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Reformationsjubiläum : Lasst uns froh und Luther sein

Martin Luther, Porträt von Lukas Cranach dem Älteren (1528) Bild: epd

Die evangelische Kirche macht das Reformationsjubiläum zu einem Festival des Banalen. Martin Luther wird fürs „Liebsein“ in Dienst genommen. Was er wollte und bewirkte, scheint vergessen. An diesem Montag wird das Jubiläumsjahr eröffnet.

          Wenn die evangelische Kirche dieser Tage die fünfhundertste Wiederkehr des Wittenberger Thesenanschlags schon einmal vorfeiert, ist das ein Fall von Produktpiraterie. Man verkauft, und zwar seit dem Jahr 2008 gleich eine ganze „Lutherdekade“ lang, das Gedenken an die Reformation, die ihren Ausgang am 31. Oktober 1517 genommen habe. Aber die eigene Gesinnung ist von Luthers Ideengut und Temperament so weit entfernt wie nur irgend denkbar. Es steht „Luther“ drauf, aber es ist kein Luther drin.

          Um das zu sehen, bedarf es nur der Lektüre prominenter Mitteilungen des evangelischen Führungspersonals. Es ist die Litanei der Wertbekräftigung, die hier die Predigten durchzieht. Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld sowie Vergebung sind gut, lässt uns etwa Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), wissen. Hass hingegen ist nicht gut. Deswegen müsse „jetzt, wo sich Angst und Unsicherheit auszubreiten droht(!)“, das Singen wieder gelernt werden. Andernorts ist es nicht der Hass, von dem Bedford-Strohm die Sanftmut unterscheidet, sondern „ein Leben mit Ellenbogen und Rücksichtslosigkeit“. Dass Gott zugleich „über allen, durch alle und in allen“ sei, wie es in derselben Predigt heißt, legte zwar die Implikation nahe, dass er auch in Investmentbankern und Waffenhändlern wirkt, aber so weit will Bedford-Strohm offenbar nicht gehen. Was gehen ihn seine Nichtgedanken von vor zwei Sätzen an?

          Worauf lässt man sich da ein?

          Eigentlich wäre alles gut, heißt die Botschaft, wenn nur das Ungute nicht wäre. Seid lieb, heißt sie weiter, denn das Ungute kommt vom Nicht-lieb-Sein. „Eins kann mir keiner nehmen“, setzt eine evangelische Fernsehpredigt kürzlich ein, „die pure Lust am Leben ... So hat Gott, der ICH-BIN-DA, dich und mich gemeint. Das ist so schön zu spüren. Darauf lasse ich mich gerne ein.“ Worauf? Auf das, was Gott mit einem gemeint hat, lässt man sich „gerne“ ein, weil es „schön“ ist?

          Margot Käßmann, die Botschafterin der evangelischen Kirche für das Reformationsjahr, das heute anbricht, rät in ähnlichem Sinne in ihrem jüngsten Buch „Sorge Dich nicht, Seele“ zum Abstand vor unlieben Gedanken und George W. Bush. In der „Bild“-Zeitung versetzte sie sich dafür soeben in Luther, um uns vorzumachen, wie er heute sprechen würde, nämlich so wie Margot Käßmann auch sonst. Luther denkt darüber nach, wie man „Werte“ vermittelt. Er ist selbstkritisch: „Gut, ich war nicht tolerant, ich weiß.“ Er regt sich furchtbar über Halloween auf, konzediert aber kurz darauf durchaus, „ein bisschen Spaß haben dürft ihr auch“. Ein bisschen. Nur über den ausbleibenden Fortschritt zeigt er sich enttäuscht: „All das Morden, all das Unrecht – mein Gott, ich hätte gedacht nach fünfhundert Jahren wärt ihr klüger geworden!“

          Er war kein Totemtier der Achtsamkeit

          Nicht der alberne Ton solcher Einlassungen, ihre Grammatik und ihre unfreiwillige Komik sind das Ärgernis. Es ist vielmehr die Dreistigkeit, mit der Leute solcher Gesinnung und einer durch Selbstvermarktung umschreibbaren Motivlage Ansprüche auf eine Tradition erheben, die sie mit Luther beginnen lassen. Mit Luther, der gelehrt hat, wie sehr Verzweiflung, Sorge und Elend die Existenz bestimmen. Für den Angst und Unsicherheit dem Menschen nicht von außen zustießen. Der keine sündenfreien Handlungen kannte und keine Rettung daraus durch Liebsein. Dessen Denken schon deshalb von keinerlei Fortschrittsglauben bestimmt war, weil er das Ende aller Dinge in nächster Zeit erwartete. Der für sich die Rolle des Märtyrers im Kampf gegen eine Kirche vorsah, die den Christen Trost gegen Gebühr versprach. Der meinte, gute Gründe für eine Intoleranz zu haben, der heute wohl das Attribut „fundamentalistisch“ verliehen würde.

