http://www.faz.net/-gqz-8lswx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 27.09.2016, 12:57 Uhr

Rede zum Schirrmacher-Preis Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“


Seite     1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8   |  Artikel auf einer Seite

Mehr zum Thema

In diesem Sinn hat die Entwicklung der französischen Gesellschaft seit Philippe Murays Tod und insbesondere seit der Rückkehr der Sozialisten an die Macht seine Prophetien in atemberaubendem Ausmaß bestätigt - mit einer Rasanz, die ihn selbst, glaube ich, erstaunt hätte. Die Tatsache, dass Frankreich nach Schweden das zweite Land der Welt sein könnte, dass die Kunden von Prostituierten bestraft, das, so glaube ich, wäre selbst Philippe Muray schwergefallen zu glauben, er wäre entsetzt zurückgeschreckt vor der Perspektive. Nicht so früh. Nicht so schnell. Nicht in Frankreich. Die Prostitution abschaffen heißt, eine der Säulen der sozialen Ordnung abzuschaffen. Das heißt, die Ehe unmöglich zu machen. Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft. Die Prostitution abzuschaffen, das ist für die europäischen Gesellschaften einfach ein Selbstmord.

Also ja: Man kann dieser ältesten, aus dem späten Mittelalter wieder aufgetauchten Formel, dem salafistischen Islam, eine große Zukunft voraussagen. Und also ja: Ich bleibe bei meiner Prophetie, auch wenn die Ereignisse mir im Moment unrecht geben. Der Djihadismus wird ein Ende finden, denn die menschlichen Wesen werden des Gemetzels und des Opfers müde werden. Aber das Vordringen des Islams beginnt gerade erst, denn die Demographie ist auf seiner Seite und Europa hat sich, indem es aufhört, Kinder zu bekommen, in einen Prozess des Selbstmords begeben. Und das ist nicht wirklich ein langsamer Selbstmord. Wenn man erst einmal bei einer Geburtenrate von 1,3 oder 1,4 angekommen ist, dann geht die Sache in Wirklichkeit sehr schnell.

Muray und Dantec

Unter diesen Umständen sind die unterschiedlichen Debatten, die von den französischen Intellektuellen geführt werden, über die Trennung von Kirche und Staat, den Islam et cetera, von gar keinem Interesse, weil sie den einzigen relevanten Faktor, den Zustand des Paars, der Familie, gar nicht einbeziehen. Also kann es auch nicht überraschen, dass im Verlauf der letzten zwanzig Jahre die einzigen Personen, die einen interessanten und bedeutsamen Diskurs über den Zustand der Gesellschaft geführt haben, nicht die Berufs-Intellektuellen waren, sondern Leute, die sich für das wirkliche Leben von Menschen interessieren. Das heißt: die Schriftsteller.

Ich hatte das große Glück, Philippe Muray und Maurice Dantec persönlich zu kennen und so unmittelbaren Zugang zu ihrem Denken zu haben in dem Moment, in dem es sich vollzog. Heute sind sie tot, und ich habe nichts mehr zu sagen.

Das heißt nicht, dass ich am Ende bin. In einem Roman sind Ideen nicht essentiell, noch weniger in einem Gedicht. Und um den Fall eines genialen Romanciers zu nehmen, bei dem die Ideen eine Hauptrolle spielen, so kann man doch nicht sagen, dass die „Brüder Karamasow“ im Vergleich zu den „Dämonen“ mehr Ideen lieferten. Man kann sogar, mit ein wenig Übertreibung, sagen, dass alle Ideen von Dostojewski bereits in „Verbrechen und Strafe“ enthalten waren. Dennoch ist sich der Großteil der Kritiker einig, dass der Roman „Die Brüder Karamasow“ den Höhepunkt des Dostojewskischen Werkes darstellt. Persönlich muss ich gestehen, dass ich mir eine kleine Schwäche für die „Dämonen“ bewahre, aber vielleicht habe ich unrecht, und das ist auch eine andere Debatte.

Vorherige Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Wer liest denn schon noch?

Von Kerstin Holm

Selbst Menschen, die öffentlich über Bücher sprechen, erklären häufig, sie hätten ja gar keine Zeit zum Lesen. Der Bazillus des nichtinformierten Diskurses verbreitet sich zusehends. Mehr 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“