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Rechtsterrorismus : Wo alles begann

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Elftausend Menschen leben in dem Neubaugebiet am Rande Jenas Bild: dpa

Bevor aus Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe eine rechte Terrorzelle wurde, sind sie alle im selben Viertel aufgewachsen: Jena-Winzerla. Unser Autor lebt seit zwanzig Jahren dort.

          Ich lebe seit den neunziger Jahren in dem neuesten, teilweise erst nach der Wiedervereinigung fertiggestellten Neubaugebiet Jenas: in Winzerla, wo Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Z. und auch der in Niedersachsen als Komplize des Trios verhaftete Holger G. sich trafen.

          Ende 1991 hat ein Freund ein Foto geknipst, das einen freundlich dreinblickenden, mit schwarz-rot-goldenen Hosenträgern ausgestatteten Mundlos bei der Eröffnung des Winzerlaer Jugendclubs neben einem elf Jahre älteren Bärtigen mit längerem Haar zeigt. Zwanzig Jahre später ist Mundlos tot, der Ältere, damals der junge Sozialdezernent Jenas, ist inzwischen Professor für "Theorie und Praxis der Pflege" an der Fachhochschule Jena und damit Kollege von Mundlos' Vater, der dort Informatik lehrt.

          "Wanderer, kommst Du nach Winzerla ..., halt Deine Seele fest! Die riesige Plattenbausiedlung, in der das Mörder-Trio großwurde, klebt wie ein Katarakt von Sperrriegeln gegen einen imaginären Feind am Waldesrand. Ein gruseliger Ort zum Leben." So schrieb dieser Tage Reinhard Mohr, der aus dem links-alternativen Frankfurt-Bockenheim nach Berlin in den Bionade-Biedermeier des Prenzlauer Bergs übersiedelte, nach einem Blitzbesuch in der "Welt" über unseren Stadtteil, das Terroristennest. Für die ZDF-Sendung "aspekte" fuhr der Schriftsteller Steven Uhly mit dem Intercity für ein paar Stunden von München nach Jena, seine Rückreise am selben Tag wird gefilmt als Flucht aus diesem "Teil der ostdeutschen Angstzone".

          Bevor ich nach Winzerla kam, war ich gewarnt. Am 10. Februar 1990 zeigte der DDR-Regisseur Roland Steiner im legendären Hörsaal VI der Frankfurter Universität seinen 1986 begonnenen, 1989 vollendeten Defa-Dokumentarfilm "Unsere Kinder". Über Neonazis, Skinheads, Punks und Grufties in der DDR und warum Jugendliche ihrem Land eine Kampfansage machten. Kurz darauf zog ich nach Jena, getrieben von Neugier und Nostalgie. In Eisenach geboren, geriet ich als Sechsjähriger nach Westdeutschland. In Frankfurt am Main meldete ich mich nach dem Mauerfall bei meinem Arbeitgeber, einem Sozialverband, um als juristischer "Aufbauhelfer" in den Osten zu gehen. Heute erinnern mich in Winzerla nur noch ein paar unsanierte Fenster in der Anna-Siemsen-Straße an diese Zeit.

          Der Waffenschmuggler saß womöglich im Ortsrat

          Winzerla mit seinen rund 12 000 Einwohnern erhält Förderungen aus dem Bund-Länder-Programm "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - Die soziale Stadt", und wer genauer hinschaut, sieht ein inzwischen auch bei Studenten begehrtes Wohngebiet (Leerstand unter ein Prozent), Bevölkerungsbefragungen widerspiegeln eine hohe Zufriedenheit, hier sind sogar mehr sozialversicherungspflichtig beschäftigt als im Durchschnitt des Stadtgebiets, modern und farbenfroh saniert sind Schulen, Kita und Altenheim, gerade eröffnete ein Jugendklub-Neubau. Einrichtungen, auf die man aus mancher Westkommune neidisch blicken kann. Im Ortsteilraten geben wir seit Jahren Geld für Auschwitz-Fahrten von Schülern, ein Kinder-Ortsteilrat tagt, und Bürger, die noch nie etwas von "urban gardening" oder "guerrilla gardening" gehört haben, planen Gärten in Winzerla, allmonatlich liegt in allen Briefkästen die kostenlose Stadtteilzeitung. In Winzerla, dessen maximal fünf- bis sechsgeschossige Gebäude durch die idyllische Hanglage - der Ortsname geht auf Weinanbau zurück - optisch unterschiedliche Gebäudehöhen suggerieren, wird man an die Gartenstadtbewegung erinnert. "Elfgeschosser" gibt es nicht, hier will keiner hoch hinaus.

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