02.06.2010 · Befreundet mit ihm bin ich seit fünfzig Jahren. Erlebt habe ich ihn als Arbeiter im Weinberg der Literatur. Seine Autobiographie habe ich mit Ergriffenheit gelesen. Unterwegs war und ist er stets im Dienst der Aufklärung: Ein Glückwunsch für meinen Freund Marcel.
Von Siegfried LenzMag jeder seine Schlüsse daraus ziehen: Es muss gesagt werden, wir sind Freunde seit mehr als fünfzig Jahren, der große Kritiker und ich. Damals, als er aus Warschau kam, mit seinem schwerwiegenden Erinnerungsgepäck, heimgesucht von der Geschichte, entschlossen zu neuer Lebensgründung, lebten wir in kurzweiliger Nachbarschaft. Wir besuchten uns oft, trafen uns im Theater, an gesellschaftlichen Abenden, fuhren regelmäßig ins städtische Hamburger Schwimmbad - er immer in Begleitung seiner Geliebten, der Literatur.
Wie viel sie ihm bedeutet, wurde bei allen Gelegenheiten erkennbar. Literatur wurde zitiert und zu Rate gezogen, sie diente zur Bebilderung und Rechtfertigung, bei einem exotischen Essen ebenso wie bei einem Streitgespräch, und selbst beim Wassertreten im Schwimmbad wurde Literatur angerufen. Als bei einer ausgedehnten Abendmahlzeit das Lob für die Hausfrau allzu verschwenderisch geriet, glaubte er bekennen zu müssen, dass er sich langweile, und bat um Verständnis für seinen verfrühten Aufbruch.
Literatur inspirierte, sie mobilisierte und beherrschte ihn schon immer, er wurde ihr Richter und ihr Anwalt. Sein Urteil ließ aufhorchen. Die Hörer mehrerer Rundfunksender wollten sich mit ihm abstimmen, die Leser der „Zeit“ ebenso wie die der „Welt“ und schließlich über Jahrzehnte die Leser dieser, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Aber auch viele Fernsehzuschauer wollten sich seine Literaturgespräche mit Hellmuth Karasek nicht entgehen lassen, die, zur Freude vieler, neben verlässlichen Informationen erheblichen Unterhaltungswert boten. Mehr als dies aber nahm man teil an der Entstehung und Begründung eines literarischen Urteils, und das ist ja für einen Kritiker von entscheidender Bedeutung.
Vom Gebrauch stilvoller Übetreibungen
Da wir in unseren Tätigkeiten nicht selten auf anderen Schultern stehen und das auch bei richterlicher Messkunst, zögert der Kritiker Marcel Reich-Ranicki nicht, seine Lehrer, seine Vorbilder zu nennen. Zwar mag er nicht ausschließen, dass eine Voraussetzung der Kritik in der Lese- und Welterfahrung des Kritikers selbst liegt, aber immer wieder bekennt er, dass es Maßstäbe, Kriterien und Regeln gibt, die übernehmbar sind, ja übernommen werden müssen.
In unseren Gesprächen verwies er oft auf Börne, auf die Schlegels und auf den großen Lessing, und besonders von ihm fühlte er sich beeinflusst und bestätigt, nicht zuletzt im Hinblick auf den Gebrauch von stilvoller Übertreibung und effektvoller Sentenz und auch auf die Mahnung, den Adressaten der Kritik nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade daraus entstand die Forderung zu unbedingter Eindeutigkeit des Urteils. Wie es Lessing um den „Sauerteig der Erkenntnis“ ging, so will er nichts anderes, als es seinem Vorbild gleichtun.
Mit erstaunter Zustimmung nimmt man wahr, dass sich der Kritiker Marcel Reich-Ranicki, von dem so mancher denkwürdige Verriss stammt, bei seiner Arbeit von einer pädagogischen Energie leiten lässt. Gerade so, als litte er unter missglückter Literatur, vergisst er nicht zu erwähnen, was dem Autor einst gelungen war und zu welchen Hoffnungen und Erwartungen er immer noch Anlass gibt. Das hört sich vielleicht nach Rabatt an, entspricht in seinem Fall aber der Überzeugung, keinen vorschnell verloren zu geben. Da er meine Versuche nicht übersehen wollte, fand er zu einem Vergleich aus der Sportwelt: geeignet für die kurze Strecke, welche Resultate auf der langen Strecke erzielt werden, bleibt noch abzuwarten. Die Vorstellung, dass er recht haben könnte, beunruhigte mich nur vorübergehend.