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          Wer unter den Biographien Martin Luthers, die zum Jubiläum erschienen sind, beispielsweise die sehr anschaulichen und durchdachten liest, die Willi Winkler einerseits, Lyndal Roper andererseits geschrieben haben – „Luther. Ein deutscher Rebell“ (Rowohlt Berlin) und „Der Mensch Martin Luther“ (S. Fischer) –, ließe es sich nicht einfallen, aus dem entlaufenen Mönch ein Totemtier der Achtsamkeit, des Liebseins und einer mit Wertevermittlung beschäftigten Kirche zu machen. Bei Winkler ist er ein wütender Berserker im Kampf gegen den katholischen „Erlösungskapitalismus“, in dem Religion ihren Frieden mit der heraufziehenden Moderne zu machen suchte. Konzessionen waren in Luthers Christentum nicht vorgesehen. Wenn er von Gerechtigkeit sprach, meinte er nicht Umverteilungsfragen, sondern einen Gott mit Gerichtsgewalt und die Gewissensqualen, die sich für den Einzelnen daraus ergeben.

          Das ganze Leben als Buße

          Bei Lyndal Roper durchlebt dieser durchaus mit Ellenbogen ausgestattete Athlet religiöser Rücksichtslosigkeit die ganze Dialektik der polemischen Situationen, in die er sich stürzte. Worüber immer Luther nachdachte, es wurde zum Konflikt. Als Konservativer skizzierte er, mit dem Rücken zur Zukunft, wie Winkler schreibt, Abrisspläne für eine ganze Welt. Als Wiederhersteller des eigentlich mit dem Christusglauben Gemeinten, als der er sich vorkam, forderte er die Zerstörung aller kollektiven Frömmigkeitsübungen. Das ganze Leben sollte Buße sein, nicht nur an bestimmten Orten, zu bestimmten Zeiten, durch darauf spezialisiertes Personal. Als der Beichtvater des Kaisers Luthers Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ las, kam es ihm vor „als hätte ihn einer mit einer Peitsche vom Kopf bis zu den Füßen gespalten“.

          Gibt es einen einzigen Text des lutherbewirtschaftenden Protestantismus, von dem so etwas gesagt werden könnte? Der Katalog der religiösen Institutionen, von der Heiligenverehrung über das asketische Mönchstum und den Zölibat bis zu den Totenmessen, war für Luther eine Liste all dessen, worauf es nicht ankommt, wenn es um das Seelenheil geht. Nur darum, nicht aus Weltfrömmigkeit, Friedfertigkeit oder aus Gründen der Wertevermittlung bahnte er einer paradoxen Konfession den Weg, die aus religiösen Gründen Säkularisierung bejaht. Nichts gegen Werte und Tugenden – dass man nichts gegen sie haben kann, macht sie ja dazu. Aber dass Liebsein in den Himmel führt, wäre für Luther, der hassen konnte und vieles hassenswert fand, eine Redensart derjenigen gewesen, die er als „weiße Teufel“ bezeichnete.

          Es ist darum ein merkwürdiges Schauspiel, wenn diese historische Erscheinung mit vernehmbarem Funktionärsräuspern über ihre Intoleranz, ihren Antisemitismus, ihr Wüten, aber auch sonst unter Weglassen all dessen, was sie bewegte, zum Markenzeichen erhoben wird. Der amtliche Protestantismus der Reformationsfeiern protestiert vorzugsweise gegen das, wogegen aus verständlichen Gründen so gut wie alle protestieren, die bei Verstand sind. Ein Risiko liegt darin nicht, mit Theologie hat es nichts zu tun. Wer Luther, der aus theologischen Gründen keinem Risiko auswich, für diese Gegenwart beansprucht, hat ihn darum vermutlich länger nicht gelesen. Die Zumutungen seiner Biographie wie seiner Theologie sind bei starkem Markeninteresse offenbar zu groß, um sich dem Abgrund zu stellen, der unsere Zeit von ihm trennt. Mit viel größerem Recht könnte die FDP Gedenkfeiern für Karl Marx und die katholische Kirche solche für Dostojewski ausrichten als die evangelische für Luther.

          Quelle: F.A.Z.

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