millionen, kam das letzte Gebot bei 10,4 Millionen Dollar von einem Herrn im Saal, der als Joe Allbritton, Bankier und Sammler aus Washington, erkannt wurde. Kirchners attraktives Gemälde der „Dodo mit großem Fächer“ von 1910 blieb knapp unter seiner ambitionierten Schätzung von zwölf bis achtzehn Millionen, als im Saal Nancy Whyte bei 11,5 Millionen Dollar den Zuschlag erhielt.
Das lebhafte Interesse an Chagall ist auf die neuen russischen Kunstkäufer zurückzuführen: Bei Christie's war einem telefonischen Bieter Chagalls früher „Musikant“ von 1924 mit grünem Gesicht und Geige 6,1 Millionen Dollar (2,5/3,5 Millionen) wert. Schieles katzenhafter „Weiblicher Halbakt in grüner Bluse“ von 1913 wurde von Ronald Lauder zusammen mit weiteren Arbeiten auf Papier aus der „Neuen Galerie“ eingeliefert; er brachte 4,5 Millionen Dollar (3/4 Millionen). Schieles exzentrisches Selbstbildnis in Brauntönen dagegen blieb mit 1,6 Millionen Dollar (1,8/2,5 Millionen) noch unterhalb der Schätzung.
Vor dem Haupteingang von Christie's am Rockefeller Center stand zur Begrüßung der Gäste Joan Miros fast vier Meter hohes „Projet pour un monument“ von 1981, ein freundliches Bronzewesen mit ausgebreiteten Armen. Es konnte sich behaupten: Starke 8,8 Millionen Dollar (3,5/5 Millionen) sind der höchste Auktionspreis, der je für eine Plastik von Miro bezahlt wurde.