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: Das Ende der Firma Japan

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Quo vadis, Japan? Die Japanologin und Journalistin Judith Brandner hat ihre meist in der Wiener Tageszeitung "Die Presse" erschienenen, schon vor Fukushima kulturpessimistischen und oft kritischen Beiträge zu einem Büchlein gebündelt. Ihr Interesse gilt dabei der "geistig-moralischen Verwahrlosung" (so Ken'ichi Mishimas Prognose) der Gegenwartsgesellschaft.

          Quo vadis, Japan? Die Japanologin und Journalistin Judith Brandner hat ihre meist in der Wiener Tageszeitung "Die Presse" erschienenen, schon vor Fukushima kulturpessimistischen und oft kritischen Beiträge zu einem Büchlein gebündelt. Ihr Interesse gilt dabei der "geistig-moralischen Verwahrlosung" (so Ken'ichi Mishimas Prognose) der Gegenwartsgesellschaft. Die Japan Inc. und die "Firma in der alten Form" hätten nach dem Platzen der Blasenwirtschaft "aufgehört zu existieren. Geblieben sind die Menschen." Brandner beleuchtet in ihren Reportagen "modernes Tagelöhnertum" und das "Phänomen der Working Poor". Sie porträtiert "Internetcafé-Flüchtlinge", wie die unterbezahlten Arbeiter, die mangels erschwinglicher Wohnungen in Internetcafés übernachten, genannt werden. Brandner beschreibt mit Roland Barthes Japan als "Szenario der Zeichen" und Denkansätze, die in Konkurrenz zu einander stehen. Unter dem Titel "Manga, Anime und Hundertjährige" erörtert sie angesichts wachsender demographischer Probleme - Überalterung bei gleichzeitigem Geburtenrückgang, was immer mehr Frauen in die Berufstätigkeit treibt - Japan als Land der erschütterten Geschlechterverhältnisse. Neben Modevierteln und "Must-haves aus der digitalen Welt" gibt das Buch auch Einblicke in die "Revisionistenszene": Es rekonstruiert am Beispiel der Besuche von Politikern beim Yasukuni-Schrein, an dem auch Kriegsverbrecher verehrt werden, oder der Kontroversen um die Erwähnung von Kriegsverbrechen die Eiertänze um die Deutungshoheit über die Vergangenheit. Weitere Themen der Reportagen, die Alternativen zum Kapitalismus und dem Qualifikationserwerb als Selbstzweck an Schule und Universität aufzeigen, sind im Kapitel "Der Mythos des Aufruhrs" Studentenproteste wie an der Hôsei-Universität oder Projekte wie "Food Bank Japan", eine Organisation zur Verteilung von übrig gebliebener Nahrung an Bedürftige. Auch ein Interview mit Haruki Murakami, der in Werken wie "Nach dem Beben" oder "Untergrundkrieg" (über den Giftgasanschlag der Aum-Sekte auf die Tokioter U-Bahn) "Bilder des Untergrunds" der Gesellschaft und Tiefenschichten der japanischen Seele offenlegt, bezeugt ein eher orientierungsloses, im modernen Wertewandel begriffenes Inselreich.

          sg

          "Reportage Japan. Kratzer im glänzenden Lack" von Judith Brandner. Picus Verlag, Wien 2011. 132 Seiten. Gebunden, 14,90 Euro.

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