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: Das helle Herz der Finsternis

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Glaubt man der Bibel, hat der Herrgott den Garten Eden nach dem Sündenfall für Adam, Eva und uns Nachgeborene mit einem strikten Besuchsverbot belegt. "Er vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens die Kerubim auf, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten", heißt es im Buch Genesis über den Rauswurf, der in Ackerbau, Viehzucht und Stadtplanung mündete.

          Glaubt man der Bibel, hat der Herrgott den Garten Eden nach dem Sündenfall für Adam, Eva und uns Nachgeborene mit einem strikten Besuchsverbot belegt. "Er vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens die Kerubim auf, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten", heißt es im Buch Genesis über den Rauswurf, der in Ackerbau, Viehzucht und Stadtplanung mündete. Seitdem ist das Paradies wohl verwildert - und menschenleer.

          In "Paradise Now" ist Peter Bialobrzeski zu den letzten Rudimenten von Eden zurückgekehrt. Mit seiner schweren Großbildkamera ist der Hamburger Fotograf auf den knatternden Mopeds ortskundiger Kollegen an die ausgefransten Ränder der explodierenden Megalopolen Asiens gefahren. Waghalsig ist er auf Parkhausdächer und Wolkenkratzer geklettert, um das von Baggern und Planierraupen noch unberührte Naturschöne festzuhalten. Denn Bialobrzeskis Paradies liegt eben nicht irgendwo an Euphrat und Tigris, sondern an der Peripherie von Jakarta oder Singapur, von Bangkok, Kuala Lumpur und Hanoi.

          Entstanden sind siebzig Nachtaufnahmen an der Grenze zwischen natürlichem und urbanem Wildwuchs, die wirken, als hätte der Herrgott selbst gewaltige Fotolampen angeknipst, um nachzusehen, was aus seiner Schöpfung geworden ist - oder wie ein ironischer Zukunftsblick ins himmlische Jerusalem, in dem die strahlende Herrlichkeit des Weltenlenkers Mond und Sonne bekanntlich überflüssig macht (Offenbarung 21,23).

          In "Paradise Now" aber waren es Natriumdampflampen, Autoscheinwerfer, Straßenbeleuchtungen und angestrahlte Wolkenkratzer, die die vergessene Natur in ein surreales, perspektivlos flutendes Licht tauchen. Hinter dem scheinbar undurchdringlichen Blattwerk der überwucherten Palmen-, Bambus- und Laubbaumwälder drängen die blendenden Schemen der Hochhaustürme, Parkhäuser und Autobahnbrücken hartnäckig nach vorne. Dem Paradies droht die Zerstörung. Gottes wachsame Kerubime sind schon lange fort.

          Überhaupt lassen Bialobrzeskis Aufnahmen aus dem grellen Herzen der Finsternis immer schon die Apokalypse erahnen. Laut Vorwort werfen diese Fotos sogar aktuell "die Frage auf, ob wir dieses Leuchten angesichts der Klimakatastrophe noch verantworten wollen".

          Das ist die doppelbödig moralische Botschaft dieser in der digitalen Dunkelkammer nachbearbeiteten Reisebilder, deren lange Belichtungszeiten die Natur melancholisch verwischen und die hektisch durch die Straßen hetzenden Bewohner der Millionenstädte im Hintergrund prophetisch verschwinden lassen. Nirgends wird diese hintergründige Zivilisationskritik deutlicher als auf dem Bild eines Baukrans, der sich durch den erleuchteten Garten Eden frist. In der Langzeitbelichtung wirkt sein illuminiert rotierender Schwenkarm wie eine überdimensionierte Kreissäge aus reinem Licht, die sich unaufhörlich eine Schneise ins Grün des Dschungels fräst - oder wie ein Ufo, von dem aus Außerirdische einen Blick auf das menschliche Endzeitdesaster werfen.

          Sollten in nicht allzu ferner Zukunft einmal Abgesandte einer höheren Intelligenz zu unserem einst paradiesischen und dann menschenleeren Planeten reisen, dann wäre dieser aus Zivilisationsruinen beleuchtete Urwaldrest für sie vielleicht das einprägsamste Bild für die Geschichte des Homo sapiens, der bis zu seinem Aussterben trotz des Bisses in die Frucht vom Baum der Erkenntnis zwischen Gut und Böse nie zu unterscheiden lernte.

          "Paradise Now" von Peter Bialobrzeski. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2009. 132 Seiten, 70 Farbabbildungen. Gebunden, 58 Euro. Wandgroße Abzüge der Bilder zeigt die Galerie Robert Morat (Kleine Reichenstraße 1, 20457 Hamburg) bis zum 8. Juli.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.05.2009, Nr. 122 / Seite R8

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