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Regionalwahlen in Spanien Die Katalanische Frage spaltet das Land

 ·  Das Volk gehört uns! Die Regierung in Barcelona will bei den Regionalwahlen Ende November eine Mehrheit für die Unabhängigkeit von Spanien gewinnen.

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© REUTERS Pocht auf die Unabhängigkeit der Katalanen: Artur Mas

Eine Woche vor den Regionalwahlen in Katalonien überschreitet der Debattenton die Grenze des Zumutbaren, aber kaum jemand bezweifelt, dass es in den Tagen bis zum 25. November noch schlimmer kommen könnte. Die Zeitung „El Mundo“ will aus Polizeiberichten erfahren haben, der katalanische Ministerpräsident Artur Mas habe heimliche Konten in der Schweiz. Der Attackierte kontert, er sei der letzte Präsident der Katalanen, der sich von den „Kloaken des Staates“ beschmutzen lassen müsse.

Mit dem „Staat“ ist natürlich Spanien gemeint. Katalonien will zwar auch einen „eigenen Staat innerhalb der Europäischen Union“, wie die amtliche Gebetsformel der vergangenen Wochen lautet, doch für die Appelle ans katalanistische Gemüt müssen andere Vokabeln her. „Der Wille eines Volkes“, lautete der fette Schriftzug auf dem Wahlkampfplakat der Regierungspartei Convergència i Unió (CiU), das den Kandidaten Artur Mas, von gelb-roten Flaggen umweht, mit ausgebreiteten Armen und verheißungsgewissem Blick in die Ferne zeigt. Mit dem „Volk“ sind natürlich die Katalanen gemeint, und das Volk will geführt werden. Die ikonographische Nähe des Posters zu Charlton Hestons Moses-Verkörperung in dem Historienfilm „Die zehn Gebote“ zog ätzenden Spott und zahlreiche Parodien nach sich.

Optimistische Stimmung

Man sollte das Plakat nicht als Fauxpas abtun; es ist tief symbolisch. Denn die Debatte um die katalanische Unabhängigkeit nährt sich aus dem Gefühl einer kollektiven Identität, das erst durch ein aufwühlendes emotionales Ereignis in Schwung gekommen ist: der friedlichen Großdemonstration am Nationalfeiertag, der „Diada“ am 11. September, in Barcelona. Geplant war der Effekt freilich schon zwei Jahre zuvor. Damals hatte das spanische Verfassungsgericht den Entwurf eines reformierten katalanischen Autonomiestatuts, das 2006 per Referendum gebilligt worden war, abgelehnt. Gruppen, die die Unabhängigkeit favorisierten, nahmen das als letzten Beweis, dass in Spanien nicht mit Verständnis für die katalanischen Ansprüche - mehr Selbstverwaltung, weniger Steuern für den Zentralstaat - zu rechnen war.

Zwei Tage vor der Demonstration des 11. September erreichte uns eine Mail der Lobbygruppe „Kollektiv Emma“, in der es hieß: „Immer mehr Katalanen werden sich des irreversiblen Schadens bewusst, den Spanien seiner Wirtschaft und seiner Gesellschaft zufügt, und viele glauben nicht mehr daran, sich auf einen Kompromiss mit dem Staat einigen zu können ... Am 11. September 2012 werden sich die Katalanen an ihre eigenen Leader wenden, um sie zu bitten, den Weg zur vollen Souveränität einzuschlagen.“ Die festliche, optimistische Stimmung jenes Tages überflutete auch die Medien.

Katastrophale Auswirkungen

Tagelang kommentierten die Zeitungen, was das Fanal zu bedeuten habe. Es war, als sei man am Morgen aufgewacht und habe eine magisch verwandelte Welt vorgefunden, ein bisschen wie die Deutschen, die im Sommer 2006 mit den Jungs von Jürgen Klinsmann lernten, dass sie patriotische Gefühle hegen durften. Nur, dass es diesmal um mehr ging als Fußball. Von einem Vorher und Nachher in den spanisch-katalanischen Beziehungen war die Rede.

Und wer sich instinktiv an die Spitze der Bewegung setzte, war Artur Mas, der konservative Katalanist. „Hätte der kurzsichtige Rajoy die ,katalanische Frage’ nicht mit so viel Geringschätzung behandelt“, schrieb kürzlich in „La Vanguardia“ der Schriftsteller Quim Monzó, „hätte sich CiU vielleicht mit einem Fiskalpakt (oder weniger) zufriedengegeben.“ Eigene Schuld!, so Monzós implizierte Folgerung, dass es jetzt für einen Kompromiss zu spät sei. Aber warum? Von außen betrachtet, bietet das katalanische Dilemma so viele Ungereimtheiten, dass sich jede Mühe lohnen würde, den Bruch der katalanischen Gesellschaft, in der doppelte Identitäten koexistieren, zu verhindern. Eine Sezession hätte ja nichts mehr mit Überschwang zu tun, sondern würde auf harte juristische und finanzpolitische Bedenken stoßen.

