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Reich-Ranickis Literaturgeschichte : Ein stolzer Liebender

Marcel Reich-Ranicki, Anfang der sechziger Jahre Bild: Jüdisches Museum

Ein Jahr nach dem Tod von Marcel Reich-Ranicki erscheint jetzt seine Geschichte der deutschen Literatur. Sie ist auch das funkelnde Porträt ihres Verfassers.

          Darf ein Literaturkritiker eine Literaturgeschichte schreiben? Sollte er das nicht lieber den Literaturwissenschaftlern überlassen? Marcel Reich-Ranicki hat Literaturgeschichte geschrieben - indem er in sie einging. Er wurde ein Teil der deutschen Literaturgeschichte, mit seinem Leben und mit seinem Werk. Dass die Literatur ärmer wäre ohne die Kritik, das hat er sein Leben lang geglaubt und mit seinem Leben für diese Überzeugung gebürgt. Diesen Gedanken umzudrehen wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Gedankenspiele, die von ihm verlangten, sich eine Welt ohne Literatur vorzustellen, lehnte er kategorisch ab.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          In diesen Tagen erscheint die zweite Literaturgeschichte aus der Feder von Marcel Reich-Ranicki. Die erste stammt aus dem Jahr 1955. Sie trägt den Titel „Aus der Geschichte der deutschen Literatur 1871 bis 1954“, wurde auf Polnisch verfasst und nie ins Deutsche übersetzt. In der Vorbemerkung schrieb ihr Verfasser, der ein Jahrzehnt zuvor unter schier unglaublichen Umständen zusammen mit seiner Ehefrau Teofila der Mordlust der Nazis nur knapp entkommen war: „Wenn dieses Buch neue Liebhaber der deutschen Literatur gewinnt und dazu beiträgt, unsere Verbindung zum friedliebenden und demokratischen Deutschland zu vertiefen - so werde ich meine Aufgabe erfüllt haben.“ Stalin war zu diesem Zeitpunkt noch keine zwei Jahre tot, der Begriff Entspannungspolitik noch ein Fremdwort in Ost und West.

          Kein Anspruch auf Vollständigkeit

          Drei Jahre später, 1958, kehrte Reich-Ranicki von einer Reise in die Bundesrepublik nicht wieder nach Polen zurück. In seiner Autobiographie „Mein Leben“ hat er sein Erstlingswerk im Rückblick ohne jede Sentimentalität beurteilt: „Auf dieses Opus stolz zu sein, habe ich nicht den geringsten Grund.“ Warum nicht? Weil das Buch erkennen lasse, „welche verheerende Doktrin auf den Autor Einfluss ausgeübt hat - der sozialistische Realismus. Jawohl, meine Literaturkritik war bis 1955 von der marxistischen und gewiss auch vulgärmarxistischen Literaturtheorie geprägt.“

          Das ist nun fast sechzig Jahre her. In diesen Tagen, fast genau ein Jahr nach Marcel Reich-Ranickis Tod, erscheint postum die zweite Literaturgeschichte des Kritikers. Ihr Titel: „Meine Geschichte der deutschen Literatur. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart“. Sie enthält Aufsätze, Essays, Reden und Rezensionen Reich-Ranickis aus den letzten Jahrzehnten, zusammengestellt von Thomas Anz, dem Marburger Literaturwissenschaftler, den Reich-Ranicki zu seinem Nachlassverwalter bestellt hat.

          Anz hat eine kluge Auswahl getroffen, die Vollständigkeit weder anstrebt noch vorzutäuschen versucht. Der Titel „Meine Geschichte der deutschen Literatur“ ist also wörtlich zu nehmen, denn dieser Band behandelt zwar fünf Dutzend deutschsprachige Autoren von Walther von der Vogelweide, dem Barockdichter Paul Fleming, Schiller, Goethe, Schlegel und Kleist über Börne, Heine, Hebbel und Fontane bis zu Kafka, Brecht, Rühmkorf, Handke, Botho Strauß und Patrick Süßkind. Aber er verhehlt an keiner Stelle den subjektiven Faktor.

          „Das Prinzip der Ungenügsamkeit“

          Es sind Marcel Reich-Ranickis Perspektiven, Interessen und Leidenschaften, von denen diese Geschichte der deutschen Literatur geprägt ist. Deshalb lässt sie sich auch als Porträt ihres Verfassers lesen, der sich nach seiner Flucht in den Westen nie wieder einer Doktrin unterworfen hat. In jedem dieser Texte wird er erkennbar, in seiner intellektuellen Schärfe, der Unerbittlichkeit seines Urteils, aber auch in seinen Ängsten und Sehnsüchten.

          Dass die Freiheit der Kritik eine Bedingung für die Freiheit der Literatur ist, hat er keine Sekunde vergessen können, weil er erleben musste, was es heißt, in Unfreiheit zu leben. Mit Walter Benjamin erinnerte er daran, dass die Kritik, „um etwas zu leisten, sich selber unbedingt bejahen muss“, und mit dem jungen Thomas Mann rief er aus: „Die Kritik sei frei - denn sie ist das steigernde, befeuernde emportreibende Prinzip, das Prinzip der Ungenügsamkeit.“

          Ungenügsamkeit? Wer Ungenügen empfindet, mag sich nicht zufriedengeben. Wer sich nicht zufriedengibt, verlangt Veränderung. Wer Veränderung erwartet, ist ein Optimist. Wer sie verlangt, ein Ruhestörer.

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