Irgendwann bin ich vom rechten Weg abgekommen. Wo und wann das gewesen sein mag und ob es der „rechte“ Weg war, lässt sich so einfach nicht sagen. Und ob ich je wieder auf ihn zurückgefunden habe oder zurückfinden werde, frage ich mich bis heute. Zur Orientierung Topographisches und einige Botenstoffe.
Das Dorf auf der fränkischen Alb, das seinen Eigennamen wie einen Gattungsnamen trägt, Langenaltheim, wird im Südosten vom rätischen Limes hart bedrängt; selbst der Lehrer in der Volksschule konnte uns nicht sagen, ob wir noch im römischen oder schon im Barbarenreich lebten. Aus dem Nördlinger Ries im Südwesten umlagerten katholische Gemeinden die Diaspora, im Norden bannten wälderreiche Hügel den Rodungsfächer über dem tief gelegenen Urstromtal, und im Osten ragten grauweiß die Kalkschütten aus dem Tagebau des Solnhofener Jura auf, Heimat des Urvogels, eines Wesens, das unerlöst zwischen Hühnchen und Engel schwebt.
Im Dorf selbst gab es den Kinosaal „Neue Lichtspiele“, dessen flimmernde Bilder eine unstillbare Sehnsucht nach Brandungen und Gezeiten auslösten, die nicht von dieser Welt waren. Mir verschlug es die Sprache angesichts dieses immer wieder aufkeimenden Verlangens nach künstlichen Welten. Allein der Weg hinab zur Altmühl, ins gräfliche Pappenheim verhieß eine Öffnung „in die Welt“, doch wer die Pappenheimer kennt...
Allmähliches Erwachen
Eingedenk des offenbar nur Einheimischen bekannten Geheimnisses, dass die Franken als einziges Volk in Europa die Völkerwanderung nicht mitgemacht hatten, wäre es nur vernünftig oder zumindest im Sinne der Tradition gewesen, in diesem großen Dorf (mit zwei Kirchen, aber keinem Fluss) auszuharren und die weitere Entwicklung abzuwarten. Es sollte anders kommen.
Mütterliche Perspektivplanung wollte es, dass ich mit fünf Jahren nicht nur vom Links- zum Rechtshänder konvertierte, sondern noch im Vorschulalter an ihrer Hand durchs Internat in den bayerischen Bergen geführt wurde, wo ich fünf Jahre später leben und am Ende ein ordentlicher Pfarrer werden würde. Es sollte anders kommen. Die Mutter starb, und die Berge gefielen mir nicht (lediglich das Jodeln bereitete mir überschwängliche Freude); der Vater hatte sich auf seinem reuelosen Abenteuerblindflug in nationalsozialistische Zeit und Krieg ruiniert.
Aus gewissermaßen eigenem Antrieb kam ich nach Ingolstadt und empfing in den Jahren bis zum Abitur Anregungen sonder Zahl; doch waren es nicht die Anregungen und Impulse allein, sondern der damit verwobene, vielfältige Prozess, etwas unbegriffen zu sehen, allmählich zu erwachen, und etwas gezeigt, die Augen, die Sinne geöffnet zu bekommen - für Städte und Landschaften, für Sprachen und Kunstwerke und für Gesichter.
Freundliche Warnung
Diese Dinge mehrten sich über die Jahre zu einem Vorrat, auf den ich nicht mehr verzichten wollte: Es waren neben der Musik die Liebe zu den Sprachen und der Literatur. Und gelehrt hatten mich einige kluge Lehrer auch, dass sie, die Musik und die Dichtung, niemals nur mir allein, sondern mir und dem andern, mithin uns in einem unabschließbaren Prozess der gegenseitigen Mitteilung gehören. Und dass keiner verwaist ist, der die Sprache als das Haus begreift, in dem wir wohnen.
Kaum hatte ich am neusprachlichen Gymnasium die rettenden Ufer der englischen und französischen Sprache erreicht, bildete ich mir ein, zu Höherem sei nur fähig, wer des Lateinischen und Griechischen mächtig sei; und es war der junge, inspirierende Altphilologe Albert von Schirnding, der mich freundlich-entschieden warnend vor einem Schulwechsel zu den „Humanisten“ und einem zermürbenden Nachholpensum bewahrte. Ich danke es ihm noch heute, denn genau diese Warnung hat meine Wissbegierde gefördert und, weil unabschließbar, bis heute am Leben erhalten.
