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Rechtsruck in Polen : Die hohe Kunst, ein Pferd zu besteigen

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Auch der jetzigen PiS-Regierung wird dieses Gefühl, viel zu lange auf dem Abstellgleis gewesen zu sein, attestiert und ein daraus erwachsenes Bedürfnis nach Rache und Zerstörung vorgeworfen. Und auch ihr Agieren bringt jetzt schon manchen Kulturschaffenden dazu, wenn nicht Ausreisepläne zu schmieden, dann zumindest geplante Projekte zu überdenken. Etwa den Krakauer Star-Theaterregisseur Krystian Lupa, der auf eine für Breslau geplante Inszenierung sofort verzichtete und in einem höchst emotionalen Interview den Regierenden eine unmissverständliche Absage erteilte: „Diese Menschen sind im Grunde lebendige Leichen“, ereiferte er sich. „Nach acht Jahren in der Opposition haben sie so viel Gift in sich, sind so auf das ihnen angeblich angetane Unrecht konzentriert, dass sie es nicht vermögen, sich auf ein Gespräch einzulassen oder eine andere Meinung anzuhören.“ Der Breslauer Theaterzensur-Versuch hat in seinen Augen aber auch eine gute Seite: Die PiS-Leute hätten sich wenigstens schnell demaskiert: „Es ist nicht so wie bei Orbán, der im richtigen Moment das Pferd bestiegen hat. Sie sind von ihrem Pferd vor acht Jahren gefallen, und derzeit tun sie alles, um zu zeigen, dass sie wieder aufsteigen können. Nur nehmen sie dazu einen so heftigen Anlauf, dass sie gleich auf der anderen Seite des Pferdes landen werden.“

Ähnlich sehen das offenbar viele Kulturschaffende, auch wenn mancher sich darauf einstellt, dass die PiS-Ära noch eine ganze Weile dauern wird. So die Bestsellerautorin Maria Nurowska, die in der „Gazeta Wyborcza“ einen offenen Brief an Jaroslaw Kaczynski publizierte. „Ich bitte Sie“, schrieb sie, „in Ihrem zerstörerischen Eifer innezuhalten. Wenn Sie die höchsten Autoritäten mit Füßen treten, tun Sie dem Land unrecht, aber auch sich selbst, denn in vier Jahren wird die PiS die Wahlen verlieren und, um die Worte eines Dichters zu paraphrasieren, von ihr bleiben nur Eisenschrott und das dumpfe, spöttische Gelächter der Generationen.“ Mit dem Dichter meinte sie Tadeusz Borowski, der sich 1951 das Leben nahm.

Pawel Pawlikowskis oscar-prämierter Film „Ida“ steht für das Kino, dass im neuen Polen keinen Platz haben soll.
Pawel Pawlikowskis oscar-prämierter Film „Ida“ steht für das Kino, dass im neuen Polen keinen Platz haben soll. : Bild: dpa

Parallelen zum Kommunismus

An die kommunistische Zeit fühlen sich auch manche Filmemacher erinnert: Agnieszka Holland etwa, die vor kurzem feststellte: „Diese Demontage eines demokratischen Rechtsstaates ist wie eine Ohrfeige für die, die den Geist der Volkrepublik vergessen wollten. Denn jetzt siegt in Polen genau dieser Geist. Es kann sein, dass Kaczynski sich als eine Art Pilsudski sieht – in Wirklichkeit aber spricht er die Sprache Gomulkas und Moczars.“ Oder Pawel Pawlikowski, dessen oscar-prämierter Film „Ida“ plötzlich jenes Kino symbolisiert, das die neuen Machthaber weder sehen noch finanzieren wollen: „Jetzt werden im Auftrag der Regierung Filme entstehen, die die einzig richtige Vision Polens propagieren“, prophezeit Pawlikowski, den diese Perspektive allerdings mehr erheitert als erschreckt: „Es ist amüsant, dass die neue Regierung dem Kino so viel Bedeutung beimisst, genauso wie einst die Kommunisten.“

Wie geht es mit der polnischen Demokratie weiter, fragen sich die Intellektuellen, die sich immer zahlreicher zu Wort melden. Hat der Polen-Freund Timothy Garton Ash recht, der neulich Frankreich, Spanien, Italien, Kanada und die Vereinigten Staaten dazu aufrief, sich dringend in die polnischen Belange einzumischen, sonst „werden Kaczynskis Anhänger behaupten können, Brüssel erteile Polen Befehle, wie es einst Moskau tat, und dazu die antideutschen Ressentiments ausspielen“? Oder eher der Warschauer Publizist Marek Beylin, der jetzt schon Szenarien für die Nach-Kaczynski-Zeit entwirft und die aktuellen Ereignisse als eine schmerzhafte Feuerprobe interpretiert, aus der er die polnische Gesellschaft aber gestärkt hervorgehen sieht: „Sie wird sich nicht mehr mit der Demokratie begnügen, die wir vor PiS hatten, sondern nach einer besseren verlangen“? Vielleicht sollte man sich aber einfach auf das Urteil des Schriftstellers Stefan Chwin verlassen, der alles in einem größeren historischen Kontext sieht und mit stoischer Ruhe Dinge sagt wie: „Jeder, der die Demokratie verteidigen will, muss bedenken, dass der Mensch vor allem ein irrationales Wesen ist. Zuerst fühlen wir, dann erst denken wir nach.“ Denn wenn es so ist, möchte man hinzufügen, dann hat diese zweite Phase in Polen längst begonnen.

Quelle: F.A.Z.

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