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Alfred Dreyfus in Rennes : Rehabilitiert?

So gab „Le soleil du diamanche“ die Szene 1899 wieder: Alfred Dreyfus beim Verlassen des Gerichts in Rennes. Bild: Bianchetti/Leemage

Eine Schautafel am ehrwürdigen Lycée de Rennes erinnert an Alfred Dreyfus. Die Umbenennung des Gymnasiums, in dem der Hauptmann einst verurteilt wurde, zeigt die Dimension des Skandals bis heute.

          Die bretonische Hauptstadt Rennes hat sich für Weihnachten herausgeputzt, in den Gassen der Altstadt glänzt es abends allenthalben, doch am anderen Ufer der Vilaine hat die Lichterpracht auf dem Weg zum Bahnhof ein Ende. Rechts jedoch liegt ein spektakuläres Gebäude, der 1803 eröffnete Lycée de Rennes, eines von neun staatlichen Gymnasien, die auf Geheiß Napoleon Bonapartes, damals noch Erster Konsul der Republik, aber faktisch schon französischer Diktator, in den wichtigsten Verwaltungsstädten des Landes errichtet wurden.

          Aber nicht diese Geschichte erzählt die große Erinnerungstafel neben dem Eingang, sondern die eines Prozesses, der hier im Sommer 1899 stattfand: das Revisionsverfahren gegen Alfred Dreyfus. Dessen Verurteilung durch ein Kriegsgericht fünf Jahre zuvor hatte den größten politischen Skandal der Dritten Republik ausgelöst: Der aus dem Elsass stammende jüdische Hauptmann war wegen angeblicher Spionage für das Deutsche Reich zu lebenslanger Verbannung und unehrenhafter Entlassung aus der Armee verurteilt und auf die Teufelsinsel vor der Küste von Guayana deportiert worden.

          Gerechtigskeitsbeschwörung in pathetischem Ton

          1896 wurden Beweise entdeckt, die einen anderen Offizier als den Verräter entlarvten, doch diese Erkenntnisse wurden erst verschwiegen und dann 1898 in einer Prozessfarce durch gefälschtes neues Belastungsmaterial gegen Dreyfus beiseitegewischt. Die Familie des Verurteilten und prominente Intellektuelle, darunter federführend der Schriftsteller Émile Zola und der Publizist Georges Clemenceau, ließen die Sache jetzt aber nicht mehr ruhen, und Zola veröffentlichte in Clemenceaus Zeitung „L’Aurore“ den berühmten Appell an den Staatspräsidenten, der unter dem Titel „J’accuse“ erschien – Ich klage an. Die Verurteilung von 1894 wurde kassiert und der Fall nach Rennes zurückverwiesen. Der mittlerweile neununddreißigjährige Dreyfus durfte von der Teufelsinsel zur Verhandlung zurückkehren; sie fand im Lycée statt, und die Bilder des durch die Haftbedingungen stark gealterten Angeklagten gingen um die Welt. Vor allem das, als er nach der abermaligen Verurteilung, die wenigstens ein milderes Urteil erbracht hatte, aus dem Gebäude trat und durch ein Spalier von Soldaten schritt, die ihm alle den Rücken zuwandten.

          Dieses Foto wurde als Symbol der Unnachsichtigkeit der Armee gegen den für alle neutralen Beobachter unschuldig Verurteilten gedeutet, der auch bald darauf durch den Präsidenten begnadigt wurde. Die Erinnerungstafel in Rennes zeigt die Aufnahme und erläutert, dass die Soldaten Dreyfus nur deshalb nicht angeschaut hätten, weil sie dazu abgestellt waren, ihn vor Angriffen der Schaulustigen zu schützen. Ansonsten beschwört der Text in pathetischem Ton die Gerechtigkeit, die Dreyfus doch noch erfahren habe, als er 1906 freigesprochen, rehabilitiert und zum Major befördert wurde. 1971 schließlich, 36 Jahre nach seinem Tod, wurde das Gymnasium von Rennes umbenannt: in Lycée Émile Zola. Keine Schule in Frankreich ist bis heute nach Alfred Dreyfus benannt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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