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Sachbücher des Jahres

Regulierung in China Verriegelter Kunstmarkt

Seit Monaten war der deutsche Kunstspediteur Nils Jennrich in Peking in Untersuchungshaft. Nun ist er entlassen worden, doch das ist nicht das Ende des Zugriffs der Politik auf den Kunsthandel.

© dpa Vergrößern Inzwischen ist er wieder aus der Untersuchungshaft entlassen worden: der Kunstspediteur Nils Jennrich (undatierte Aufnahme)

Auf Druck Berlins hin ist der deutsche Kunstspediteur Nils Jennrich unter strengen Auflagen aus der Untersuchungshaft in Peking entlassen worden. Seit dem 30. März war er in einer Zelle mit zehn anderen Häftlingen ohne Eröffnung eines Verfahrens festgehalten worden; die Pekinger Zollpolizei wirft ihm vor, Kunstwerke, die sein Unternehmen Integrated Fine Art Solutions nach China eingeführt hat, unterdeklariert zu haben - eine Beschuldigung, die die Firma mit Verweis auf ihre ausschließlich logistische Funktion und ihre Abhängigkeit von den Angaben der Auftraggeber zurückweist.

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Der Fall ist ein Puzzlestück in einer großangelegten Kampagne, die die chinesischen Behörden seit März gegen Steuerhinterziehung auf dem Kunstmarkt führen. Zugleich drohten die von der deutschen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als „inakzeptabel“ bezeichneten Bedingungen von Jennrichs Arrest ohne ordentliches Verfahren die chinesisch-deutschen Regierungskonsultationen zu überschatten, die Ende August in Peking stattfinden werden.

Verhaftungen im Mai

Wie im vergangenen Jahr auch Ai Weiwei wurde Jennrich unter der Auflage entlassen, dass er China nicht verlässt (Peking nur auf Antrag), den Medien keine Interviews gibt und sich weiter verhören lässt. Die Ermittlungen gegen ihn können nach chinesischem Recht noch bis November fortgesetzt werden, ohne dass eine Anklage erhoben werden muss.

Wie aus Botschaftskreisen - bei der Entlassung waren mehrere deutsche Diplomaten zugegen - verlautete, habe sich das Pekinger Zollamt nicht zufrieden über die Entscheidung gezeigt, die von „oben“ gekommen sei. „Das haben Sie der Partei zu verdanken“, sei Jennrich beschieden worden. Die Polizisten drängten ihn, auch auf den in Hongkong ansässigen Geschäftsführer seines Unternehmens einzuwirken, sich befragen zu lassen.

Das erhärtet die Vermutung, dass es dem Amt vor allem auf weitere Informationen über die Kunden der Firma ankommt. Im Mai waren einige der einflussreichsten Akteure des chinesischen Kunstmarkts verhaftet worden, darunter He Juxing, der Markenvorstand der Mingsheng-Bank, der für den Kunstinvestmentfonds seines Unternehmens und das vor zwei Jahren in Schanghai gegründete Minsheng Art Museum verantwortlich ist.

Systematische Kunst-Steuerhinterziehung

Außerdem wurden Wu Jin, Kunstmakler und Chefredakteur eines Kunstmagazins, Huang Yujie, der Chef der Investmentfirma Bonwin Art, und mehrere Angestellte eines weiteren Transportunternehmens, Noah Fine Arts Shipping, inhaftiert. Zahlreiche Manager, Sammler, Galeristen, Auktionsangestellte und Künstler wurden verhört.

Die öffentlich gemachte Beschuldigung lautet, dass vom chinesischen Staat verlangte Steuern für den Import von Kunstwerken in den letzten Jahrzehnten systematisch hinterzogen worden sein sollen, vor allem durch zu geringe Preisangaben der Objekte.

Der Bankmanager He Juxing soll chinesischen Medien zufolge nur 0,1 Prozent der Importe versteuert und dem Staat allein zwischen Januar und April 2012 sechs Millionen Yuan vorenthalten haben. Bis Ende 2011 verlangte China einen Einfuhrzoll für Kunst von zwölf Prozent, was für Originalwerke im neuen Jahr nun auf sechs Prozent gesenkt wurde. Zusammen mit den siebzehn Prozent Mehrwertsteuer musste ein Käufer, der ein Werk im Ausland erworben hat, also mit mehr als dreißig Prozent staatlichen Abgaben rechnen.

Bruch einer stillschweigenden Vereinbarung

Laut dem Wirtschaftsmagazin „Caixin“ hat der Zoll diese Bestimmungen jedoch bislang „flexibel“ gehandhabt und bei den Kunstgegenständen, wenn nichts weiter Verdächtiges auffiel, nicht weiter nachgeforscht. So hat sich außerhalb des geschriebenen Gesetzes ein Gewohnheitsrecht entwickelt, wie es die chinesische Gesellschaft unter dem Titel „verborgene Regeln“ auch in vielen anderen Bereichen kennt. Laut Auskunft von Pekinger Branchenkennern galt es weithin als normal, Kunst nicht zu ihrem ursprünglichen Kaufwert zu deklarieren.

Weshalb der Staat diese stillschweigende Übereinkunft gerade jetzt bricht und seine Gesetze in diesem Punkt beim Wort nimmt, darüber gibt es viele ungesicherte Vermutungen. Ein Galerist hält es für nicht ausgeschlossen, dass die Befragungen von Ai Weiwei den Funktionären die Augen über die finanziellen Dimensionen dieses Markts und über die Steuer als Kontrollinstrument geöffnet hätten.

Doch die Festnahme von Bankmanagern und Verwaltern von Investmentfonds deutet darauf hin, dass es dem Staat vor allem um die Einhegung der Kunst als Spekulationsobjekt gehen könnte, dessen Verbindung zur Realwirtschaft in China noch undurchschaubarer geworden ist als andernorts.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 07.08.2012, 13:28 Uhr

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Von Michael Hanfeld

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