Home
http://www.faz.net/-gqz-7491u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Rede an eine Akademie Der rechte Weg und wie man von ihm abkommt

Hanns Zischler reflektiert über die Seitensprünge, Umwege und Ballonfahrten, die einen fränkischen Buben zu Filmsets, Bibliotheken und schließlich in die Mainzer Akademie führten.

© dpa Vergrößern Auf Umwegen zum Ziel: Bei einer Ballonfahrt sind seltsame Mächte am Werk

Irgendwann bin ich vom rechten Weg abgekommen. Wo und wann das gewesen sein mag und ob es der „rechte“ Weg war, lässt sich so einfach nicht sagen. Und ob ich je wieder auf ihn zurückgefunden habe oder zurückfinden werde, frage ich mich bis heute. Zur Orientierung Topographisches und einige Botenstoffe.

Das Dorf auf der fränkischen Alb, das seinen Eigennamen wie einen Gattungsnamen trägt, Langenaltheim, wird im Südosten vom rätischen Limes hart bedrängt; selbst der Lehrer in der Volksschule konnte uns nicht sagen, ob wir noch im römischen oder schon im Barbarenreich lebten. Aus dem Nördlinger Ries im Südwesten umlagerten katholische Gemeinden die Diaspora, im Norden bannten wälderreiche Hügel den Rodungsfächer über dem tief gelegenen Urstromtal, und im Osten ragten grauweiß die Kalkschütten aus dem Tagebau des Solnhofener Jura auf, Heimat des Urvogels, eines Wesens, das unerlöst zwischen Hühnchen und Engel schwebt.

Im Dorf selbst gab es den Kinosaal „Neue Lichtspiele“, dessen flimmernde Bilder eine unstillbare Sehnsucht nach Brandungen und Gezeiten auslösten, die nicht von dieser Welt waren. Mir verschlug es die Sprache angesichts dieses immer wieder aufkeimenden Verlangens nach künstlichen Welten. Allein der Weg hinab zur Altmühl, ins gräfliche Pappenheim verhieß eine Öffnung „in die Welt“, doch wer die Pappenheimer kennt...

Allmähliches Erwachen

Eingedenk des offenbar nur Einheimischen bekannten Geheimnisses, dass die Franken als einziges Volk in Europa die Völkerwanderung nicht mitgemacht hatten, wäre es nur vernünftig oder zumindest im Sinne der Tradition gewesen, in diesem großen Dorf (mit zwei Kirchen, aber keinem Fluss) auszuharren und die weitere Entwicklung abzuwarten. Es sollte anders kommen.

Leute-News: Hanns Zischler © dapd Vergrößern Richtig abgebogen? Hanns Zischler

Mütterliche Perspektivplanung wollte es, dass ich mit fünf Jahren nicht nur vom Links- zum Rechtshänder konvertierte, sondern noch im Vorschulalter an ihrer Hand durchs Internat in den bayerischen Bergen geführt wurde, wo ich fünf Jahre später leben und am Ende ein ordentlicher Pfarrer werden würde. Es sollte anders kommen. Die Mutter starb, und die Berge gefielen mir nicht (lediglich das Jodeln bereitete mir überschwängliche Freude); der Vater hatte sich auf seinem reuelosen Abenteuerblindflug in nationalsozialistische Zeit und Krieg ruiniert.

Aus gewissermaßen eigenem Antrieb kam ich nach Ingolstadt und empfing in den Jahren bis zum Abitur Anregungen sonder Zahl; doch waren es nicht die Anregungen und Impulse allein, sondern der damit verwobene, vielfältige Prozess, etwas unbegriffen zu sehen, allmählich zu erwachen, und etwas gezeigt, die Augen, die Sinne geöffnet zu bekommen - für Städte und Landschaften, für Sprachen und Kunstwerke und für Gesichter.

Freundliche Warnung

Diese Dinge mehrten sich über die Jahre zu einem Vorrat, auf den ich nicht mehr verzichten wollte: Es waren neben der Musik die Liebe zu den Sprachen und der Literatur. Und gelehrt hatten mich einige kluge Lehrer auch, dass sie, die Musik und die Dichtung, niemals nur mir allein, sondern mir und dem andern, mithin uns in einem unabschließbaren Prozess der gegenseitigen Mitteilung gehören. Und dass keiner verwaist ist, der die Sprache als das Haus begreift, in dem wir wohnen.

Kaum hatte ich am neusprachlichen Gymnasium die rettenden Ufer der englischen und französischen Sprache erreicht, bildete ich mir ein, zu Höherem sei nur fähig, wer des Lateinischen und Griechischen mächtig sei; und es war der junge, inspirierende Altphilologe Albert von Schirnding, der mich freundlich-entschieden warnend vor einem Schulwechsel zu den „Humanisten“ und einem zermürbenden Nachholpensum bewahrte. Ich danke es ihm noch heute, denn genau diese Warnung hat meine Wissbegierde gefördert und, weil unabschließbar, bis heute am Leben erhalten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Claude Lanzmann über Shoah Das Unnennbare benennen

Zwischen dem Verstehen der Ursachen und der faktischen Realität des Holocaust klafft ein Abgrund. Claude Lanzmann, Regisseur von Shoah, über die Notwendigkeit, den Blick ganz direkt auf den Schrecken zu richten. Mehr Von Claude Lanzmann

27.01.2015, 16:40 Uhr | Feuilleton
Das geteilte Dorf Mauer trennte Mödlareuth

Nicht nur die Millionenmetropole Berlin war früher geteilt in Ost und West: Auch im kleinen Dorf Mödlareuth an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen stand jahrzehntelang eine Mauer. Mehr

04.11.2014, 14:20 Uhr | Politik
Michel Houellebecq im Gespräch Man braucht mehr Mut

Er sei in seinem Buch nicht weit genug gegangen, sagt Michel Houellebecq. Im Gespräch erklärt er die Liebe der Deutschen zu ihm. Und seine eigene zu Balzac, Flaubert und Huysmans - also zum neunzehnten Jahrhundert. Mehr Von Julia Encke

27.01.2015, 11:06 Uhr | Feuilleton
Indien Ein Dorf ohne Türen

In einem Dorf in Westindien leben die Menschen ohne Türen in ihren Häusern. Sie glauben, dass eine Gottheit sie vor Dieben und Einbrechern schützt. Das ungewöhnliche Dorf ist ein beliebtes Reiseziel für Gläubige. Mehr

12.01.2015, 16:16 Uhr | Gesellschaft
Prüfungsangst im Studium Ich dachte, ich bin nichts mehr wert

Das erste Jura-Examen war für Valeria Di Liberto ein Albtraum. Bei der Abschlussarbeit bekommt sie Panik, Denkblockaden und Atemnot. Sie fällt durch. Eine Gruppentherapie für Studenten mit Prüfungsphobie hat geholfen. Mehr Von Sascha Zoske

21.01.2015, 21:00 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.11.2012, 14:32 Uhr

Schneepost

Von Patrick Bahners

In einer sich anbahnenden Naturkatastrophe lernt man die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Da freut man sich jedes noch so unbedeutenden Zeichens der Außenwelt: Auch der sonst höchst unliebsamen. Mehr