Home
http://www.faz.net/-gqz-73phx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rededuell im Parlament Steinbrück live

 ·  Endlich mal wieder eine leidenschaftliche Debatte. Steinbrück kritisierte an Merkel genau das, was sie für ihre Stärke hält: die Dinge in der Schwebe zu halten.

Artikel Lesermeinungen (0)

Wer sagt was wo und vor allem: wann? Derselbe Mann vernimmt sich zum selben Thema ganz unterschiedlich, je nachdem, aus welchem Zeitfenster er winkt. Schon das Wort Zeitfenster macht auf die Ausschnitthaftigkeit und Kontextlosigkeit aufmerksam, in der das gesprochene Wort steht. Der Liveticker, mit dem die gestrigen Europa-Reden von Merkel und Steinbrück im Bundestag begleitet wurden, unterstreicht genau das und leistet der politischen Amnesie Vorschub. Tick, tick, tick: Da gibt es keine Hermeneutik der Kontinuität. Die minütliche Taktung der Reden addiert sich zu keinem Zusammenhang, in dem sich die Worte von früher mit den heutigen abgleichen ließen.

Steinbrück hat just in time auf Angriff umgestellt; wer den Schlagfertigen live erlebte, sah sich in nichts daran erinnert, dass der ehemalige Finanzminister über Jahre hinweg mit der Kanzlerin gut zusammengearbeitet hatte. Steinbrück schoss pointiert und scharf, mit anderen Worten: Endlich wurde einmal wieder leidenschaftlich debattiert im Parlament. Selbst die Kanzlerin hatte sich, die Kampfbereitschaft ihres früheren Kabinettskollegen richtig antizipierend, rechtzeitig von ihrer Formularsprache gelöst und Schneid und Pathos beigemengt.

Der alte Hase Brüderle

Steinbrück seinerseits war konsequent bemüht, Merkel alt aussehen zu lassen, sie als eine Zuspätkommerin, Getriebene und Hinterherhinkerin zu präsentieren, die nicht begreifen wolle, dass politische Regelungen stets Fristenregelungen sind, also die richtige Initiative zur rechten Zeit verlangen. „Sie sind nicht originell! Sie hinken hinterher! Sie haben nicht eingegriffen!“ Mit einer effektvoll belegten Kaskade des Versäumten gelang es Steinbrück, an Merkel genau das als Schwäche herauszustellen, was sie für ihre Stärke hält: lavieren können, die Dinge in der Schwebe halten, ein kontrolliertes Bleibenlassen.

War das Menetekel der Verspätung erst einmal an die Wand des Hohen Hauses gemalt, meinte man in Steinbrück kurz Gorbatschow am Rednerpult zu sehen, wie er den politischen Aussitzern die Strafe des Lebens verheißt. Es war der alte Hase Brüderle, der diese dramatische Imagination dann wieder auf ihr nüchternes Zeitformat brachte: „Steinbrück weiß es besser, aber immer erst hinterher!“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

150 Jahre Seit’ an Seit’

Von Nils Minkmar

Die spröde, Camus düsteren „Mythos des Sisyphos“ verehrende Partei ist irgendwie Kult geworden: Die SPD feiert sich. Und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ist dabei ganz in ihrem Element. Mehr 11 8