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Rede zum Schirrmacher-Preis : Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“

  • -Aktualisiert am

Schriftsteller Michel Houellebecq in Paris Bild: AFP

Am Montagabend hat der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in Berlin den Frank-Schirrmacher-Preis erhalten. In seiner Dankesrede ging er der Frage nach: Wenn der Islam eine religiöse Macht ist - was sind dann wir?

          Ich würde gerne sagen können: „Ich freue mich, den Preis der Frank-Schirrmacher-Stiftung entgegenzunehmen, denn es handelte sich bei Frank Schirrmacher um den Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und diese ist eine sehr gute Zeitung.“ - Leider spreche ich kein Deutsch.

          Gäbe ich eine solche Erklärung ab, wäre das trotzdem nicht völlig absurd, denn es gibt Interviews. Wenn man ein Interview gibt, erlaubt schon die Qualität der Fragen des Journalisten sich eine recht genaue Vorstellung vom Endergebnis zu bilden. Das ist ein Indiz, das niemals trügt.

          In allen europäischen Ländern, die ich kenne, existiert je eine dominante Zeitung, ein Referenzblatt, wie man das nennt, im Besitz echter intellektueller Autorität über das gesamte Mediensystem. In Spanien ist das „El País“, in Italien der „Corriere della Sera“. In Frankreich ist es „Le Monde“. In Deutschland die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ich habe gute Beziehungen zu „El País“, zum „Corriere della Sera“ und zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dagegen ist mein Verhältnis zu „Le Monde“ fürchterlich. Um die Wahrheit zu sagen, ist das einzige Wort, das meine Beziehung zu „Le Monde“ passend beschreiben würde, ganz einfach das Wort „Hass“.

          Neuer Progressivismus

          Es ist mir klar, dass die wechselseitige Aggressivität zwischen den französischen Medien und mir, von außen betrachtet, einigermaßen bestürzend wirken muss. Die Aggressivität dessen, was man in Frankreich als „öffentliche Debatte“ bezeichnet, die aber einfach eine Hexenjagd ist, muss jemanden von außen wirklich befremden. Und sie nimmt immer noch zu, die Zahl der Beleidigungen steigt. Es gibt viele französische Journalisten, die sich über meinen Tod ganz ernsthaft freuen werden.

          Ich meinerseits gebe die Hoffnung nicht auf, solange ich lebe, zum Bankrott gewisser Zeitungen beizutragen. Das wird sehr schwierig, denn in Frankreich werden die Zeitungen vom Staat unterhalten - in meinen Augen übrigens eine der am wenigsten gerechtfertigten, ja eigentlich skandalösesten öffentlichen Ausgaben dieses Landes. Unmöglich erscheint es mir dennoch nicht. Alle linken Medien, das heißt fast alle französischen Medien befinden sich in einer schwierigen Lage - es fehlen ihnen Leser. Allgemeiner gesprochen, ist die Linke in Frankreich allem Anschein nach dabei zu sterben, ein Prozess, der sich seit dem Amtsantritt von François Hollande noch beschleunigt hat. Aus diesem Grund vor allem ist die Linke immer aggressiver und bösartiger geworden. Es handelt sich um den klassischen Fall des in die Enge getriebenen Tiers, das Todesangst verspürt und gefährlich wird.

          An dieser Stelle halte ich es für nützlich, ein wenig zu präzisieren, was genau es ist, das durch meine Existenz und den Erfolg meiner Bücher in Gefahr gebracht wird, und zwar so sehr, dass wir bei einem glaubhaften Todeswunsch angekommen sind. Sehr häufig verwendet man dafür den Ausdruck „Politische Korrektheit“, aber stattdessen würde ich gern ein etwas anderes Konzept einführen, das ich den „Neuen Progressivismus“ nennen möchte.

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