17.08.2004 · Nach Maos Tod, in einer gefährlichen Übergangsphase, hat die chinesische Regierung eine Schriftreform zurückgenommen. Die Vorwürfe: Man sei zu rasch vorgegangen und habe die Intellektuellen zuwenig konsultiert.
Von Susanne Weigelin-SchwiedrzikAm 31. Oktober 1977, ein Jahr nach dem Ende der Kulturrevolution, genehmigte der Staatsrat der Volksrepublik China den Vorschlag des zuständigen Komitees, eine weitere Stufe der Schriftreform vorzubereiten. Die zwanzig Jahre vorher eingeleitete Verringerung der Strichzahl pro Zeichen sollte weitergeführt werden.
Am 20. Dezember 1977 veröffentlichten die überregionalen Zeitungen Chinas die Liste der verkürzten Schriftzeichen, und im März 1978 erging die Anweisung des Erziehungsministeriums an Schulbuchverlage und Schulen, vom kommenden Schuljahr an die neuen Schriftzeichen zu verwenden. Doch schon einen Monat später zog das Erziehungsministerium seinen Erlaß wieder zurück. Im Juni 1978 stellten die Zeitungen den Gebrauch der neuen "Kurzzeichen" ein, und von Juni 1979 an, kaum eineinhalb Jahre nach ihrer Einführung, waren die verkürzten Zeichen aus den öffentlichen Texten verschwunden.
Das Ende der Großen Siegelschrift
Der Beschluß des Staatsrates, die zweite Stufe der Schriftzeichenverkürzung zurückzunehmen, kam allerdings erst am 25. Februar 1986. Die Begründung: Trotz der langen Erprobungsphase hätten sich die verkürzten Schriftzeichen der neuen Liste nicht durchsetzen können. Weder die Bevölkerung noch die Wissenschaftler hätten sich auf die in der zweiten Liste vorgeschlagene Schreibweise einigen können, weshalb trotz aller inzwischen unternommener Verbesserungen der Liste die Rückkehr zu der 1964 festgelegten Liste offiziell zugelassener verkürzter Schriftzeichen geboten sei - ein erstaunlicher Beweis von Flexibilität bei einem autoritären Regime. Wie ist das zu erklären?
Die ältesten Zeugnisse chinesischer Schrift gehen auf die Zeit der Shang-Dynastie zurück (14. bis 11. Jahrhundert vor Christus). Seit dem achten vorchristlichen Jahrhundert sind Kodifizierungsversuche nachweisbar. Mit der Reichseinigung unter Qinshi Huangdi im Jahr 221 vor Christus unternimmt der Staat einen ersten Interventionsversuch: Die sogenannte Kleine Siegelschrift wird eingeführt. Kurze Zeit später findet eine Bücherverbrennung statt, bei der fast alle in der vorher üblichen Großen Siegelschrift geschriebenen Texte vernichtet werden. Damit wird ein Schriftsystem staatlich sanktioniert, das, trotz der vielen Dialekte, eine Verständigung in ganz China möglich macht.
Durch kräftezehrende Schrift ins Hintertreffen geraten
Qinshi Huangdi war zwar ein erbitterter Feind der konfuzianischen Schule (es heißt, er habe die Konfuzianer bei lebendigem Leibe begraben lassen). Trotzdem machte er sich deren Devise zu eigen, daß die Richtigstellung der Bezeichnungen (zheng ming) und damit die Kontrolle über die Sprache zu den ureigensten Aufgaben des Staates gehörten. Daran hielten sich auch alle seine Nachfolger und auch die Kommunistische Partei. Schon kurz nach ihrer Machtübernahme im Oktober 1949 erteilte sie der gerade erst gegründeten Forschungsgesellschaft für Schriftreform den Auftrag, Lösungsvorschläge in zwei Richtungen zu erarbeiten: Zum einen sollte das Erlernen der chinesischen Schrift durch Verringerung der allgemein gebräuchlichen Zeichen und durch Vereinfachung einzelner Zeichen erleichtert werden, womit man einen Beitrag zur Bekämpfung des "Analphabetismus" leisten wollte.
Zum anderen sollte eine Umschrift für das Chinesische entwickelt werden, die langfristig den Gebrauch der chinesischen Zeichen ersetzen sollte. Da diese Umschrift für die Hochsprache und nicht für die zahlreichen Dialekte geschaffen werden sollte, ging sie zwangsläufig mit dem Plan einher, die auf dem Nordchinesischen beruhende chinesische Hoch- oder Allgemeinsprache im ganzen Land durchzusetzen. Der Auftrag war erst einmal einleuchtend, gibt es nach dem jüngsten Stand der Forschung doch etwa 34.000 Zeichen. Davon gehören 4500 zur Gruppe der am häufigsten gebrauchten Zeichen. Die Schrift, die so viele Kräfte bindet, wurde dafür verantwortlich gemacht, daß China den Schritt in die Moderne nicht selbständig vollzogen habe und gegenüber dem Westen ins Hintertreffen geraten sei.
