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Rechtschreibung Politik als Gerede

11.08.2004 ·  Ausgerechnet die Rechtschreibung ist jetzt einer Gruppe ausgeliefert, die wenig davon versteht. Das Gerede, nicht mehr das Schreiben steht heute im Mittelpunkt der Aufgabenbeschreibung der Politiker.

Von Andreas Platthaus
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Wer redet nicht alles mit in der Debatte um die Rechtschreibreform? Aber wer schreibt denn danach? Die Lehrer doch wohl, weil sie die neuen Regeln zu unterrichten haben. Die Schüler sicher, weil sie danach zu lernen haben. Die Sprachwissenschaftler vielleicht, weil sie diese Regeln erarbeitet haben. Staatsbedienstete, weil es ihnen befohlen wurde. Aber keine dieser Gruppen lebt vom geschriebenen Wort. Das aber tun Schriftsteller und Journalisten, die jedoch bei Reformbefürwortern sofort als reaktionäre Störenfriede gelten, wenn sie ihrem Unmut über die Reform Luft machen.

Aber wie dem auch sei, von nun an wird erst einmal nur noch die Meinung einer weiteren Gruppe maßgeblich sein: die der Politiker, weil sie über die Reform zu entscheiden haben. Selbst die vorgeschlagene Einberufung eines Rats für deutsche Rechtschreibung, also einer weiteren jener typisch deutschen Kommissionen, wird wiederum nur auf Inititative der Kultusminister erfolgen. Damit soll Kompetenz simuliert werden, obwohl doch die Entscheidung weiter in Politikerhand liegt.

Einer Gruppe ausgeliefert, die wenig davon versteht

Ausgerechnet die Rechtschreibung ist jetzt einer Gruppe ausgeliefert, die wenig davon versteht. Bei ihr herrschen andere Interessen: Politiker betreiben einen Beruf, dessen Inhalt nach Max Webers bekannter Formulierung die Zukunft ist "und die Verantwortung vor ihr". Deshalb wird von ihnen so gern das Leid der Schüler beschworen, als gäbe es kein Leid derjenigen, die nicht mehr zur Schule gehen oder, schlimmer, sie samt den neuen Regeln noch vor sich haben.

"Mit dem Datum des Geburtsscheines bei Diskussionen überstochen zu werden, habe auch ich mir nie gefallen lassen", wettert Weber in "Politik als Beruf". Und fährt wenig später fort: "Nicht das Alter macht es. Aber allerdings: die geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens und die Fähigkeit, sie zu ertragen und ihnen innerlich gewachsen zu sein." Das verstand Max Weber unter den Anforderungen des Politischen.

Wann prüfen sich die Reformer?

Rücksichtslosigkeit haben wir bei der Rechtschreibreform zur Genüge erlebt. Aber wo ist sie in Webers Sinne beim Blick auf die Realität sich selbst gegenüber geblieben? Zur Realität des heutigen Lebens gehört, daß Politiker - anders als zu Webers Zeiten - nicht mehr schriftbegabt sind. Wie sollten sie auch? Ihre Aufgabenbeschreibung ist nicht erst seit der "Medienkanzlerschaft" Gerhard Schröders eine, die das Gerede und nicht mehr das Schreiben zum Mittelpunkt hat. Soll heißen: Was zählt, ist das gesprochene, nicht das geschriebene Wort. Das schlägt durch auf das Bild des Politikers: auf seines von der Welt und auf unseres von ihm.

Im dritten Band von Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen", die auf Wunsch der Erben des Fürsten nicht zu Lebzeiten von Kaiser Wilhelm II. veröffentlicht werden sollten und nach dessen Flucht nach Holland doch schon 1921 erschienen, findet sich ein aus vier Schreiben bestehender Briefwechsel zwischen dem damaligen Prinzen Wilhelm und dem Reichskanzler, der von Ende November 1887 bis Mitte Januar 1888 geführt wurde und zusammen siebzehn Druckseiten umfaßt. Allein Bismarcks Antwort auf die beiden ersten Schreiben Wilhelms ist mehr als acht Seiten lang und ist, abgesehen vom üblichen Zierat ("Ew. Königliche Hoheit wollen mir huldreich verzeihn, daß ich Hochdero gnädige Schreiben ... noch nicht beantwortet habe"), ein Meisterstück der Stilistik wie der Präzision - bis hin zur höflichst formulierten Schroffheit, wo diese angebracht erscheint.

