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Regensburger Lokalposse : Aufruhr um Görings vermeintlichen Dürer

Wie schön wäre das gewesen – ein echter Dürer in seiner Stadt! Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD). Bild: dpa

Das soll ein Dürer sein? Ein Hobbyforscher will einen Fund gemacht haben – und macht damit nicht nur sich, sondern auch die Stadt Regensburg lächerlich.

          Joachim Wolbergs hat keine gute Presse. Gegen den Oberbürgermeister von Regensburg wird wegen Vorteilsannahme ermittelt. Vor zwei Jahren eroberte der Sozialdemokrat das Rathaus, dank einer gut gefüllten Kriegskasse. Erstaunliche 500.000 Euro hatte er gesammelt, bei Spendern, die immer gerade so viel gaben, dass ihre Namen nicht ausgewiesen werden mussten. Bei der Staatsanwaltschaft glaubt man nicht an ein so glücklich breit gestreutes Wohlwollen, sie schreibt das gute Werk drei Bauunternehmen zu. In dieser Lage musste es Wolbergs als Geschenk des Himmels erscheinen, dass ein Besucher in seinem Amtszimmer eine gute Nachricht auspackte, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Rudolf Reiser, gebürtiger Regensburger und pensionierter Wissenschaftsredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, will im Depot des Historischen Museums der Stadt einen Schatz entdeckt haben: ein Gemälde von Albrecht Dürer. Das war besser als jede Postanweisung eines unbekannten Gönners: eine plötzliche Vermehrung des städtischen Vermögens durch eine Spende aus dem Jenseits.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Verständlich also, dass der Oberbürgermeister ergriffen fortging, nachdem er am Freitag die goldwerte Tafel im Museum in Augenschein genommen hatte, eine Anbetung der Könige, 1,46 Meter hoch und 75 Zentimeter breit. Wir Journalisten, ebenfalls an diesem Tag ins Museum bestellt, haben die Ergriffenheit des Stadtoberhaupts nicht mit eigenen Augen gesehen. Wir haben nur das Wort des Dürer-Finders dafür, der für Wolbergs eine Privatvorlesung gehalten hatte. Das nehmen wir ihm ab. Wenigstens das.

          Drei Ringe trägt der Mohr

          Rudolf Reiser, 1968 von Karl Bosl über adliges Stadtleben der Barockzeit promoviert, ist wie sein Lehrer ein begeisterter, auch von sich selbst begeisterter Vortragender. Am 13. Oktober 2007 hat er sich das Depot aufschließen lassen und das Dreikönigsbild mit einem Blick als Dürer identifiziert. Der Rest war Arbeit, Archivstudium, wie er es bei Bosl gelernt hatte, und Liebesmüh. Sofort erkannte er, dass der schwarze König unter einem Torbogen der Nürnberger Burg steht.

          Mit Damenbesuchen erklärt Reiser die Genese des Bildes, das er in Dürers venezianische Phase datiert. Der Maler habe in der Gottesmutter eine Kurtisane und im Mohrenkönig sich selbst verewigt. Der unbekannte Dürer ist also auch noch ein unbekanntes Selbstporträt. Woran erkennt man den Nürnberger Meister unter der morgenländischen Tarnfarbe? An den drei Ringen, wie Dürer sie auf dem Selbstporträt der Wiener Allerheiligentafel trägt und in Venedig gekauft hatte. Ebenso am Platz vor dem Tor, denn das Wappen der Familie Dürer zeigt eine geöffnete Tür. Keinen Torbogen zwar, aber dafür wird es auf dem Holzschnitt von 1523 gekrönt von einem Mohren. Für Reiser ist es gewiss, dass das in einem Brief erwähnte „Maria-Bild“, desgleichen Dürer „noch nie gemacht“ habe, dieses Bild ist und kein anderes – obgleich von drei Königen nicht die Rede ist. Der Brief, so gelesen, wird zum archivalischen Beweisstück, das jede Diskussion erübrigt: „ein Sechser im Lotto“.

          Kunsthistoriker gehen in kein Archiv

          Was sagen nun die Kunsthistoriker? „Mit denen rede ich gar nicht. Die gehen in kein Archiv.“ An dieser Stelle griff der Museumsdirektor Peter Germann-Bauer ein, um zu versichern, dass das Museum die zuständigen Experten um eine Prüfung bitten werde. Im Einladungsbrief war „eine wahre Sensation“ angekündigt worden. Dort machte sich der Direktor Reisers „Ergebnisse“ zu eigen. Nun sprach er von „Theorien“. Germann-Bauer war die ganze Angelegenheit sichtlich unangenehm. Drastisch äußerten sich Mitarbeiter des Museums im persönlichen Gespräch: Ihre Arbeit werde dadurch in den Schmutz gezogen, dass ein Dilettant seine privatdetektivischen Theorien im Museum verbreite.

          Eine von Reiser verteilte Broschüre klärte über die Vorgeschichte der bizarren Szene auf. Im Vorwort attackiert er den Kulturreferenten der Stadt, Klemens Unger, der für die Einholung eines Gutachtens plädiert hatte. Reiser appellierte an den Oberbürgermeister, der sich über das zuständige Ratsmitglied hinwegsetzte und den Museumsdirektor anwies, Reiser die Bühne für seine Enthüllung zur Verfügung zu stellen. Wolbergs verkannte, dass Reiser der Stadt seine Privatforschungszeit eben doch nicht uneigennützig schenkte. Er stellte das für Entdecker typische Geltungsbedürfnis nicht in Rechnung und hat dadurch Regensburg zum Gespött gemacht.

          Denn Reiser, der vermeintliche Archivfuchs, hat sich nicht einmal über die Provenienz des Depotstücks richtig informiert. Er gab an, das Bild sei über den Historischen Verein der Stadt ins Museum gekommen. In Wahrheit handelt es sich um eine Leihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die von den Münchner Kuratoren auf etwa 1530 datiert und dem namenlosen Meister der Crispinuslegende zugeschrieben wird. Sollte Reiser sich also durchsetzen mit seiner Zuschreibung an Dürer, müsste Wolbergs neue Spenden sammeln für Gruppenfahrten nach München, wohin das Bild dann wohl zurückkehren würde. Vielleicht aber auch nur auf Zeit. Die Staatsgemäldesammlungen haben es in der Datenbank Lost Art eingestellt: Der letzte Vorbesitzer war Hermann Göring.

          Quelle: F.A.Z.

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