Umstrittene Erleichterungen
Bereits 1955 legte das inzwischen gegründete "Chinesische Komitee für Schriftreform" einen Vorschlag zur Vereinfachung der Schriftzeichen vor: 515 vereinfachte Zeichen und 54 vereinfachte Zeichenkomponenten wurden 1958 durch Staatsratsbeschluß für verbindlich erklärt. Schrittweise eingeführt, sind sie die Grundlage für die 1964 erstellte Liste von 2200 verkürzten Zeichen. Die Vorschläge zur Vereinfachung stützten sich dabei auf schon seit vielen Jahren, zum Teil Jahrhunderten kursierenden Schreibformen und stießen daher auf geringen Widerstand. Die durchschnittliche Anzahl Striche pro Zeichen sank von 16,08 auf 8,16. Ob das den Kindern geholfen hat, die chinesische Schrift schneller oder besser zu erlernen, ist heute umstritten. Ein Vergleich mit den Verhältnissen auf Taiwan und in Hongkong, wo die unverkürzten Zeichen noch immer im Umlauf sind, spricht jedenfalls nicht eindeutig für die verkürzten Schriftzeichen.
Die Alphabetisierungserfolge der fünfziger Jahre ließen Politiker und Sprachwissenschaftler offenbar glauben, mit der Schriftzeichenverkürzung auf dem richtigen Weg zu sein. Doch es hatte sich auch gezeigt, daß die chinesische Sprache als Tonsprache mit ihren vielen Homonymen nicht so leicht auf die chinesischen Zeichen verzichten konnte und daß die Durchsetzung der Hochsprache als Voraussetzung für den Verzicht auf die chinesischen Zeichen nicht so leicht zu bewältigen war. Die Arbeit an einer weiteren Liste verkürzter Zeichen wurde durch die Kulturrevolution unterbrochen und erst 1973 wiederaufgenommen. 1975 lag ein Entwurf mit weiteren 853 verkürzten Zeichen vor, doch erst 1977 kamen 183 dieser Zeichen in den landesweiten Zeitungen zur Anwendung.
Nicht alle Opfer der Kulturrevolution Gegner der Schriftreform
Im September 1976 starb Mao, im Oktober wurde die "Viererbande" unter der Mao-Witwe Jiang Qing abgesetzt und für alle Auswüchse der Kulturrevolution verantwortlich gemacht. Die Sprachplaner vom "Chinesischen Komitee für Schriftreform" wurden aus den Kaderschulen in ihre Institute zurückgeholt und machten sich gleich an die Arbeit. Die Liste, die sie 1977 vorlegten, unterscheidet sich grundlegend von der ersten, denn sie umfaßt Zeichen, die nach systematischen Gesichtspunkten verkürzt wurden. Während sich die Schriftreformer in den fünfziger Jahren darauf beschränkt hatten, im Umlauf befindliche Vereinfachungen zu sanktionieren, versuchten die Autoren der zweiten Liste, durch Anwendung angeblich erprobter Verkürzungsmechanismen auf eine größere Gruppe von Schriftzeichen normierend in die Schriftentwicklung einzugreifen. Ersteres war offenbar akzeptabel, letzteres nicht.
Was nun könnte die chinesische Regierung, nach Maos Tod in einer gefährlichen Übergangsphase, dazu bewogen haben, die Schriftreform so schnell wieder zurückzunehmen? Wer gedacht hätte, die Kulturrevolutionäre hätten die Schriftreform forciert, liegt wohl nicht richtig. Im Jahr 1977 wird den Mitgliedern der "Viererbande" nämlich nachgewiesen, sie hätten 1975 die Umsetzung der zweiten Liste von verkürzten Zeichen boykottiert und sich immer wieder negativ zur Schriftreform geäußert. Auch sind nicht alle Opfer der Kulturrevolution Gegner der Schriftreform.Viele Mitglieder des Chinesischen Komitees für Schriftreform wurden während der Kulturrevolution als "akademische Autoritäten" verfolgt. Wie schon vor der Kulturrevolution betrieben auch nach 1976 diejenigen Fraktionen innerhalb der Kommunistischen Partei die Schriftreform, die sich auf die Politik von Reform und Öffnung geeinigt hatten.
