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Regimekritischer Russland-Roman Rettet die Seelen unserer Kinder!

Ein selbstmörderisches Buch: Russland rätselt über den Autor des Romans „Machinka und Welik“. Heißer Kandidat ist der Chefideologe von Präsident Putin. Er zeigt das Land am Abgrund.

© Bulls / Barcroft Media Vergrößern Die russische Jugend spielt mit der Gefahr, weil die Gesellschaft so zynisch ist: der junge Extremkletterer Max Polatov über den Dächern von Moskau

Dieses gnadenlose Buch über das heutige Russland wurde von einem Menschen geschrieben, der das Land in allen Einzelheiten und von verschiedenen Seiten kennt. Es ist ein dreistes Buch, das weder die Machthaber noch das Volk schont. Auch nicht die russische Intelligenzija. Es ist ein Buch über den Verfall des Landes und des Staates. Ich habe es mit wachsendem Erstaunen gelesen. Es ist leidenschaftlich geschrieben, im Geiste der bösen Satiren eines bekannten russischen Schriftstellers aus dem neunzehnten Jahrhundert, Michail Saltykow-Schtschedrin, der 1870 die „Geschichte der Stadt Glupow“ - deutsch etwa: „Die Geschichte von Dummhausen“ - veröffentlichte, die ein gar nicht schmeichelhaftes Russland-Bild zeichnet.

Was ist das also für ein neues Buch? Der Roman mit dem Titel „Maschinka und Welik“ ist unter den aktuellen Bestsellern in Russland das umstrittenste und überraschendste Buch. Es ist der zweite Roman seines Autors nach dessen Erstling „Nahe Null“, der auf Deutsch im Berlin Verlag herausgekommen ist. Beide Bücher sind unter dem Namen Natan Dubowizki erschienen.

„Ich habe die Romane nicht geschrieben“

Die meisten russischen Journalisten und Literaturkritiker sind sich einig, dass dieser Name die Frucht einer literarischen Mystifikation ist, hinter der sich einer der einflussreichsten russischen Beamten verbirgt, der Chefideologe des Putin-Regimes und derzeitige Vizeministerpräsident Russlands, der achtundvierzigjährige Wladislaw Jurjewitsch Surkow - ein durchaus kluger Feind unserer Oppositionellen und Liberalen, mit Kultstatus.

Auch Saltykow-Schtschedrin wusste als Vizegouverneur zuerst des Gouvernements Twer, dann des Gouvernements Rjasan bestens Bescheid über die ungeheuerliche Bestechlichkeit und Willkür der örtlichen Behörden. Sein Buch wurde der Verhöhnung des russischen Volks beschuldigt, doch Iwan Turgenjew verteidigte es seinerzeit vehement. Auch Surkow kann man sämtlicher Todsünden beschuldigen, aber es stellt sich die Frage: Warum hat er diesen Roman geschrieben? Warum verbrennt er Brücken hinter sich, sägt am Ast, auf dem er sitzt, welche Ziele verfolgt er? Da unsere liberale Kritik darauf keine Antwort parat hat, bezichtigt sie den Autor der Provokation.

Surkow selbst bestreitet übrigens konsequent seine Urheberschaft, was die Journalisten des liberalen Lagers nur noch mehr aufbringt. Einige sind dazu übergegangen, sozusagen als Retourkutsche seine Behauptung zu akzeptieren und die Romane von Natan Dubowizki zum üblen Produkt literarischer Auftragsschreiber oder zu einem Gemeinschaftsmachwerk Surkows und eines zweiten Autors zu erklären. Unter anderen wird dabei auch mein Name genannt. Ich sage es hier ehrlich: Ich habe diese Romane nicht geschrieben, bescheinige ihnen aber eine hohe literarische Qualität.

Viktor Jerofejew © Friedrich, Brigitte Vergrößern Auch ihm traut man zu, „Maschinka und Welik“ geschrieben zu haben: Viktor Jerofejew ist einer der engagiertesten russischen Schriftsteller

Meiner Meinung nach wurden die Romane tatsächlich von Surkow geschrieben, aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist ein Paradoxon: Sie sind von einem freien, ironischen, scharfsichtigen Menschen geschrieben, der Russland „von oben“ betrachtet, von den Höhen des Kremls aus. Die Motive zu durchschauen, die den nachlässig getarnten Autor zur Vivisektion Russlands animiert haben, ist nicht einfach, es sei denn, man zählte ihn zur Kategorie politisch Schizophrener oder Selbstmörder. Ich jedoch betrachte diese Romane als Notruf eines Autors, der die Geduld verloren, aber ein Gewissen bekommen hat - als SOS: Rettet unsere Seelen!

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