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Rechtschreibung Wo war der Küstenschutz?

 ·  Die Kulturnation und das gestiftete Chaos, eine Schiffahrt mit fünf fs, eine Erinnerung an Manfred Kanther und am Ende ein Alb- oder ein Alptraum: Der Bundestag hat die Rechtschreibreform debattiert.

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Wie würde es der deutschen Rechtschreibreform auf der einhundertfünfundvierzigsten Sitzung des Deutschen Bundestages ergehen? Es war sechs Uhr abends. Das war für die Rechtschreibung um Stunden zu früh. Auf der Tagesordnung war die Beratung des Antrags von CDU und CSU zur deutschen Rechtschreibung als Punkt 14 a aufgeführt.

Wenn man alle Punkte und die dort angegebene Dauer der Diskussionen bis zu Punkt 14 zusammenzählte und bedachte, daß Debatten sich hinauszögern könnten, andere Debatten vielleicht nicht zu Wort kämen, weil sie als Protokoll eingereicht würden - denn das kann man dort machen -, dann würde der Reformfall der deutschen Rechtschreibung gegen neun Uhr abends verhandelt werden müssen. Das war eine Hochrechnung und eine Annahme, auf der man draußen nicht spazierengehen kann. Der Trend ging ja auch in die andere Richtung: Siebentausend Menschen kamen wie jeden Tag, um sich den Reichstag und die deutsche Demokratie bei der Arbeit anzuschauen. Ich blieb.

Weiss und die Zuckerrüben

Gegen sieben Uhr waren die Besucherränge im Plenum leer gefegt. Das war die Zeit der Debatte um die Reform des europäischen Zuckermarktes einerseits und der Debatte über die Verbesserung der Sicherheit an den Küsten Deutschlands andererseits. Das sind interessante Themen, auch wenn sie einer Öffentlichkeit entgehen, die sich mehr für Kultur zu interessieren scheint. Rund zweihundertdreißigtausend Bauern ziehen in Europa Zuckerrüben aus dem Acker. Die Kulturstaatsministerin Christina Weiss schien von dem Thema ebenfalls angezogen zu werden, denn sie kam mitten in der ohne Leidenschaft, aber mit Bodenständigkeit geführten Diskussion in das Plenum und auf ihren Platz in den weitgehend leeren Ministerreihen zurück, den sie vor der Debatte um die Gleichstellung der Frau verlassen hatte.

Nahezu alle Redner waren sich einig, daß endlich eine schlagkräftige deutsche Küstenwache aufgestellt werden müsse, die sich des Terrorismus auf hoher See annehme und daheim für Heimatschutz sorge - fünf Bundesbehörden stechen heute mit ihren Kompetenzen gemeinsam in See.

Nur Phoenix hielt aus

Im Plenum saßen zu diesem Zeitpunkt viele Frauen unter den rund vierzig, fünfzig Politikern, die kamen und gingen. Auf der Höhe der Zuschauerränge hielten nur noch die vier Kameras von Phoenix, rechts zwei, links zwei, aus. Es ging darauf unverhofft flott durch die Tagesordnung. Die Debatte über den folgenden Antrag der CDU/CSU zum „Naturschutz im Miteinander von Mensch, Tier, Umwelt und wirtschaftlicher Entwicklung“ war auf eine halbe Stunde angesetzt. Wer hätte hier nun nicht Gesprächspotential entdeckt? Doch während der Zuhörer noch lange denkt, hat das Plenum längst gelenkt. Der Antrag wurde zu Protokoll gegeben. So auch Punkt 13, die „Umsetzung von Vorschlägen zu Bürokratieabbau und Deregulierung aus den Regionen und zur Änderung wohnungsrechtlicher Vorschriften“.

Deswegen standen wir im Plenum kurz vor neun Uhr auf einmal vor der deutschen Rechtschreibreform. Keine schlechte Zeit. Da sagte schon der erste Redner aus der Reihe der Opposition, daß die Sprache nicht Sache der Politik sei, doch die Politik, da sie in der Sprache ein Chaos „gestiftet“ (besser wäre: angerichtet) habe, nun ihrer Ordnungsfunktion gerecht werden und Ordnung in der Sprache schaffen müsse. Der Bundestag sollte sich deshalb der Rechtschreibreform widmen. Die Sprache, so der Redner, sei „das Heiligste der Kulturnation“. Der Redner setzte damit hinter die europäische Zuckerrübe und den deutschen Küstenschutz ein schweres Wort.

Die Sprache dem Volke

Ein Redner der Regierung wünschte dem bayerischen Wissenschaftsminister Hans Zehetmair für seine Arbeit als Vorsitzender des Rats der deutschen Rechtschreibung viel Erfolg. Ein Freidemokrat meinte, „wir“ müßten uns bei den Schülern entschuldigen und zurück zur alten Rechtschreibung gehen. Die Rechtschreibung sei etwas, das sich im und durch das Volk „organisch“ entwickle - damit gelang der Zuckerrübe vor dem Küstenschutz ein metaphorischer Punkt. Er endete mit der Aufforderung an Hans Zehetmair: Geben Sie die Sprache dem Volk zurück (Klang das nun aber nicht völlig kontraproduktiv nach: Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire?).

Eine Rednerin aus der Regierungsreihe nahm die Schüler und die Schulbücher vor der Zumutung in Schutz, wieder zur alten Rechtschreibung zurückkehren zu sollen. Auch wegen der Verlage sei die Stimmung im Volk in Sachen Rechtschreibreform ins Schwanken geraten. Das Thema sei von „nationaler Bedeutung“ - damit zog der deutsche Küstenschutz mit der europäischen Zuckerrübe wieder gleichauf.

Schifffffahrt

Ein Redner der Opposition forderte Hans Zehetmair auf, Akzeptanz für eine verbindliche neue Rechtschreibung zu gewinnen. Ein Redner aus den Regierungsreihen durchbrach den Willen zur Einheit mit der Erklärung, daß die Schriftsteller Schifffahrt auch mit fünf fs schreiben können, denn darin liege ja ihre künstlerische Freiheit, und sie kämen auch mit fünf fs in die Schulbücher, was natürlich ebensowenig stimmt wie der folgende Vorwurf: Vor acht Jahren seien sie von Herrn Kanther, der sich damals mit der Rechtschreibreform befaßt habe, aufgefordert worden, Stellung zu nehmen - und hätten sich, anders als heute, nicht gerührt.

Auch in dieser Zeitung, die an der alten Rechtschreibung festhalte, setze sich die neue durch. Der Redner hatte in einer Überschrift einen „Albtraum“ gefunden: mit dem, wie er glaubte, „neuen b“. Die Opposition klärte den Eifrigen darüber auf, daß die neue Rechtschreibung ein „p“ im Alb vorsieht, diese Zeitung aber seit jeher dem etymologisch richtigen „b“ den Vorzug gibt. Die Stimmung im schreibenden Volk wird durch solche Träume nicht besser. Der Antrag wurde in den nächsten Ausschuß durchgewinkt. Ich schlief ein und hatte zum ersten Mal wieder „Alpträume“.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2004, Nr. 284 / Seite 35
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