Die Europäische Union zum Beispiel ließ vorsorglich wissen, ein unabhängiges Katalonien bilde durchaus nicht Teil der EU und des Euro. Soll man sich also ausmalen, in Barcelona und an der Costa Brava würde wieder mit Peseten bezahlt? Mehr Grenzen in Europa, nicht weniger? Allein die Auswirkungen auf den katalanischen Handel wären katastrophal. José Manuel Lara Bosch, Chef der Planeta-Gruppe, Spaniens größten Verlags mit Sitz in Barcelona, kündigte an, im Fall der katalanischen Unabhängigkeit werde er den Firmensitz nach Spanien verlegen.

Die Zentrale schweigt

Auch das Argument, Katalonien pumpe völlig überzogene Steuergelder nach Madrid - die exemplarische Zahl, mit der überall herumgewedelt wird, lautet für das Jahr 2009 auf 16,4 Milliarden Euro -, ist inzwischen entkräftet worden. Der Wirtschaftsanalyst Antoni Zabalza hat in „El País“ die Gegenrechnung aufgemacht und behauptet: Nicht nur könne von einer Abgabeleistung von mehr als acht Prozent des katalanischen Bruttoinlandsprodukts keine Rede sein, Katalonien habe vielmehr im Gegenwert von gut zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts von Spanien profitiert.

Wo die Wahrheit liegt, wissen wir nicht, weshalb zu vermuten ist, dass viele Katalanen es auch nicht wissen und sich dafür entscheiden müssen, wem sie glauben wollen. Sicher ist, dass das Lied von der permanenten Benachteiligung Kataloniens durch Spanien ein höchst effektives Mittel ist, von der Verschwendungs- und Schuldenwirtschaft der Generalitat in den letzten zehn Jahren abzulenken und drängende soziale Probleme - in Katalonien soll es täglich mehr als hundert Zwangsräumungen geben - mit einem gelb-roten Fahnenmeer zu kaschieren.

Der Respekt gebietet es, die Katalanen selbst entscheiden zu lassen, worüber sie abstimmen wollen - was nicht heißt, dass jede ihrer Entscheidungen auch verfassungskonform und realisierbar wäre. Das wiederum müsste in Madrid die Frage nach der Reformbedürftigkeit der spanischen Verfassung von 1978 und des Autonomiestatuts aufwerfen. Davon ist bisher allerdings nichts zu sehen. Den katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen wird aus der Zentrale meist mit Ablehnung oder Schweigen geantwortet.

„Ende der Ambivalenz“

Der autoritäre Ton besonders der rechten Madrider Medien hat ein Übriges getan, um viele Katalanen aufzubringen. „Ich bin gegen die Unabhängigkeit Kataloniens“, erzählt uns der Schriftsteller Sergi Pàmies in Barcelona, „aber ich bin sehr dafür, dass ein Referendum über diese Frage abgehalten wird. Wenn Madrid das abblockt, wird es hier einen Aufruhr geben.“ Der Schriftsteller Javier Cercas, Sohn von Einwanderern aus der Extremadura und selbst in Girona aufgewachsen, beklagt die scharfmacherischen Töne auf beiden Seiten.

Es sei schwierig, unbefangen über Katalonien zu sprechen, weil man sich sogleich in ein Lager begebe und entsprechend abgestempelt werde, so Cercas. Diese Konfrontation, die weit oberhalb politischer Ideologien segelt, hat dafür gesorgt, dass heute in Barcelona die Frage nach links oder rechts weniger Gewicht hat als das Gewissensproblem: Wie hältst du es mit dem souveränen Staat? Soeben hat sich eine Gruppe von Schriftstellern und Künstlern gegen den Unabhängigkeitskurs der Regierung ausgesprochen, darunter Mario Vargas Llosa, Juan Goytisolo und Pedro Almodóvar. Natürlich gibt es auch jene, die umgekehrt empfinden. Nicht politische Programme, sondern Bekenntnisse sind gefragt.

“Das Ende der Ambivalenz“, schreibt der Essayist und Politikwissenschaftler Jordi Gracia in „El País“, zerstöre Tag um Tag das „unsichtbare Gewebe von Eintracht und Zusammengehörigkeit“, das die katalanische Gesellschaft mit ihren Zwischentönen, Grauwerten und kalkulierten Mehrdeutigkeiten ausgezeichnet habe. Ein Diskurs von Parteigängern greift um sich und fragmentiert das Zusammenleben.

Den besten Witz zu diesem Thema hat Sandro Rosell, der Präsident des FC Barcelona, ein paar Tage nach der Demonstration vom 11. September gemacht. Barça, nach eigener Definition „mehr als ein Klub“ und wohl das berühmteste Aushängeschild des Katalanismus, werde selbst nach einer möglichen Unabhängigkeit Kataloniens weiterhin in der spanischen Liga spielen. Der populäre „clásico“ gegen Real Madrid, so Rosell, könne also auch in Zukunft stattfinden. Etwa so wie im Fall Monacos, das einen eigenen Staat habe und dennoch in der französischen Liga mitspiele. Sollte das wirklich Kataloniens Referenzpunkt sein? Monaco?

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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