Am grünen Tisch erdacht und von der Bevölkerung abgelehnt
Die einschlägigen Publikationen verweisen daher auf das Ausmaß der Kritik, die sich nach der Einführung der Kurzzeichen der zweiten Liste entwickelte. Die Reaktion war erstaunlich heftig, schon im ersten Monat nach der Veröffentlichung der neuen Liste gingen 8348 Zuschriften bei der Kommission ein, mit einer Vielzahl von Korrekturvorschlägen. In den wichtigsten Zeitungen wurden Artikel veröffentlicht, die die Vorgehensweise der Sprachplaner grundsätzlich kritisierten. Die Argumente kommen auch dem Benutzer einer alphabetisierten Schrift nicht unbekannt vor. So beklagte man den Verlust an Differenzierung durch Eliminierung von Schriftzeichen. Es würden Mißverständnisse befördert und die Lesbarkeit der Texte beeinträchtigt. Da man gleichzeitig Vulgärformen legalisiert und eine Kürzungssystematik zur Norm erhoben habe, sei das neue System letztlich unsystematisch.
Alles in allem sei man viel zu rasch vorgegangen, habe die Intellektuellen viel zuwenig konsultiert und Wissenschaftler, die Bedenken formulierten, aus der Diskussion ausgeschlossen. Der Plan sei von einer Minderheit am grünen Tisch erdacht und von der Bevölkerung abgelehnt worden.
Die Intellektuellen wurden noch gebraucht
Wahrscheinlich enthält der Verweis auf die zuwenig konsultierten Intellektuellen den Schlüssel zum Verständnis. Die chinesischen Intellektuellen sehen sich als Fürsprecher der "Bevölkerung", sie meinen zu wissen, was "die Massen" wollen, und betätigen sich als Vermittler zwischen Volk und politischer Elite wie zwischen Elite und Volk. Die politische Elite wiederum wußte, daß sich die Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts in dieser Haltung auf eine lange Tradition stützen konnten. Wenn sie die Intellektuellen nicht braucht, um sich der Unterstützung des Volkes zu vergewissern, unterdrückt sie die Kritiker erbarmungslos. Kann sie dagegen auf die Unterstützung der Intellektuellen nicht verzichten, muß sie ihre Vorschläge berücksichtigen.
Genau das hat die chinesische Regierung im Jahr 1978 getan: Für die von ihr ins Visier genommene Politik von Reform und Öffnung brauchte sie die Intellektuellen. Sie setzte sich also über die Kritik der kulturellen Elite an der Schriftreform nicht einfach hinweg, sondern nahm sie ernst und setzte sie in Politik um - zunächst ohne großes Aufsehen, später dann sogar per formellen Beschluß: eine typisch chinesische Kompromißlösung.
Schritt zurück als Schritt in die Zukunft
Bleibt die Frage, wie es gelungen ist, die Betreiber der Reform ruhigzustellen. Hier hat wohl die technische Entwicklung der Bewahrung der Tradition einen Dienst erwiesen. Im Jahr 1978 beginnt nämlich die Arbeit an einer computertauglichen Kodierung der chinesischen Schrift. Plötzlich stehen nicht mehr die Vereinfachung und Alphabetisierung der chinesischen Schrift im Vordergrund des Interesses der Sprachwissenschaftler, sondern die Normierung als Voraussetzung für die Kodierung. Für die Sprachwissenschaft eröffnete sich damit ein ganz neues Betätigungsfeld und dem chinesischen Schriftsystem eine neue Überlebenschance. Der Computer erleichtert das Erlernen und Benutzen der chinesischen Schrift in so starkem Maße, daß die Alphabetisierung der chinesischen Sprache nur noch als Hilfsmittel zum Erlernen der Hochsprache und zur Benutzung der Computertastatur gesehen wird.
Im Gesetz zu Sprache und Schrift, das am 31. Oktober 2000 vom Ständigen Ausschuß des Nationalen Volkskongresses verabschiedet wurde, wird die Koexistenz mehrerer Schriftsysteme anerkannt und in den Bereichen Kunst und Wissenschaft der Gebrauch der unverkürzten Zeichen ausdrücklich zugelassen. Das Gesetz hat damit legalisiert, was sich seit langem abzeichnete: In vielen wissenschaftlichen Publikationen werden inzwischen die vor der ersten Schriftreform gebräuchlichen unverkürzten Zeichen wieder verwendet, die Hersteller von Reklameschildern können nicht mehr auf die sogenannten Langzeichen verzichten, und die Computerprogramme bieten beide Möglichkeiten an. Die Rücknahme der zweiten Verkürzungsliste hat all dies nicht behindert, sondern sogar befördert. Der Schritt zurück hat sich als Schritt in die Zukunft erwiesen.