Die erste Ballonfahrt
Meine erste Ballonfahrt, 1976, über den Rhein zwischen Bonn und Köln hat mir Jahre später ein anschauliches Bild meiner eigenen oszillierenden Strebungen überliefert, schließlich war ja selbst mir auffällig geworden, welche seltsame Macht da am Werk war, dass ein Studium der Literaturwissenschaft durch eine Übersetzung (gemeinsam mit Hans-Jörg Rheinberger) von Derridas Grammatologie „abgebrochen“ werden, dass ein Seitensprung ins Kino in eine ziemlich lang anhaltende Laufbahn als Darsteller münden, dass ein fast dreijähriger Aufenthalt als Dramaturg und Regieassistent an der Schaubühne (am Halleschen Ufer) mich nicht zum Theater führen, sondern weit mehr über die Weltmacht der Literatur lehren ( durch Stein und Grüber und den unerschöpflich-enzyklopädischen Dieter Sturm), dass eine intrikate Mischung aus der Betrachtung von Bressons Filmen und der stets belebenden und auskultierenden Lektüre von Francis Ponge zum Wagemut des eigenen Schreibens verlocken, dass meine Nähe zu Frankreich die eigentlich tiefere zur englischen und amerikanischen Kultur immer verschatten, dass eine kleine, nichtssagende Fußnote zu einem dänischen Stummfilm in Kafkas Briefen mich zu einer fast zwanzigjährigen Forschungsreise durch die „analogen“ Film - und Bildarchive animieren, dass der erste Auftritt von Joseph Brodsky und dessen hymnischer Vortrag der Elegie für John Donne vor dreißig russischen und drei deutschen Zuhörern im West-Berlin von 1981 mir die Ohren und später die Augen und die Stimme für den überwältigenden Reichtum nicht nur der russischen Dichtung, sondern für Lyrik überhaupt und die angemessene Form der Rezitation öffnen sollte, die ich Jahre später, unterstützt von Reinhart Meyer-Kalkus, weiter vertiefen konnte, dass Jean-Luc Godards gänzlich unbefangene und rückhaltlose Bewunderung für Novalis und Bach auf einer winterlichen Reise durch Weißenfels, Naumburg und das Saaletal (für den Film „Allemagne Neuf Zero“) mir im Jahr 1990 die aktive Funktion eines Reiseführers durch ein untergehendes Deutschland im Augenblick seiner Wiedervereinigung auferlegen, dass aus einem Traum, den ein Freund mir erzählt und ausdrücklich überlassen hatte, zwanzig Jahre später, nach vielen vergeblichen Anläufen die Graphic Novel aus der Nachwelt mit Zeichnungen von Friederike Groß entstehen, dass ein mittägliches Gespräch mit der schwedischen Literaturwissenschaftlerin Sara Danius zu einem Buch über James Joyce führen oder dass der Anblick eines vergessenen Schmetterlingskoffers im Berliner Naturkundemuseum meine Forschung und die Phantasie der Zeichnerin Hanna Zeckau gleichermaßen beflügeln sollte, mit anderen Worten: dass aus scheinbar geringfügigen Anlässen meine Neugierde geweckt, entzündet wurde - mit unabsehbaren Folgen.
Unwägbare Thermik
Und nicht zu vergessen, vielleicht das Wichtigste: dass vieles erprobt und verworfen wurde und vieles missraten ist, Berge von Abfall, von sogenannten Projekten, aufgehäufte Irrtümer, die nur ein mildes Vergessen erträglich macht, wie die von der Natur zurückeroberten aufragenden Schütten aus dem Jura.
Das Bild, das die Ballonfahrt mir ganz nebenbei eingegeben hat, war ein doppeltes: Zum einen sollte man nie alleine aufbrechen, sondern sich der Weggefährten und der Wegkundigen versichern (keine der hier erwähnten Arbeiten habe ich alleine gemacht); zum andern verstand ich die Methode der indirekten Navigation: Ein Ziel ist nur zu erreichen, indem man eingedenk der relativen Unwägbarkeiten der Thermik auf diskrete und notgedrungen umständliche Weise seinen Weg sucht, einen Weg, der sich nie wiederholt, der immer auch ein Umweg ist, ein Seitensprung der besonderen Art, vielleicht wie jener, von dem Kafka einmal zu Milena Jesenská sagt, er führe immer wieder auf den Weg zurück.
Ob es der rechte Weg ist, vermag ich bis heute nicht zu sagen. Dass Sie mich auf diesem Weg zum Mitglied Ihrer Akademie gemacht haben, vermag selbst einen Franken aus der Reserve zu locken. Ich danke Ihnen aufrichtig dafür.