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: Neunzehn Ungarn in Berlin

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Neunzehn ungarische Autoren, die als Gäste des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ein Jahr in Berlin verbrachten, bringen in diesem Band in prägnanten Beiträgen und Nachwendeerzählungen ihre Eindrücke, Aphorismen und Gedankensplitter zusammen. Immer wieder wird, ...

          Neunzehn ungarische Autoren, die als Gäste des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ein Jahr in Berlin verbrachten, bringen in diesem Band in prägnanten Beiträgen und Nachwendeerzählungen ihre Eindrücke, Aphorismen und Gedankensplitter zusammen. Immer wieder wird, wie im Fall von Imre Kertész, die geschichtsdurchtränkte Gegenwart und ein "Schwindel historischer Absurdität" infolge der zwischen Halbstadt, "Frontstadt" und Weltstadt oszillierenden Identitäten beschrieben. Programmatisch wird der Mythos Berlin, das Bild der "idealen, sirenenstimmigen Traumstadt" (László F. Földényi), von den ungarischen Wahlberlinern mit der angetroffenen Realität abgeglichen. Földényi erkennt die "zentrifugale Wirkung" und die "unbezwingbare Idee Berlins" in "jenem sonst nirgends spürbaren Phänomen, dass man hier das Gefühl hat, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu existieren". Für ihn ist die Mauer "das sichtbar gewordene Wasserzeichen von Berlins rätselhaftem Mythos", während auch Imre Oravecz die These aufstellt, dass Berlin "seinen Zauber allem Widersinn zum Trotz aus seinem Eingeschlossensein und seiner Bedrohtheit gewann". Die "eingeschlossene Weite" Berlins beschwört ebenso László Márton, der in seinem Stück "Berliner Jahreszeiten. Herbst. Die Mauer" in einer Art literarischen Spurensicherung den nunmehr virtuellen Verlauf der einstigen Mauer, "zweifelsohne ein Hirngespinst, eine der Missgeburten kollektiven Wahnsinns unseres Jahrhunderts", rekonstruiert. Mitten hinein in die Ära des Kalten Kriegs führt der Text von György Dalos "Eine Lesung in Westberlin" samt angehängtem Staatssicherheitsbericht. Von den im Buch enthaltenen Wiedervereinigungs- und Nachwendegeschichten überzeugen weniger grenzenlos euphorische Texte wie Zsolt Lángs "Lebewohl - Willkommen" als europakritische Beiträge wie László Végels "Nach Berlin ...". Einen angenehmen Kontrast zu manchen etwas geschichtsbeladenen Texten bilden die eher privaten Berlin-Zugänge und flaneurartigen Wendezeitbeobachtungen in Essays wie "Ein handlaufroter Löwe" von Lajos Parti Nagy, die in den historischen Rudimenten und Sedimenten Berlins das Potential zur Selbstbespiegelung bemerken.

          sg

          "Berlin, meine Liebe. Schließen Sie bitte die Augen. Ungarische Autoren schreiben über Berlin", herausgegeben von Mónika Dózsai, Gabriella Gönczy und Nina Hartl. Mit einem Nachwort von Ilma Rakusa. Matthes & Seitz Berlin Verlag, Berlin 2006. 254 Seiten. Gebunden, 18,80 Euro.

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