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Veröffentlicht: 31.10.2016, 11:01 Uhr

Reformationsjubiläum Lasst uns froh und Luther sein

Die evangelische Kirche macht das Reformationsjubiläum zu einem Festival des Banalen. Martin Luther wird fürs „Liebsein“ in Dienst genommen. Was er wollte und bewirkte, scheint vergessen. An diesem Montag wird das Jubiläumsjahr eröffnet.

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© epd Martin Luther, Porträt von Lukas Cranach dem Älteren (1528)

Wenn die evangelische Kirche dieser Tage die fünfhundertste Wiederkehr des Wittenberger Thesenanschlags schon einmal vorfeiert, ist das ein Fall von Produktpiraterie. Man verkauft, und zwar seit dem Jahr 2008 gleich eine ganze „Lutherdekade“ lang, das Gedenken an die Reformation, die ihren Ausgang am 31. Oktober 1517 genommen habe. Aber die eigene Gesinnung ist von Luthers Ideengut und Temperament so weit entfernt wie nur irgend denkbar. Es steht „Luther“ drauf, aber es ist kein Luther drin.

Jürgen Kaube Folgen:

Um das zu sehen, bedarf es nur der Lektüre prominenter Mitteilungen des evangelischen Führungspersonals. Es ist die Litanei der Wertbekräftigung, die hier die Predigten durchzieht. Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld sowie Vergebung sind gut, lässt uns etwa Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), wissen. Hass hingegen ist nicht gut. Deswegen müsse „jetzt, wo sich Angst und Unsicherheit auszubreiten droht(!)“, das Singen wieder gelernt werden. Andernorts ist es nicht der Hass, von dem Bedford-Strohm die Sanftmut unterscheidet, sondern „ein Leben mit Ellenbogen und Rücksichtslosigkeit“. Dass Gott zugleich „über allen, durch alle und in allen“ sei, wie es in derselben Predigt heißt, legte zwar die Implikation nahe, dass er auch in Investmentbankern und Waffenhändlern wirkt, aber so weit will Bedford-Strohm offenbar nicht gehen. Was gehen ihn seine Nichtgedanken von vor zwei Sätzen an?

Worauf lässt man sich da ein?

Eigentlich wäre alles gut, heißt die Botschaft, wenn nur das Ungute nicht wäre. Seid lieb, heißt sie weiter, denn das Ungute kommt vom Nicht-lieb-Sein. „Eins kann mir keiner nehmen“, setzt eine evangelische Fernsehpredigt kürzlich ein, „die pure Lust am Leben ... So hat Gott, der ICH-BIN-DA, dich und mich gemeint. Das ist so schön zu spüren. Darauf lasse ich mich gerne ein.“ Worauf? Auf das, was Gott mit einem gemeint hat, lässt man sich „gerne“ ein, weil es „schön“ ist?

Margot Käßmann, die Botschafterin der evangelischen Kirche für das Reformationsjahr, das heute anbricht, rät in ähnlichem Sinne in ihrem jüngsten Buch „Sorge Dich nicht, Seele“ zum Abstand vor unlieben Gedanken und George W. Bush. In der „Bild“-Zeitung versetzte sie sich dafür soeben in Luther, um uns vorzumachen, wie er heute sprechen würde, nämlich so wie Margot Käßmann auch sonst. Luther denkt darüber nach, wie man „Werte“ vermittelt. Er ist selbstkritisch: „Gut, ich war nicht tolerant, ich weiß.“ Er regt sich furchtbar über Halloween auf, konzediert aber kurz darauf durchaus, „ein bisschen Spaß haben dürft ihr auch“. Ein bisschen. Nur über den ausbleibenden Fortschritt zeigt er sich enttäuscht: „All das Morden, all das Unrecht – mein Gott, ich hätte gedacht nach fünfhundert Jahren wärt ihr klüger geworden!“

Er war kein Totemtier der Achtsamkeit

Nicht der alberne Ton solcher Einlassungen, ihre Grammatik und ihre unfreiwillige Komik sind das Ärgernis. Es ist vielmehr die Dreistigkeit, mit der Leute solcher Gesinnung und einer durch Selbstvermarktung umschreibbaren Motivlage Ansprüche auf eine Tradition erheben, die sie mit Luther beginnen lassen. Mit Luther, der gelehrt hat, wie sehr Verzweiflung, Sorge und Elend die Existenz bestimmen. Für den Angst und Unsicherheit dem Menschen nicht von außen zustießen. Der keine sündenfreien Handlungen kannte und keine Rettung daraus durch Liebsein. Dessen Denken schon deshalb von keinerlei Fortschrittsglauben bestimmt war, weil er das Ende aller Dinge in nächster Zeit erwartete. Der für sich die Rolle des Märtyrers im Kampf gegen eine Kirche vorsah, die den Christen Trost gegen Gebühr versprach. Der meinte, gute Gründe für eine Intoleranz zu haben, der heute wohl das Attribut „fundamentalistisch“ verliehen würde.

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