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: Korkeichen schälen für ganz Europa

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Sardinien ist immer noch ein ganz eigenes Stück Italien. Auch wenn der Pauschalurlaub nicht haltgemacht hat vor dem sonnenverbrannten Eiland, auch wenn Fähren und Flugzeuge in den Sommermonaten Heerscharen von Touristen auf die Insel entlassen - Sardinien ist immer noch irgendwie weit weg vom "Kontinent", wie ...

          Sardinien ist immer noch ein ganz eigenes Stück Italien. Auch wenn der Pauschalurlaub nicht haltgemacht hat vor dem sonnenverbrannten Eiland, auch wenn Fähren und Flugzeuge in den Sommermonaten Heerscharen von Touristen auf die Insel entlassen - Sardinien ist immer noch irgendwie weit weg vom "Kontinent", wie die Sarden sagen, und die meisten Nichtsarden assoziieren die Insel etwas ratlos mit Schafen, ihren schweigsamen Hirten und den Luxusvillen, in denen italienische Medienzaren rauschende Feste feiern. Wer Sardinien besser verstehen möchte, dem sei der Band "Sardinien. Eine literarische Einladung" empfohlen. Die Herausgeber Michaela De Giorgio und Otto Kalscheuer zeigen mit einer Auswahl zeitgenössischer Literatur die Brüche auf, von denen die Insel geprägt ist, die Spannungen zwischen der archaischen Welt der Schäfer und jener der jungen Menschen, die zu Pogo Punk die Nächte durchtanzen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Väter, wie es der berühmte Schriftsteller Gavino Ledda in seinem längst zum internationalen Bestseller gewordenen Roman "Padre Padrone" beschreibt, ihre Kinder aus der Schule holten, damit sie die Schafe hüten, und sie somit zum Analphabetismus verdammten; heute kreisen die Kneipengespräche der Kinder dieser Kinder um Andy Warhol, Pedro Almodóvar und um Frauen, die aussehen wie die aufgetakelten Showgirls der Fernsehgewinnspiele im Vorabendprogramm; der junge Autor Flavio Soriga zeichnet sie mit liebevoller Ironie. Michela Murgia, die in Deutschland gerade bekannt wird mit ihrem Roman "Accabadora", philosophiert über den Scherbenhaufen, der ihre Identität ausmacht, während Milena Agus, deren bezaubernde kleine Romane hierzulande in viel höheren Stapeln in den Buchläden liegen als in Italien, mit einem Augenzwinkern von den spektakulären Liebesdiensten phantasiert, die eine sardische Ehefrau zu leisten imstande ist. So kurios wie die Ereignisse, die sich in der Abgeschlossenheit des Inselkosmos zutragen, sind oft auch die Texte: Der Schriftsteller und Maler Virgilio Lilli etwa singt das Loblied der sardischen Korkeiche, die sich einst wie eine Märtyrerin Korken für ganz Europa aus dem Körper schneiden ließ, bevor der Plastikkorken seinen Triumphzug antrat. Der Theaterschauspieler und Regisseur Alberto Capitta präsentiert dem Leser einen Priester, der sich in der Einsamkeit der Landschaft eine Sternwarte baut und von dort aus die letzten Bewohner einer alten Mine beobachtet, und auch ein rares Exemplar des sardischen Hochadels, der linke Intellektuelle und berühmte Journalist Luigi Pintor, kommt zu Wort. Dabei spart der Band die dunklen und blutigen Seiten der Insel nicht aus; die canzone "Hotel Supramonte" des in Italien hochverehrten Liedermachers Fabrizio de André etwa erinnert an seine Entführung durch sardische Banditen im Jahr 1979. Ein kenntnisreich zusammengestelltes Buch.

          vero.

          "Sardinien. Eine literarische Einladung", herausgegeben von Michaela De Giorgio und Otto Kalscheuer. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2011. 142 Seiten. Gebunden, 15,90 Euro.

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