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Rede an eine Akademie Der rechte Weg und wie man von ihm abkommt

Hanns Zischler reflektiert über die Seitensprünge, Umwege und Ballonfahrten, die einen fränkischen Buben zu Filmsets, Bibliotheken und schließlich in die Mainzer Akademie führten.

© dpa Vergrößern Auf Umwegen zum Ziel: Bei einer Ballonfahrt sind seltsame Mächte am Werk

Irgendwann bin ich vom rechten Weg abgekommen. Wo und wann das gewesen sein mag und ob es der „rechte“ Weg war, lässt sich so einfach nicht sagen. Und ob ich je wieder auf ihn zurückgefunden habe oder zurückfinden werde, frage ich mich bis heute. Zur Orientierung Topographisches und einige Botenstoffe.

Das Dorf auf der fränkischen Alb, das seinen Eigennamen wie einen Gattungsnamen trägt, Langenaltheim, wird im Südosten vom rätischen Limes hart bedrängt; selbst der Lehrer in der Volksschule konnte uns nicht sagen, ob wir noch im römischen oder schon im Barbarenreich lebten. Aus dem Nördlinger Ries im Südwesten umlagerten katholische Gemeinden die Diaspora, im Norden bannten wälderreiche Hügel den Rodungsfächer über dem tief gelegenen Urstromtal, und im Osten ragten grauweiß die Kalkschütten aus dem Tagebau des Solnhofener Jura auf, Heimat des Urvogels, eines Wesens, das unerlöst zwischen Hühnchen und Engel schwebt.

Im Dorf selbst gab es den Kinosaal „Neue Lichtspiele“, dessen flimmernde Bilder eine unstillbare Sehnsucht nach Brandungen und Gezeiten auslösten, die nicht von dieser Welt waren. Mir verschlug es die Sprache angesichts dieses immer wieder aufkeimenden Verlangens nach künstlichen Welten. Allein der Weg hinab zur Altmühl, ins gräfliche Pappenheim verhieß eine Öffnung „in die Welt“, doch wer die Pappenheimer kennt...

Allmähliches Erwachen

Eingedenk des offenbar nur Einheimischen bekannten Geheimnisses, dass die Franken als einziges Volk in Europa die Völkerwanderung nicht mitgemacht hatten, wäre es nur vernünftig oder zumindest im Sinne der Tradition gewesen, in diesem großen Dorf (mit zwei Kirchen, aber keinem Fluss) auszuharren und die weitere Entwicklung abzuwarten. Es sollte anders kommen.

Leute-News: Hanns Zischler © dapd Vergrößern Richtig abgebogen? Hanns Zischler

Mütterliche Perspektivplanung wollte es, dass ich mit fünf Jahren nicht nur vom Links- zum Rechtshänder konvertierte, sondern noch im Vorschulalter an ihrer Hand durchs Internat in den bayerischen Bergen geführt wurde, wo ich fünf Jahre später leben und am Ende ein ordentlicher Pfarrer werden würde. Es sollte anders kommen. Die Mutter starb, und die Berge gefielen mir nicht (lediglich das Jodeln bereitete mir überschwängliche Freude); der Vater hatte sich auf seinem reuelosen Abenteuerblindflug in nationalsozialistische Zeit und Krieg ruiniert.

Aus gewissermaßen eigenem Antrieb kam ich nach Ingolstadt und empfing in den Jahren bis zum Abitur Anregungen sonder Zahl; doch waren es nicht die Anregungen und Impulse allein, sondern der damit verwobene, vielfältige Prozess, etwas unbegriffen zu sehen, allmählich zu erwachen, und etwas gezeigt, die Augen, die Sinne geöffnet zu bekommen - für Städte und Landschaften, für Sprachen und Kunstwerke und für Gesichter.

Freundliche Warnung

Diese Dinge mehrten sich über die Jahre zu einem Vorrat, auf den ich nicht mehr verzichten wollte: Es waren neben der Musik die Liebe zu den Sprachen und der Literatur. Und gelehrt hatten mich einige kluge Lehrer auch, dass sie, die Musik und die Dichtung, niemals nur mir allein, sondern mir und dem andern, mithin uns in einem unabschließbaren Prozess der gegenseitigen Mitteilung gehören. Und dass keiner verwaist ist, der die Sprache als das Haus begreift, in dem wir wohnen.

Kaum hatte ich am neusprachlichen Gymnasium die rettenden Ufer der englischen und französischen Sprache erreicht, bildete ich mir ein, zu Höherem sei nur fähig, wer des Lateinischen und Griechischen mächtig sei; und es war der junge, inspirierende Altphilologe Albert von Schirnding, der mich freundlich-entschieden warnend vor einem Schulwechsel zu den „Humanisten“ und einem zermürbenden Nachholpensum bewahrte. Ich danke es ihm noch heute, denn genau diese Warnung hat meine Wissbegierde gefördert und, weil unabschließbar, bis heute am Leben erhalten.

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