http://www.faz.net/-gqz-6x7s3

Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus : Ein Tag in meinem Leben

  • -Aktualisiert am

„Was die ,Umsiedlung der Juden’ genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung - die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.“ - Marcel Reich-Ranicki Bild: dapd

Am 22. Juli 1942 begann die Deportation der Juden aus dem Warschauer Getto. Ich musste den Befehl übersetzen. Dann heiratete ich Teofila.

          Ich soll heute hier die Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Gettos. 1938 war ich aus Berlin nach Polen deportiert worden. Bis 1940 machten die Nationalsozialisten aus einem Warschauer Stadtteil den von ihnen später sogenannten „jüdischen Wohnbezirk“. Dort lebten meine Eltern, mein Bruder und schließlich ich selbst. Dort habe ich meine Frau kennengelernt.

          Seit dem Frühjahr 1942 hatten sich Vorfälle, Maßnahmen und Gerüchte gehäuft, die von einer geplanten generellen Veränderung der Verhältnisse im Getto zeugten. Am 20. und 21. Juli war dann für jedermann klar, dass dem Getto Schlimmstes bevorstand: Zahlreiche Menschen wurden auf der Straße erschossen, viele als Geiseln verhaftet, darunter mehrere Mitglieder und Abteilungsleiter des „Judenrates“. Beliebt waren die Mitglieder des „Judenrates“, also die höchsten Amtspersonen im Getto, keineswegs. Gleichwohl war die Bevölkerung erschüttert: Die brutale Verhaftung hat man als ein düsteres Zeichen verstanden, das für alle galt, die hinter den Mauern lebten.

          Nach der Rede von Marcel Reich-Ranicki zollte ihm der Deutsche Bundestag stehend Respekt
          Nach der Rede von Marcel Reich-Ranicki zollte ihm der Deutsche Bundestag stehend Respekt : Bild: dpa

          Am 22.Juli fuhren vor das Hauptgebäude des „Judenrates“ einige Personenautos vor und zwei Lastwagen mit Soldaten. Das Haus wurde umstellt. Den Personenwagen entstiegen etwa fünfzehn SS-Männer, darunter einige höhere Offiziere. Einige blieben unten, die anderen begaben sich forsch und zügig ins erste Stockwerk zum Amtszimmer des Obmanns, Adam Czerniaków.

          Jetzt bin ich wohl an der Reihe, dachte ich mir

          Im ganzen Gebäude wurde es schlagartig still, beklemmend still. Es sollten wohl, vermuteten wir, weitere Geiseln verhaftet“ werden. In der Tat erschien auch gleich Czerniakóws Adjutant, der von Zimmer zu Zimmer lief und dessen Anordnung mitteilte: Alle anwesenden Mitglieder des „Judenrates“ hätten sofort zum Obmann zu kommen. Wenig später kehrte der Adjutant wieder: Auch alle Abteilungsleiter sollten sich im Amtszimmer des Obmanns melden. Wir nahmen an, dass für die offenbar geforderte Zahl von Geiseln nicht mehr genug Mitglieder des „Judenrates“ (die meisten waren ja schon am Vortag verhaftet worden) im Haus waren.

          Kurz darauf kam der Adjutant zum dritten Mal: Jetzt wurde ich zum Obmann gerufen, jetzt bin wohl ich an der Reihe, dachte ich mir, die Zahl der Geiseln zu vervollständigen. Aber ich hatte mich geirrt. Auf jeden Fall nahm ich, wie üblich, wenn ich zu Czerniaków ging, einen Schreibblock mit und zwei Bleistifte. In den Korridoren sah ich starkbewaffnete Posten. Die Tür zum Amtszimmer Czerniakóws war, anders als sonst, offen.

          Er stand, umgeben von einigen höheren SS-Offizieren, hinter seinem Schreibtisch. War er etwa verhaftet? Als er mich sah, wandte er sich an einen der SS-Offiziere, einen wohlbeleibten, glatzköpfigen Mann - es war der Leiter der allgemein „Ausrottungskommando“ genannten Hauptabteilung Reinhard beim SS- und Polizeiführer, der SS-Sturmbannführer Höfle. Ihm wurde ich von Czerniaków vorgestellt, und zwar mit den Worten: „Das ist mein bester Korrespondent, mein bester Übersetzer.“ Also war ich nicht als Geisel gerufen.

          Weitere Themen

          Gefühlt im Recht

          Rechtspopulismus : Gefühlt im Recht

          Hass, Wut, Angst – was treibt Menschen an, rechtspopulistischen Bewegungen ihre Stimme zu geben? In seinem Essay über „Zornpolitik“ versucht Uffa Jensen, politische Emotionen zu erklären.

          Künstlerische Einblicke ins Zentrum der Macht Video-Seite öffnen

          Reichstag : Künstlerische Einblicke ins Zentrum der Macht

          Der Fotograf Kermit Berg fotografierte in sitzungsfreien Wochen im Reichstagsgebäude, dem Sitz des deutschen Bundestages. Ihn interessiert vor allem die Aura der Räume und die Details, sie sonst kaum jemand wahrnimmt.

          Topmeldungen

          AfD triumphiert im Osten : Frauke Petry gewinnt Direktmandat

          Die AfD hat besonders bei Männern im Osten punkten können. In den neuen Bundesländern ist die rechte Partei zweitstärkste Kraft. In Sachsen ist sie sogar die Nummer eins und gewinnt mehrere Direktmandate.

          Das Comeback der FDP : Triumphale Rückkehr ins Ungewisse

          Nach dem triumphalen Wiedereinzug der Liberalen in den Bundestag muss sich Christian Lindner die Frage stellen: Werden die Freien Demokraten wieder mit Angela Merkel regieren? Die Signale des FDP-Retters sind deutlich.

          SPD-Wahldebakel : Der schlimmste Tag

          Für die SPD ist es das schlechteste Ergebnis seit 1949. Die Partei will sich nun nach der vierten Wahlniederlage seit 2005 rundum erneuern. Eine Konsequenz aus dem Desaster nehmen die Genossen jedoch fast erleichtert auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.