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: Jedoch die alte Frau kann sterben

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Es zeugt von Bescheidenheit, wenn Simon Geissbühler sein Werk ein "Büchlein" nennt. Aber wenn es auch nur hundertzwölf Seiten hat, ist es auf keinen Fall angebracht, es kleinzureden, denn Thema und Ausführung sind außergewöhnlich. Der Autor, Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in Bukarest, ist nach ...

          Es zeugt von Bescheidenheit, wenn Simon Geissbühler sein Werk ein "Büchlein" nennt. Aber wenn es auch nur hundertzwölf Seiten hat, ist es auf keinen Fall angebracht, es kleinzureden, denn Thema und Ausführung sind außergewöhnlich. Der Autor, Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in Bukarest, ist nach eigenem Bekunden per Zufall auf die jüdischen Friedhöfe in der Bukowina gestoßen, und sie sind tatsächlich eine Art glückliche archäologische Entdeckung, da sie seit dem von Deutschen und Rumänen zu verantwortenden Holocaust völlig vergessen waren. Beigetragen hat dazu gewiss, dass die Bukowina viele Jahrzehnte lang ein Schattenleben am Rande Europas führte und höchstens wegen der sogenannten Moldauklöster ein wenig Aufmerksamkeit auf sich zog. Entscheidender aber ist, dass in diesem Vielvölkerland das einst kulturtragende jüdische Element mit unvorstellbarer Grausamkeit ausgetilgt wurde und kaum jemand übrig blieb, um die Vergangenheit zu verwalten. Jetzt wird sie immerhin wieder sichtbar - romantisch verklärt durch das Winterweiß oder mit Löwenzahn durchsetztes Sommergrün und tief berührend durch die Magie, die von den durch das Alter gebeugten Grabsteinen ausgeht. Neben diesem emotionalen Element gibt es einen besonderen Aspekt: Ungewöhnlich reich und unvergleichlich ist der Figurenschmuck, mit dem die jüdischen Steinmetze die Grabsteine zierten. Seine Bedeutung ist zwar in einem ikonografischen Glossar erklärt, aber ein Rest Geheimnis bleibt, wie überhaupt das ganze Buch eine seltsame Stimmung auslöst: Man staunt über die Schönheit der Szenerien, spürt aber zugleich die tiefe Traurigkeit, die von den Orten ausgeht.

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          "Jüdische Friedhöfe in der Bukowina" von Simon Geissbühler. Noi Media Print, Bukarest o. J. 112 Seiten, 109 Abbildungen. Gebunden, 69,50 Lei.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2011, Nr. 155 / Seite R4

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