Genau drei Monate ist es her. Kurz vor der ostlibyschen Ölstadt Brega hatte eine Boden-Boden-Rakete der Truppen Gaddafis unser Auto in einen Feuerball verwandelt. Mein Freund und Gastgeber, der vierundfünfzigjährige Abdul Latif, hat den Anschlag nicht überlebt (siehe Krieg in Libyen: Der Tag, an dem Gaddafi meinen Freund tötete ). Nie werde ich die tödlichen Sekunden vor Brega vergessen. Nie die Stunden, die wir, hinter einer Sandbank kauernd, bombardiert wurden, nie die nächtliche Flucht durch die Wüste nach Adschdabiya. Nie wollte ich an diesen Ort zurück.
Doch ich wusste, ich musste noch einmal zur Familie meines Freundes, ihr von den letzten Tagen seines Lebens berichten. Zwar hatte ich am Tag nach dem Anschlag zwei seiner Brüder getroffen. Aber dann mussten wir wegen der anrückenden Truppen Gaddafis abreisen. Alle Versuche, die Familie von Deutschland aus zu erreichen, scheiterten. Gaddafi hat das Internet und den internationalen Telefonverkehr weitgehend lahmgelegt.
Irgendwann beschloss ich, einfach loszufahren, begleitet von einem Exil-Syrer und der deutschen Videojournalistin Julia Leeb. Auch sie hatte den Anschlag nur knapp überlebt. Aus Dankbarkeit für Abdul Latifs Gastfreundschaft hat sie einen kurzen Film über seine letzten Tage produziert. In brütender Hitze ging es auf die mehr als tausend Kilometer lange Strecke von Kairo nach Benghasi. Anders als vor drei Monaten wurden wir an der Grenze alle paar Meter kontrolliert, mussten Formulare ausfüllen, die Pässe abgeben, in der prallen Sonne warten. Für den Kofferraum, der Waffen oder Munition enthalten konnte, interessierte sich niemand. Auch Rebellen können Demokratie mit Bürokratie verwechseln. Vor drei Monaten waren wir noch durch das Heer der am Straßenrand campierenden Flüchtlinge einfach durchgewinkt worden. Einer der jungen Rebellen schaute damals besonders grimmig auf unsere Pässe. Dann lachte er: „Fahren Sie halt weiter. Ich kann das sowieso nicht lesen.“
Notfalls wird sein Konterfei durchgestrichen
Im befreiten Benghasi ist fast Normalität eingekehrt. Statt fahnenschwingend durch die Straßen zu ziehen, gehen die Menschen wieder ihrer Arbeit nach. Nur die in den Farben der Revolution angemalten Bäume am Rand der Straßen erinnern an den kollektiven Revolutionsrausch der ersten Wochen.
Für die Menschen hier ist die Entscheidung gefallen: „Gaddafi war gestern“, sagt der junge Salim. „Egal, ob er jetzt oder in ein paar Monaten stürzt. Wir erleben gerade die letzten Tage Gaddafis. Das neue Libyen bauen wir ohne ihn.“ Ich frage, wie Gaddafi sich so lange halten könne. Nachdenklich antwortet er: „Die Stärke Gaddafis überrascht uns nicht, die Schwäche der Nato schon. Trotzdem wird er fallen.“
Inzwischen sind auch die letzten Denkmäler und Wandbilder Gaddafis mit Revolutionsflaggen und Postern überklebt. Nur auf den Ein-Dinar- und Fünfzig-Dinar-Noten prangt noch sein Bild. Doch viele Libyer weigern sich, diese Geldnoten auch nur in die Hand zu nehmen. Notfalls wird sein Konterfei einfach durchgestrichen.
Vom Hotel aus gelingt es uns, einen der Söhne Abdul Latifs zu informieren. Kurz danach steht er ungläubig vor uns: „Sie haben uns nicht vergessen? Niemand kommt freiwillig nach Benghasi zurück.“ Dann beginnt er hektisch, seine Familie zu informieren.
Er kratzt verstohlen am wunden Beinstumpf
Am Nachmittag sind wir im Hause Abdul Latifs. Ich betrete sein kleines Arbeitszimmer. Tausende Bücher stapeln sich auf Schreibtisch und Boden. Staunend entdecke ich Goethe, Nietzsche, Heidegger. Im abgedunkelten Gästeraum starrt die Familie anschließend gebannt auf den Film mit den letzten Bildern ihres vor Lebensfreude sprühenden, plötzlich aus dem Leben gerissenen Bruders und Vaters. Keiner versucht, seine Tränen zu verbergen.
Gedankenverloren sitze ich abends im Hotel. Warum musste dieser immer lächelnde wunderbare Mensch sterben? Hinter mir höre ich das Geräusch zweier Krücken. Ein einbeiniger Junge durchquert die Lobby. Er grüßt mich scheu. Ich frage ihn, wie es ihm heute gehe. „Bestens“, antwortet er und versucht seine zuckenden Gesichtszüge zu kontrollieren.
Hassan heißt er, er ist achtzehn Jahre alt. Er hatte gerade sein Ingenieurstudium begonnen, als er im Kampf um Misrata sein Bein verlor - vor drei Monaten, zwei Tage nach dem Tod Abdul Latifs. Immer wieder verkrampft sich seine linke Hand in die Lehne seines Sessels. Mit der anderen Hand kratzt er verstohlen am wunden Beinstumpf. Tapfer versucht er durch sein zuckendes Gesicht hindurchzulächeln.