Einst erfahren in der Kunst des Wortes

Der Brief fügt sich aufs schönste in das große Memoirenwerk des greisen Bismarck ein, das zum Besten gehört, was in deutscher Sprache im neunzehnten Jahrhundert geschrieben worden ist. Damals waren Politiker "hommes des lettres", denn ihre Amtsführung bestand zu nicht unerheblichen Teilen in Notenwechseln mit in- und ausländischen Stellen, und je genauer und eleganter man sich da auszudrücken verstand, desto mehr Wirkung erzielten die Schreiben. Natürlich gab es Zuarbeiter in den Kanzleien und Ministerien - das zeigt nicht zuletzt die "Daily Telegraph"-Affäre von 1908, als ein Regierungsmitarbeiter mit dem Redigat eines Kaiser-Wilhelm-Interviews beauftragt war und diese Aufgabe reichlich sorglos erledigte. Doch die wichtigen Reden, Briefe und Stellungnahmen schrieben die Politiker damals selbst: Das gehörte zu ihrem Berufsverständnis. Und es machte sie erfahren in der Kunst des Wortes.

Bücher wie die "Denkwürdigkeiten" des Reichskanzlers Bernhard von Bülow, der 1909 demissionierte, oder die Memoiren seines 1932 entlassenen Nachfolgers Heinrich Brüning, die erst posthum 1970 erschienen, zeigen bei allem persönlichen Rechtfertigungsdrang einen an der Präzision der Kanzleisprache geschulten Stil, der sich mit der Wortgewandtheit geübter Debattenredner verbindet. Kann sich dagegen heute jemand ein wortmächtiges Buch aus der Feder eines aktuellen Politikers vorstellen - oder gar einen Briefwechsel von der literarischen Qualität der Bismarckschen Episteln?

Die Aufgaben sind neu verteilt. Politiker müssen längst nicht mehr auf Eleganz oder Stil achten, sondern auf Schlagworte, damit sie fernsehgerechte "Statements" abgeben können. Mündlichkeit ist heute zwar vorherrschendes Prinzip in der Politik, ohne daß dafür aber eine rhetorische Schulung in der Praxis erfolgte, wie sie früher durch die großen Parlamentsdebatten üblich war. Das Plenum hat gegenüber dem Fernsehpublikum als Adressat von politischen Willensbekundungen ausgedient, denn Wirkung erzielt man mit der kompetenten Kurzmitteilung, nicht mit jenem eloquenten Wortkunststück, das antike Rhetorikideale zum Ziel haben. Ihnen galt der Redner per se als "vir bonus", als guter Mensch. Das setzte Bildung voraus. Heute, so hört man aus der Politikberatung, dürfe überhaupt nichts mehr vorausgesetzt werden, weder bei Mandatsträgern noch bei den Wählern.

Hilflosigkeit, die im Gespräch durchgehen mag

Äußerungen im Fernsehen beruhen deshalb auf heuristischen Verfahren, die sich aus Wortbaukästen bedienen, deren Einzelbegriffe oder Floskeln zu eindrucksvoll klingenden, aber semantisch verheerenden Gebilden zusammengesetzt werden. Das macht jedoch nichts, weil Sendezeit verfliegt und mit ihr das gesprochene Wort, während Lesezeit von grausamer Geduld ist. Erstaunlich, daß es überhaupt noch Politiker gibt, die es wagen, als Autoren statt allein als Interviewpartner aufzutreten.