Er macht Vorschläge zur Selbstentdeckung
Dass der Kritiker ein irrtumsfähiger Einzelgänger ist, hat er mehr als einmal zugegeben, und er winkt ab, wenn man ihn den Kritikerpapst nennt. Er besitze keine Unfehlbarkeit, ist seine stehende Antwort. Ein Leben lang hat er versucht, mit Hilfe seines kritischen Bestecks herauszufinden, worin das Vollkommene besteht und welche Gründe das Misslungene hat. Er hat darauf hingewiesen, dass Literatur nichts Endgültiges ist, vielmehr ein Prozess mit ungewissem Ausgang, immer nämlich ist es der Einzelne, der Leser, der wählt, zustimmt oder zurückweist und die Wirkung der Literatur erfährt.
Der Kritiker öffnet dem Einzelnen den Weg zu einer Selbstentdeckung, zumindest macht er ihm Vorschläge. Er macht deutlich, was Brecht zeigen will mit dem ihm eigenen Gestus des Verweisens. Er bringt uns Kafkas geheime Tribunale näher und schlägt uns vor, bei Proust dem berauschenden Aroma der Vergangenheit nachzuschmecken.
Wo Marcel Reich-Ranicki seine Stimme erhebt, da tut er es mit Leidenschaft. Er liebt das Streitgespräch, er blüht auf beim Widerspruch, sein bevorzugter Turnierplatz ist die Polemik. In seinem Dienst an der Literatur plädiert er dafür, diese als Erkenntnismittel zu benutzen, so wie Kafka, der sie als Axt für das gefrorene Meer in uns bezeichnete oder wie Robert Walser, der sie als Spaten ansah, mit dem man sich selbst umgräbt, oder wie Musil, der glaubte, mit ihrer Hilfe den „inneren Menschen“ finden zu können.
Der Arbeiter im Weinberg der Literatur
Um keinen im Unklaren darüber zu lassen, wie er geworden ist, was er ist, veröffentlichte Marcel Reich-Ranicki 1999 seine Autobiographie, ein nicht nur Augen öffnendes, sondern auch ergreifendes Buch. An seinem Leben dargestellt, erfahren wir, wie und wodurch sich ein Mensch in den Wirren einer tobsüchtigen Zeitgeschichte behauptet, worin er Kraft und Trost findet und was ihn schließlich überleben lässt. Wie von selbst wird aus dieser Biographie eine Kritik der Zeit und der Gesellschaft. Wir werden unterrichtet, dass Literatur, aber auch Musik als Zuflucht empfunden werden können.
Und was außer Unabhängigkeit zum Amt des Kritikers gehört, zeigt er unter anderem in seinen bekennerischen Essays „Die Anwälte der Literatur“ (1994) und in seinen „Vom Tag gefordert. Reden in deutschen Angelegenheiten“ (2000). Er zeigt es beherzt und kenntnisreich. Unausbleiblich, dass die Tätigkeit dieses Arbeiters im Weinberg der Literatur weithin beachtet wurde und wird, überall in der Welt, wo ein Interesse an deutscher Literatur besteht, will man ihn hören. Einladungen aus allen Himmelsrichtungen erreichen ihn, und er geht auf die Reise, in seinem Fall: auf Dienstreise.
Er wirkte als Gastprofessor in Amerika und in Schweden, er redete in England, in Italien und selbst in China, immer im Dienst der Aufklärung. Dieser Dienst wurde nicht nur mit akademischen Würden belohnt - so verliehen ihm unter anderen Uppsala und Utrecht, Berlin und München Ehrendoktorate. Der Lohn, den man auch als Danksagung verstehen kann, äußerte sich auch bei der Zuerkennung des Börne-Preises, des Thomas-Mann-Preises und des Goethepreises der Stadt Frankfurt.
Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki wird am heutigen 2. Juni neunzig Jahre alt. Die deutsche Literatur hat ihm viel zu verdanken. Und da man hier auf dieser dänischen Insel in seinen Glückwunsch auch den Nächsten einbezieht: Auch seiner Frau Tosia gelten all meine guten Wünsche.