06.08.2004 · Über das „Unwesen“, das „seit einigen Jahren auf unerhörte Weise mit der deutschen Rechtschreibung getrieben“ wird, schimpfte schon Schopenhauer. Seine Kritik ist heute so aktuell wie damals.
Von Henning Ritter"Ferner will ich hier die Gelegenheit nehmen, das Unwesen zu rügen, welches seit einigen Jahren auf unerhörte Weise mit der deutschen Rechtschreibung getrieben wird." Arthur Schopenhauer, der mit diesen Worten vor genau hundertsechzig Jahren im zweiten Band seines Hauptwerks "Die Welt als Wille und Vorstellung" seine Philippika gegen willkürliche Sprachveränderungen einleitet, hat damals nicht gesiegt.
Wäre es nach ihm, dem bärbeißigen, reaktionären Privatier gegangen, man hätte eine Zensurbehörde eingerichtet, die das gesamte Druckwesen überwacht und die Abweichungen von der herkömmlichen Schreibweise mit Strafen belegt hätte. Wie viele Leser haben die Seiten gegen die Tendenzen der Verkürzung und Verhunzung der Sprache gefunden? Zu seiner Zeit waren es wenige, und die wenigsten von ihnen mochten seinen Zornausbrüchen folgen.
Unnütze Bücher
Schopenhauer hat nicht gesiegt, er konnte nicht siegen, weil er vor allem die Zeitungen angriff und jene Schreiberlinge, die "so viele unnütze Seiten, unnütze Bogen, unnütze Bücher" schrieben. Er hatte etwas entdeckt und in seiner pedantischen Art an allem, was ihm erreichbar war, an Büchern und Zeitungen verifiziert: daß es nämlich ein anhaltendes Bemühen gab, die Wörter und Sätze zu verkürzen, ihnen vermeintlich Entbehrliches, Umständliches zu nehmen.
Aus "Nachweisung" wurde "Nachweis", aus "Untersuchung" wurde "Untersuch", aus "Unterbrechung" "Unterbruch", "auflöslich" wurde zu "löslich". Und Schopenhauer meinte nun, daß die Maßnahmen dieser "Wortbeknapper" kein anderes Ziel hatten, als, wo es nur ging, zu sparen und die Papiervergeudung durch Vielschreiberei "an den unschuldigen Silben und Buchstaben wieder einzubringen". Es war ein Einfall in Swifts Art, ein Komplott zur Verkürzung, Verknappung und Vernichtung der Wörter.
Endlose Debatten
Was immer an diesem Verdacht sein mochte, er traf im entscheidenden Punkt den Nagel auf den Kopf: Sprachveränderung mit einem Ziel, das mit der Sprache nichts zu tun hatte, mit vorgeschobenen Argumenten und Gründen. Man kennt dies aus der aktuellen Reformdiskussion: endlose Debatten über einzelne Vorschläge neuer Schreibweisen, die in Haarspaltereien enden, ohne zu einer einsichtigen Entscheidung zu führen.
Was wollen die Reformer? Mit dem Argument, es den Schulkindern und allen Deutschlernenden leichter zu machen, konnten sie zwar Geduld und Gutmütigkeit auf die Probe stellen, sobald es aber zur praktischen Ausführung kam, war von Erleichterung nicht mehr die Rede. Im Gegenteil, je länger mit der reformierten Rechtschreibung gearbeitet wird, desto unabweisbarer wird, daß es mit dem Lernen kein Ende haben kann.
Falsche Kürze
Man müßte ein Satiriker sein wie Schopenhauer, der überall ein "Treiben jener falschen Kürze" sah, eine Verschwörung gegen das Zweckdienliche der Sprache, um sich einen Reim auf die Fülle der Veränderungen zu machen, die heute mit Bedacht und in der Absicht der Verbesserung der Sprache und Schrift gemacht werden. Denn es ist heute nicht anders als bei den von Schopenhauer beobachteten, scheinbar spontanten Sprachveränderungen. Man weiß nicht, was dahintersteckt, man möchte wenigstens die Absichten erraten, wenn man es im einzelnen schon nicht verstehen kann.
Schließlich ist der Verdacht unausweichlich, daß der Antrieb all dessen in einem Unbehagen an der eigenen Sprache und ihrem Erscheinungsbild liegt. Aufschlußreich dafür ist die unübersehbare Neigung zur Getrenntschreibung, das Unbehagen an den langen zusammengesetzten Ausdrücken, durch die sich das Deutsche von den Sprachen seiner Nachbarn unterscheidet. Wer auf das Englische blickt, wird zwangsläufig mit einem gewissen peinlichen Gefühl der deutschen Bandwurmwörter inne.
Geopferte Nuancen
Solche Peinlichkeit dürfte der verborgene Antrieb vieler Entscheidungen der Rechtschreibkommission sein. Man sieht das Gremium vor sich: Kann man da, bei diesem langen Wort, nicht noch etwas machen? Trennen! Daß dabei in der Regel nicht nur aus einem Wort zwei werden, sondern gleichzeitig ein Wort aus dem Lexikon verschwindet, macht offenbar den Reiz dieser Prozedur aus. Wenn man "verlorengehen" trennt, so hat man zwei überschaubare Wörter vor sich, aber eine Bedeutungsnuance geopfert, die nur in einer eigenen Schreibweise aufscheint: verlorengehen.
Schopenhauer hätte den Deutschen unserer Tage die sehnsüchtigen Blicke auf das Englische mit demselben Argument verwehrt, das er gegen die "eingerissene Sprachökonomie" seiner Zeit anführte: "Dem Deutschen ist es sogar gut, etwas lange Worte im Mund zu haben: denn er denkt langsam, und sie geben ihm Zeit zum Besinnen."
Inspirierend sind Schopenhauers rüde Ausfälle gegen die Schriftsteller, Verlage und Zeitungen seiner Zeit, weil sie daran erinnern, daß die Beziehung zur Sprache, ob man will oder nicht, eine konservative ist. Es gilt zu bewahren, weil von außen herangetragene Zwecke an der Sprache abgleiten können oder die subtile Verkettung von Bedeutungen, die in ihr schon realisiert ist, zerstören: "Die Sprache, zumal eine relative Ursprache wie die deutsche, ist das köstlichste Erbteil der Nation und dabei ein überaus kompliziertes, leicht zu verderbendes und nicht wieder herzustellendes Kunstwerk, daher ein ,noli me tangere'."