Das neue Libyen muss anders sein!
Nachts finde ich keinen Schlaf. Meine Gedanken kreisen um Abdul Latif und Hassan. Um drei Uhr nachts gehe ich wieder in die Lobby, um mir etwas zu trinken zu holen. In einer Ecke sehe ich Hassan, völlig in sich zusammengefallen. Jetzt, wo er sich unbeobachtet glaubt, weint er hemmungslos. Leise gehe ich auf mein Zimmer zurück.
Am nächsten Tag sind wir bei dem siebenundsiebzigjährigen „Nelson Mandela Libyens“, Ahmed Al Zubair Al Sanussi. Er ist Mitglied der Übergangsregierung. Würdig trägt er ein weißes goldverziertes Gewand, die traditionelle Djubba und eine rote Kappe, die Schanna. Wie der König in einem orientalischen Märchen. Sein Leben aber war alles andere als märchenhaft. Wegen angeblicher Putschpläne hatte er einunddreißig Jahre in den Kerkern Gaddafis verbringen müssen, davon neun Jahre in Einzelhaft, ohne das Tageslicht zu erblicken. Zwei Jahre lang wurde er gefoltert, mit Peitschenhieben, Elektroschocks, Scheinhinrichtungen und Waterboarding.
Nichts hat den charismatischen Al Sanussi brechen können. Sein Lächeln ist strahlend, seine tiefen dunkelbraunen Augen blitzen. „Wer ein Ziel und einen Glauben hat, wird nie zerbrechen.“ Auf die Frage, welche Strafe er über Gaddafi verhängen würde, antwortete er: „Ich will ein faires Gerichtsverfahren. Das neue Libyen muss anders sein als das von Gaddafi.“
Die Augen, deren Leuchten Gaddafi nicht brechen konnte
Ich berichte ihm, dass die deutsche Bundesanwaltschaft wegen des Mordes an Abdul Latif jetzt ein offizielles Ermittlungsverfahren eingeleitet habe - in Absprache mit dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Al Sanussi bedankt sich nachdrücklich bei den deutschen Behörden. Wenn die Nato es nicht schaffe, Gaddafi auszuschalten, werde dies vielleicht eines Tages ein deutsches oder ein internationales Gericht tun.
Wie alle Libyer, die ich während meines einwöchigen Aufenthaltes getroffen habe, bewundert er Deutschland, auch wenn er die Haltung der Bundesrepublik in der Frage der Luftangriffe auf Gaddafis Truppen kritisch sieht. Deutschland ist in der arabischen Welt noch immer eines der beliebtesten Länder der Welt - wenn nicht das beliebteste. Al Sanussi kann sich sehr gut eine Regierungsform nach deutschem Vorbild vorstellen.
Deutschland könne in Libyen noch eine wichtige Rolle spielen. Zum Beispiel durch eine medizinische Luftbrücke zwischen Libyen und Deutschland. Die libyschen Krankenhäuser seien nicht in der Lage, komplizierte Operationen durchzuführen. Eine solche Luftbrücke könne viel Leid vermeiden.
Al Sanussis Frau ist während seiner Haft verstorben. Er hat wieder geheiratet. Er sei sehr glücklich, strahlt er. Seine Augen, deren Leuchten Gaddafi nicht brechen konnte, funkeln.
Mein lächelnder Held
Zum Freitagsgebet gehe ich noch einmal auf den Tahrir-Platz, den Platz der Freiheit und der Märtyrer, die für diese Freiheit gestorben sind. Hier herrscht noch immer jene revolutionäre Volksfeststimmung, die mir Abdul Latif vor drei Monaten so stolz gezeigt hatte. Auf Plakatwänden steht: „Wir haben einen Traum.“ Hunderte Fahnen der Revolution wehen im Wind. Die Absperrwände sind mit Kinderzeichnungen geschmückt. Neben dem Platz haben die Rebellen für Kinder einen Erlebnispark aufgebaut.
Tausende Menschen beten unter freiem Himmel. Nur noch zwei Scharfschützen auf den Dächern der gegenüberliegenden Häuser sichern den Platz. Wie auf all meinen Reisen in andere Kulturen nehme ich am öffentlichen Gebet teil. Als die Libyer um mich herum erfahren, dass ich deutscher Christ bin, bringt mir einer seinen Gebetsteppich. Ein anderer schenkt mir seinen Schal zum Schutz vor der sengenden Sonne. „Ich hoffe, Sie sind uns nicht böse, dass wir die deutsche Haltung im Sicherheitsrat so heftig kritisiert haben. Deutschland ist für uns trotzdem etwas Besonderes.“
Nach dem Gebet gehe ich zum angrenzenden Gerichtsgebäude. Hier begann der Aufstand. Wie oft war ich hier mit Abdul Latif! Jetzt hängen an den Mauern nicht nur Dutzende, sondern Hunderte Bilder gefallener Libyer - Kinder, Jugendliche, Männer, Frauen. Plötzlich stehe ich vor einem großen Foto meines Freundes. Seine Augen schauen mich fragend an. Wie vom Blitz getroffen, schließe ich meine Augen. Das letzte Mal hatte mir noch Abdul Latif die Bilder der Gefallenen gezeigt. Jetzt ist er selbst einer von ihnen. Mein lächelnder Held. Einer unter Hunderten - und doch so einzigartig.