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Rechtsextreme Mordtaten Hinterbliebene, von uns alleingelassen

 ·  Angehörige der Opfer mussten ertragen, dass die deutsche Polizei im Fall der von Rechtsextremen begangenen Morde ermittelte, als seien es Milieutaten. Der soziale Schaden ist erheblich.

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Enver Şimşek war 36 Jahre alt, als er am 9. September 2000 in Nürnberg erschossen wurde. Eine Familientragödie, mutmaßte die Polizei und verdächtigte die Ehefrau, den Mord gemeinsam mit einem Onkel organisiert zu haben. Familie Taşköprü wurde gesagt, ihr Sohn Süleyman sei wahrscheinlich von der Drogenmafia erschossen worden. Dann hieß es, die Terrororganisation PKK habe den Hamburger Gemüsehändler am 27. Juni 2001 umgebracht. Der Ehefrau von Mehmet Kubaşik wurde hingegen mitgeteilt, dass Schutzgeldeintreiber ihren Mann ermordet hätten. Auch über Spielschulden, ja sogar über eine Beziehungstat wurde spekuliert. Schließlich wäre normalerweise sie am Vormittag des 4. April 2006 in dem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt gewesen. Doch an diesem Tag holte Elif Kubaşik ihre beiden Kinder vom Kindergarten ab - Grund genug für die Polizei, in ihr die mögliche Auftraggeberin für den Mord zu sehen. „Dieser Tag war der schlimmste in meinem Leben“, sagte Elif Kubaşik ein Jahr später in einem Interview: „Es schmerzt so unendlich. Nichts ist mehr so, wie es einmal war.“

Neun Menschen wurden in den Jahren 2000 bis 2006 von den rechtsextremistischen Terroristen umgebracht. Väter, Söhne, Brüder: Enver Şimşek, Abdurrahim Özdogru, Süleyman Taşköprü, Habil Kilic, Yunus Turgut, Ismail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşik und Halil Yozgat. Nichts ist mehr so, wie es einmal war, für keine der Familien. Da ist der Schmerz über den Verlust. Doch da sind auch die Ungewissheit und die aus heutiger Sicht geradezu skandalös anmutenden Verdächtigungen, denen die Familien jahrelang ausgesetzt waren - zehn ganze Jahre lang.

Der Grund für die Morde sei im Leben der Opfer zu finden, lautete zunächst die Arbeitshypothese der Ermittler. Immer wieder wurden deshalb Nachbarn, Freunde und Familienangehörige befragt, wurde das Beziehungsgeflecht der Ermordeten aufgedröselt, bis zurück zu ihrer Geburt in Deutschland oder in der Türkei. Auch nach möglichen Familienfehden wurde gefahndet - vergeblich. Es musste deshalb eine neue Theorie her, nämlich jene von der organisierten Kriminalität. Doch selbst jetzt verwechselten die Behörden noch Opfer mit Tätern: Wenn eine Organisation diese Morde in Auftrag gibt, dann müssen auch die Ermordeten der Organisation angehören, lautete das Credo der Ermittler. Offensichtlich hatten sie noch nie etwas von rechtsextremistischen Organisationen gehört. „Wenn es eine Botschaft des Täters gibt, dann muss ich gestehen, dass wir diese Botschaft nicht verstehen“, sagte Wolfgang Geier, der Leiter der Soko-Bosporus, im Jahr 2007 im ZDF.

Mutmaßungen über Türken

Welche Wunden die Verdächtigungen bei den Angehörigen verursacht haben, ist kaum vorstellbar. Was soll man schon anfangen mit dem Vorwurf, der eigene Sohn, Vater oder Ehemann sei in Drogengeschäfte verwickelt gewesen? Wie anders konnten Nachbarn und Bekannte reagieren, als an der Integrität der Familien zu zweifeln und sie damit zu isolieren? „Wir fragten uns, ob er vielleicht ein Geheimnis hatte, über das er mit niemandem von uns reden wollte. Anders konnten wir uns das alles nicht erklären. Nun bin ich sehr froh, dass wir uns getäuscht haben“, sagt ein Freund von Theodoros Boulgarides, der am 15. Juni 2005 in München in seinem Geschäft, einem Schlüsseldienst, von den Rechtsradikalen ermordet wurde.