Im Gegensatz zu Frankreich gilt jedoch das eigene Buch - als Nachweis eines Sprach- und Argumentationsvermögens, das die engen Grenzen politischer Aktivität überschreitet - nicht als Pluspunkt in der Biographie eines deutschen Politikers. Hierzulande schreiben Politiker aus handfesten materiellen Interessen, und je populärer Thema und Sprache ausfallen, desto besser. Joschka Fischer beginnt sein 1999 erschienenes Buch "Mein langer Lauf zu mir selbst" mit der erstaunlichen Banalität: "Die menschliche Zivilisation verfügt über viele Segnungen und gar manche Krankheiten, wobei die Segnungen - so meine ganz persönliche Meinung - per Saldo überwiegen." Wenn es schon als "ganz persönliche Meinung" gelten muß, daß man dem Leben mehr positive als negative Seiten abgewinnen darf, dann nimmt Fischer sich entweder selbst zu wichtig, oder er hat bizarre Vorstellungen von der Lebenslust seiner Umgebung. Jedenfalls ist der erste Satz seines Buches eine Hilflosigkeit, die im Gespräch durchgehen mag, doch der intensiveren Überprüfung, die das Schriftliche dem Leser nun einmal ermöglicht, nicht standhält.

Das letzte überzeugende Erinnerungsbuch

Über Stil ist gar nicht erst zu reden. Helmut Kohl hebt im ersten Band seiner Memoiren an: "Ich bin ein klassisches Beispiel dafür, welchen Einfluß das Elternhaus hat." Als "klassisch" nach heutigen Maßstäben erweist sich dieser Satz selbst, als Exempel für die unreflektierte Verwendung von Worthülsen und die Profanierung ästhetischer Kategorien. Immerhin aber hört man da noch eine authentisch klingende Stimme. Leider fehlt ihr der mörikehafte Klang eines Theodor Heuss, der in seinen Schriften einen Regionalismus zum Ausdruck gebracht hat, der bis hin zu den intellektuellen Bezugspersonen konsequent schwäbisch war. Darin bestand der große Reiz seiner Publikationen.

Seit Carlo Schmid als bislang letzter deutscher Politiker 1979 ein auch stilistisch überzeugendes Erinnerungsbuch publizierte, das zur Gänze von ihm selbst verfaßt worden ist, haben sich seine prominenten Kollegen in die Hände von Ghostwritern begeben, die vielleicht genau wissen, was das große Publikum von einer Biographie erwartet, aber dadurch den berufsbedingten Abstand der angeblichen Verfasser zur Schriftsprache noch weiter vergrößern.

Das delegierte Schreiben

Wer schreibt heute überhaupt noch als Politiker Texte, die nicht sein Minister- oder Abgeordnetenbüro vorformuliert hätte? Johannes Rau galt als einer der wenigen Vertreter seines Standes, der noch höchstpersönlich zur Feder griff, oft sogar ohne Wissen seiner Mitarbeiter im Bundespräsidialamt. Die Vorstellung aber, daß etwa Horst Köhler und Gerhard Schröder einen gedankenreichen Briefwechsel führen könnten, ist aberwitzig. Wer nähme sich heute die Zeit dafür, wo doch ein Radio- oder Fernsehinterview die Botschaft vermeintlich schneller und deutlicher transportiert? Und das auch noch unter Anteilnahme des Publikums.

Man mag es begrüßen, daß Politik heute so sehr der Öffentlichkeit zugewandt ist. Doch der Verlust des Persönlichen hat seine Nachteile, und diese liegen in der Lösung von der Schriftkultur, vom Akt des Schreibens. Kein Wunder also, daß in der Kultusministerkonferenz so sorglos mit Veränderungen sinnentstellender Art umgegangen worden ist. Die Politikersprache hat mit Rechtschreibung nichts zu tun, denn sie dient nur der Äußerung, nicht der Vertiefung. Deswegen sollte die Politik diesen Streit denen überlassen, die täglich mit der Schriftsprache zu tun haben. In einem Fernsehgespräch wird man ein modisches Erscheinungsbild ohne Risiko des Mißverständnisses als "wohlgekleidet" beschreiben können. In der den Politikern vertrauten Domäne des Geredes gibt es keine negativen Auswirkungen der neuen Rechtschreibung. Aber man stelle sich die gleiche Äußerung in schriftlicher Form und nach den neuen Regeln vor. Wenn es um die Kompetenz der Teilnehmer an der wieder entflammten Debatte um die Rechtschreibung geht, muß gelten: Reden ist Silber, Schreiben ist Gold.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2004, Nr. 186 / Seite 33
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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