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: Licht des Lasters

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Las Vegas ist Licht. Soviel Licht, das aus Millionen von Glühbirnen, Scheinwerfern und Neonröhren blinkt und glitzert und leuchtet und strahlt, daß sich die Stadt nachts im Himmel über der schier endlosen Wüste Nevadas reflektiert und ihr orange leuchtender Widerschein selbst aus fünfzig Kilometer Entfernung noch deutlich zu erkennen ist.

          Las Vegas ist Licht. Soviel Licht, das aus Millionen von Glühbirnen, Scheinwerfern und Neonröhren blinkt und glitzert und leuchtet und strahlt, daß sich die Stadt nachts im Himmel über der schier endlosen Wüste Nevadas reflektiert und ihr orange leuchtender Widerschein selbst aus fünfzig Kilometer Entfernung noch deutlich zu erkennen ist. Es ist eine bizzare Erscheinung. Wie ein Halo. Fast ist versucht, wer dies einmal gesehen hat, von einem Zeichen zu reden, einer Botschaft am Firmament: Wegweiser und Verheißung zugleich.

          Der deutsche Fotograf Andreas Schmidt ist diesem Licht gefolgt. Und er hat es zu seinem Thema gemacht. Zum ersten Mal kam er 1998, zum letzten Mal 2004. Da war ihm der Strip von Las Vegas, diese Ausfallstraße der verwegenen Schrillheiten und des eiskalten Protzes, mittlerweile so vertraut, daß ihn der Wahnsinn dieser Stadt nicht länger irritierte, sondern geradezu normal erschien: die Skyline von Manhattan oder einen gewaltigen Sphinx, den Campanile von Venedig oder die Wahrzeichen von Paris, die sich gut ein Dutzend riesiger Hotel- und Casinobauten als Blickfänger vor die Fassade montiert haben. Es wurde Zeit, die Bilderserie abzuschließen. Denn um die Künstlichkeit vor allem war es Andreas Schmidt zu tun: um Abbildungen, die aussehen, als seien sie mit Modellen im Studio entstanden oder, besser noch, am Bildschirm eines Computers entworfen.

          Die Frage, mit der sich die zeitgenössische Kunstfotografie momentan besonders intensiv beschäftigt, nämlich: Was ist echt? ist freilich genau die Frage, die sich in Las Vegas auch jenseits der Lichtbildnerei ein ums andere Mal stellt. Selbst die handfesten Fakten der Wirtschaft, die vor Superlativen übersprudeln, nimmt man eher ungläubig als staunend zur Kenntnis: 37,4 Millionen Gäste im vorigen Jahr, 33,7 Milliarden Dollar Einnahmen, Hotels, die über mehr als sechstausend Zimmer verfügen und deren Baukosten nur knapp unter der Drei-Milliarden-Dollar-Grenze liegen - das klingt wie die Schilderung eines orientalischen Märchenerzählers. Das vollendete Blendwerk einer postmodernen Legoland-Architektur hingegen, das den Besucher mit seiner radikalen Aufdringlichkeit nur kurz staunen machen, gleich darauf aber anlocken, hineinziehen und so lange festhalten will, bis der letzte Dollar in einem Einarmigen Banditen und der letzte Jeton auf dem Filz eines Roulette-Tischs verloren ist, arrangiert sich zu Bildern wie aus Träumen. "Mirage" heißt eines dieser überdimensionierten Themenhotels: Trugbild.

          Andreas Schmidt ist kein Reporter. Sein außergewöhnlicher Fotoband "Las Vegas", der dieser Tage zum Jubiläum der Stadtgründung am 15. Mai 1905 erschienen ist und dem unsere nur mit Telefonnummern betitelten Abbildungen entnommen sind, zeigt keine Spielhallen, keine Bars, keine Shows. Den Wandel der Stadt von der überdimensionierten Spielhölle zum Urlaubsort für Familien und jüngst wieder zurück zur Lasterhöhle illustriert er mit keinem Bild. Andreas Schmidt zeigt auf seinen Bildern nicht einmal Menschen. Vielmehr ist die Stadt wie ausgestorben. Leere Parkdecks, leere Hotelflure, leere Förderbänder, auf denen sonst die Passanten gleichsam als Menschenmaterial nach dem Gusto der Casinos transportiert werden. Doch derlei Kritik ist Andreas Schmidt fremd. Es geht einzig um Ästhetik. Schaut her, sagt er, wie schön dieser Schein ist, wie gespenstisch, unwirklich schön. Und plötzlich schleicht sich einem der Gedanke in den Sinn, daß bei einem Stromausfall in Las Vegas nicht nur das Licht, sondern die ganze Stadt verschwinden könnte.

          "Las Vegas" von Andreas Schmidt. Mit einem Text von Christoph Ribbat. Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 2005. 144 Seiten, 110 Fotos. Gebunden, 39,80 Euro. ISBN 3-7757-1594-0.

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