Die Hintergründe, die in den vergangenen Tagen ans Tageslicht gekommen sind, sagen viel aus über den Zustand des Polizeiwesens, den Verfassungsschutz und die rechte Gefahr, die man hierzulande ignoriert hat. Sie erzählen aber auch, was für ein Türken-Bild in Deutschland regiert. Nicht nur die polizeilichen Ermittler ließen sich offensichtlich von Klischees über Deutschtürken leiten, sondern auch die Öffentlichkeit machte mit. „Hingerichtet von der Halbmond-Mafia“, hieß es am Tag nach der Ermordung von Theodoros Boulgarides einer Münchner Zeitung. Beispielhaft ist ebenso die Geschichte, die der „Spiegel“ Anfang dieses Jahres brachte. „Dunkle Parallelwelten“ lautete ihr Titel. Die beiden Autoren vermuteten darin, dass eine Allianz türkischer Nationalisten, Gangster und Geheimdienstler hinter den Morden stecke. Der abenteuerliche Vorschlag des Nachrichtenmagazins: „Ergenekon“, also jene türkische Untergrundorganisation, die einen Umsturz der Regierung Erdogan geplant haben soll und deren Arme angeblich bis ins Ausland reichen, sei involviert. Und auch in der F.A.Z. wurde wild über denkbare Hintergründe spekuliert, die Möglichkeit einer rechtsextremistischen Tat aber nicht in Betracht gezogen: Im türkischen Milieu kann es eben auch mal knallen.

Man kennt das ja: Neukölln, die Rütli-Schule; der Bruder, der seine Schwester im Namen der Ehre umbringt. Die undurchsichtige Hinterhofmoschee, in der religiöse Fanatiker Böses aushecken. Eine düstere Welt eben, in der andere Normen und Werte gelten und in die man als Deutscher keinen Zutritt hat. Tatsächlich ist das alles Realität. Doch eben nur ein winziger Ausschnitt davon. Für eine Auffrischung der damit geschürten Ängste muss man nur abends den Fernseher einschalten: Den türkischen Türsteher, der gerade einem Landsmann mit der Faust oder vorgehaltener Waffe einen Gefallen tut, findet man beim Zappen bestimmt. Rechte Gewalt und Neonazis sieht man hingegen eher in den Nachrichten, wenn diese mal wieder irgendwo marschieren. Hatte man vielleicht angenommen, dass sich diese danach wieder friedlich in ihre Wohnzimmer zurückziehen?

Verdrängungsmechanismen

Es gibt Stadtbezirke und Regionen in Ostdeutschland, in denen man sich als Mensch mit fremdländischem Aussehen nicht sicher bewegen kann - so sehr beherrscht die rechte Szene dort die Straßen. Auch die Anschläge von Mölln im Jahr 1993 und von Solingen im Jahr 1993 haben schmerzhaft bewiesen, dass Rechtsextremisten nicht vor Mord zurückschrecken und dass es zu einfach und gefährlich ist, sie als verirrte Spinner abzutun. Doch es scheint in Deutschland einen Reflex zu geben, das zu verdrängen. Ein imaginäres Gebäude der vermeintlichen Sicherheit wurde hier für Ausländer errichtet: In Deutschland werden Türken gemocht, stand groß darüber geschrieben. Vor lauter gutgemeinten Lichterketten und Aufklärungskampagnen an Schulen hat man nicht bemerkt, wie brüchig es die ganze Zeit war. Nun ist es eingestürzt.

Wie Verdrängung funktionieren kann, konnte man Mitte dieser Woche auch im Deutschlandfunk erleben. Der türkischstämmige Schriftsteller Zafer Senocak wurde dort morgens zu den jüngsten Ereignissen interviewt. Die Sprache sei etwas sehr Verräterisches, sagte er und kritisierte ganz richtig, dass in den Medien noch immer von „Döner-Morden“ die Rede sei. Das sei nicht nur eine Ohrfeige für die Angehörigen der Opfer, sondern für alle Deutschtürken. Dann sagte er kluge Sätze über ein mögliches NPD-Verbot und über rechte Gewalt. Der Moderator aber wollte plötzlich lieber etwas zum Thema Zwangsheirat hören: Das sei ja schließlich auch ein Teil der Gegenwart. Doch ändert das etwas an den anderen Tatsachen?

Misstrauen in die Behörden

Die Angehörigen der Opfer beginnen erst langsam, sich zu äußern. Die meisten von ihnen stehen noch unter Schock. Sehr lange haben sie selbst sich nicht mehr sicher gefühlt, lebten in Demütigung und Angst, die Täter könnten wieder zuschlagen. Als die Abstände der Taten immer kürzer wurden und die Polizei noch immer das Leben der betroffenen Familien durchleuchtete, kam es unter ihnen zu massiven Protesten. Die Menschen ließen sich damals beruhigen - von Ermittlern türkischer Abstammung, und zwar nur von denen. Auch das zeigt, wie groß das Misstrauen unter Deutschtürken in die Behörden inzwischen ist.

Die Morde haben die Angehörigen der Opfer verändert, auch ihre Einstellung zu Deutschland. Kaum einer von ihnen lebt heute noch dort, wo die Taten geschahen. Die Eltern von Süleyman Taşköprü haben Deutschland verlassen. Auch Elif Kubaşik kehrte in ihren Heimatort, nach Kahramanmaraş, zurück. In der osttürkischen Stadt liegt auch ihr Mann begraben. In rechten Internetforen aber werden die Morde noch immer als Heldentaten gefeiert.

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Jahrgang 1975. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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